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Begeisterung für Fußball-WM bleibt in der Region aus

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Von: William-Samir Abu El-Qumssan, Cora Zinn, Damai Dewert

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Auf dem Foto sind Ilona und Jürgen Finster zu sehen.
Statt schwarz-rot-goldenen Fahnen hängt ein einziger Banner am Haus der Finsters in Gudensberg. Ilona und Jürgen Finster (Foto) hatten 2016, 2018 und 2021 zum Start der Fußball-Weltmeisterschaften sowie -Europameisterschaften ihr Haus in der Fritzlarer Straße auffällig geschmückt. © Peter Zerhau

Die viel diskutierte Fußball-Weltmeisterschaft in Katar ist gestartet. Von Begeisterung ist bei den Fußball-Clubs in der Region wenig zu spüren.

Kreisteil Melsungen – Die umstrittene Fußball-Weltmeisterschaft (WM) startet am Sonntag in Katar. Heimische Fans sehen die WM in einer nicht-repräsentativen Umfrage durchweg kritisch. Schauen wollen sie die Spiele – zumindest die der Deutschen Nationalmannschaft – dennoch.

Weder verspüre er Vorfreude noch habe sich irgendein WM-Gefühl eingestellt, sagt Andreas Garde. Sonst brenne er schon Wochen vor Beginn der Spiele. Der Beiseförther ist Sprecher im Kreisfußballausschuss Schwalm-Eder des Hessischen Fußballverbandes (HFV). Sich selbst bezeichnet der 45-Jährige als hoffnungslosen Fußballromantiker, aber über die WM in Katar könne man nur schreiben: „Gier frisst Hirn“. Wenn möglich, versuche er bei Spielen live dabei zu sein, Karten für Spiele in Katar hätte er nicht geschenkt gewollt. Dennoch werde er die Spiele im TV nicht boykottieren.

Fußball-WM in Katar: Kritik ja – Boykott nein

„Für Spieler und Fans ist die WM sportlich einfach das Größte. Das möchte ich dann schon sehen“, sagt er. Aber heiß sei er nicht: „Die Verbände haben sich schon vor Jahren von den Fans entfremdet. Das ist nicht der Weg, den der Fußball gehen sollte.“ In seinem Bekanntenkreis gebe es keine Tippspiele, keine Verabredungen zum gemeinsamen Schauen und er habe sich für die Höhepunkte nicht schon vorsorglich freigenommen. Es fehlten einfach die Emotionen.

Eine moralische Verpflichtung zum Boykott sehe er ebenfalls nicht, sagt Alfred Weigand. Der langjährige Vorsitzende des Melsunger Fußballvereins und Ehrenvorsitzende übt dennoch scharfe Kritik am Weltverband Fifa. Für die lebensbedrohlichen Arbeitsbedingungen und die vielen Toten trage die Fifa die Verantwortung.

Das müsse man in aller Deutlichkeit so sagen. Denn die Fifa habe die WM nach Katar vergeben. Das hätte nicht passieren dürfen. Der Winter als Austragungszeit ärgere ihn nicht so sehr, aber alle Befürchtungen zum Austragungsland Katar hätten sich bestätigt und müssten aufgearbeitet werden, sagt der 78-jährige Jurist. Es ärgere ihn, dass jahrelang alles hingenommen wurde, die Empörung jetzt aber riesengroß sei.

Fußball-WM in Katar: Spieler sollen Zeichen setzen

„Bei mir kommt keine Euphorie auf“, sagt Mario Kilian, Mittelfeldspieler bei der SG Brunslar/Wolfershausen. „Und eigentlich habe ich mir vorgenommen, nicht zu schauen. Aber die Spiele der deutschen Mannschaft gucke ich dann doch.“ Und das, obwohl sich mit jeder Dokumentation im Fernsehen und weiteren Berichten in der Zeitung die Gründe häufen, nicht einzuschalten.

Warum Kilian doch einschaltet? „Am Ende geht für viele der Nationalspieler ein Traum in Erfüllung, dass sie bei einer WM spielen können.“ Da ist Kilian im Herzen doch zu sehr Fußballspieler. Für den Gensunger werde es jedoch eine ganz neue Erfahrung, Fußball eher neutral und ohne Emotionen zu gucken. 2014, als Deutschland Weltmeister wurde, ist er vor Freude noch durch die Gegend gesprungen. „Das wird es dieses Jahr nicht geben“, sagt der 33-Jährige.

Sein Desinteresse an der WM sei ihm besonders in einem Gespräch mit einem Freund aufgefallen. „Wir wussten gar nicht, wer mit Deutschland in einer Gruppe spielt“, sagt der Eintracht Frankfurt-Fan. Sein Wunsch für das Turnier ist aber auch, dass sich die deutschen Fußballer zu Menschenrechten und Gleichberechtigung positionieren. „Da sehe ich vor allem Kapitän Manuel Neuer in der Pflicht“, sagt Kilian.

Im Hause Finster in Gudensberg hat sich kurz vor einer Weltmeisterschaft immer alles um den Fußball gedreht. Jetzt, einen Tag vor dem WM-Start in Katar, sieht es ganz anders aus. Jürgen und Ilona Finster boykottieren die WM in Katar: „Ich schaue kein einziges Spiel, weil ich die Umstände vor Ort verachte“, sagt Jürgen Finster deutlich. Seine Frau Ilona stimmt dem klaren Statement zu. Das Haus in der Fritzlarer Straße wird diesmal also nicht voller Fahnen, schwarz-rot-gelben Wimpeln und Girlanden geschmückt sein.

Fußball-WM in Katar ist „ein Unding“

In festlicher Stimmung ist auch Nils Weigand nicht. Der Melsunger ist Vorsitzender des Melsunger Fußballvereins. Die WM in Katar hält er für ein Unding. Neben den Menschenrechtsverletzungen und den toten Arbeitern sei sie vor allem auch nicht nachhaltig. Dort seien riesen Stadien in die Wüste gebaut worden, die klimatisiert werden müssten und für die es im Anschluss keine akzeptable Nutzung gebe.

Die Schuldigen an dieser WM seien die damaligen Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees gewesen. Trotz massiver Korruptionsverdächtigungen gehöre zur Wahrheit, dass eigentlich nur die Vereinigten Staaten gegen die Schuldigen vorgingen. In Deutschland und in der Schweiz, dem Sitz der Fifa, werde das unter den Teppich gekehrt.

Die europäischen Verbände und die Sponsoren müssten der Fifa geschlossen entgegentreten, um solche Vergabepraktiken künftig zu verhindern. Die Spiele schaue er aber dennoch, die Spieler zu bestrafen, sei der falsche Weg. (Cora Zinn/Damai D. Dewert/William Abu El-Qumssan)

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