Interview mit Hospizgruppen-Koordinatorin

Bedürfnisse von sterbenden Menschen in Zeiten von Corona

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Corona im Schwalm-Eder-Kreis: Bedürfnisse von sterbenden Menschen 

In Zeiten von Corona bleiben die besonderen Bedürfnisse von  sterbender Menschen auf der Strecke. 

  • Corona breitet sich weiter im Schwalm-Eder-Kreis aus 
  • Auch die Arbeit von Sterbebegleitern ist zurzeit nicht ohne weiteres möglich
  • Interview mit der Koordinatorin einer Hospizgruppe

Ab heute sind Besuche in Alten- und Pflegeheimen im Schwalm-Eder-Kreis nach der Corona-Pause wieder möglich. Einmal pro Woche darf ein Angehöriger oder eine enge Bezugsperson für eine Stunde Menschen in Pflegeeinrichtungen besuchen. Dies sei zwar ein erster Schritt, sagt Petra Hochschorner, Koordinatorin der Hospizgruppe Melsungen/Felsberg, aber reiche bei Weitem nicht aus.

Insbesondere den Bedürfnissen sterbender Menschen und ihren Angehörigen könne man in der Corona-Krise nicht gerecht werden. Soziale Kontakte müssten dringend ermöglicht werden.

Corona im Schwalm-Eder-Kreis: Trauerbegleitung in der Krise 

Frau Hochschorner, die Ehrenamtlichen der Hospizgruppe begleiten sowohl Sterbende als auch Menschen in Trauer. Ist Ihre Arbeit derzeit überhaupt möglich?

Leider können wir den Menschen zurzeit nicht die Hilfe bieten, die sie benötigen und die wir sonst anbieten. Statt persönlichen Besuchen versuchen wir, telefonischen Kontakt zu denen zu halten, die wir schon vor der Krise begleitet haben. Aber ein Telefongespräch ist leider nicht mal mit der Hälfte der Menschen möglich. Wir schreiben auch Briefe an die Menschen. Aber diese ganzen Bemühungen können unsere eigentliche Unterstützung, unser Dasein, nicht ersetzen.

Sie meinen den persönlichen Kontakt von Angesicht zu Angesicht.

Ja, genau. Ein Telefonat oder ein Brief sind einfach nicht mit einem persönlichen Besuch zu vergleichen. Die Hand eines Todkranken oder auch die dessen Angehörigen zu halten, ruft ein völlig anderes emotionales Gefühl hervor. Das ist durch nichts zu ersetzen. Die Botschaft „Du bist nicht allein“ in einem Telefonat oder einem Brief zu transportieren, ist nicht in dieser Form möglich. Dazu braucht es menschliche Nähe. Und die kommt auch bei denjenigen an, die nicht mehr telefonieren können.

Corona im Schwalm-Eder-Kreis: Menschliche Nähe und die Krise 

Aber menschliche Nähe und die Corona-Krise schließen sich derzeit aus.

Ja, genau das ist ein großes Problem. Ich höre in den Altenheimen immer Sätze wie „Ein Tag, ohne meine Angehörigen gesehen zu haben, ist ein vertaner Tag“. Sterbende äußern oft den Wunsch, nicht allein zu sein. Sie wollen, dass jemand bei ihnen ist. Und genau diesen Wünschen können derzeit weder wir noch die Angehörigen nachkommen, wenn diese nach einer Stunde wieder gehen müssen. Das sind einmalige Momente, die kann man nicht einfach nachholen wie ein abgesagtes Konzert. Und der Sterbende, der allein ist, ist nur die eine Seite. Die Trauer der Angehörigen ist die andere.

Was macht es denn mit den Angehörigen, wenn sie sich nicht verabschieden können?

Sich nicht verabschieden zu können, erschwert die Trauerarbeit sehr. Ich kann den Tod eines Menschen besser begreifen, wenn ich mich verabschieden kann. Begreifen, ist der erste wichtige Schritt im Trauerprozess. Und genau diese Situation tritt nun häufig ein. Und auch die soziale Isolation durch die Corona-Maßnahmen kann die Trauergefühle verstärken. Wir müssen unbedingt versuchen, soziale Kontakte zu ermöglichen. Durch die Schließung der Krankenhäuser und Heime verhindert man zwar, dass das Virus eingeschleppt wird, aber diese Maßnahme bringt tausend andere Probleme mit sich. Auf Dauer funktioniert das so nicht mehr.

Corona im Schwalm-Eder-Kreis: Keiner hat Schuld

Wen machen Sie für die Situation verantwortlich?

Ich möchte niemandem die Schuld zuweisen. Den Krankenhäusern und Pflegeheimen schon mal gar nicht. Die sitzen in einer Zwickmühle und für die Pflegenden dort ist die Situation ebenfalls unerträglich und wahnsinnig belastend. Sie können den Menschen auch nicht mit der üblichen Nähe und Fürsorge begegnen. Ich habe großen Respekt vor der Arbeit der Menschen in den Pflegeheimen. Man muss gemeinsam mit Politikern, Ärzten, Pflegenden und Ehrenamtlichen Wege finden, wie soziale Kontakte auf Dauer ermöglicht werden können, ohne dabei Dritte zu gefährden. Es ist enorm wichtig, sehr schnell eine Lösung zu finden. Es ist die Aufgabe einer Gesellschaft, füreinander da zu sein. Die Aufgabe können wir aber derzeit nicht erfüllen.

Wie belastend ist die Situation für Sie persönlich? Schließlich wollen Sie mit Ihrer Arbeit ja gerade verhindern, dass Sterbende und Trauernde alleine sind.

Wir sehen uns als Sprachrohr der Sterbenden, wie eine Art Lobby, die für die Interessen der Sterbenden eintritt, aber wir können unsere Arbeit einfach gerade nicht machen.

Es ist eine Mischung aus Schmerz und Sorge. Ich weiß ja genau, dass die Menschen jemanden brauchen, der für sie da ist. Dieses Gefühl, nichts oder nur wenig tun zu können, schmerzt sehr.

Corona im Schwalm-Eder-Kreis: Begleitung über Jahre

Weil auch die Beziehungen zu den Menschen, die Sie begleiten, sehr eng sind?

Ja, teilweise begleiten wir die Menschen ja auch über Jahre, beispielsweise Komapatienten, denen wir regelmäßig am Bett vorlesen. Manche Begleitungen dauern hingegen nur wenige Tage, sind aber teilweise emotional sehr intensiv.

Wie viel nehmen Sie von all diesen Erlebnissen mit nach Hause?

Natürlich gibt es belastende Situationen, aber für mich ist die Arbeit auch enorm sinnstiftend. Mir tut es gut, wenn ich sehe, dass den Menschen durch die Begleitung geholfen wird.

Corona im Schwalm-Eder-Kreis: Zur Person 

Petra Hochschorner (55) ist Diplom Psychologin und beschäftigt sich seit 1999 mit der Hospizarbeit. Mit einem Organisationsteam gründete sie im Jahr 2006 den Verein Hospizgruppe Felsberg/Melsungen. Sie ist dort hauptamtliche Koordinatorin. Die 55 ehrenamtlichen Hospizhelfer besuchen Kranke und Sterbende sowie deren Angehörige in ihrem häuslichen Umfeld, in Pflegeheimen, in Krankenhäusern in Melsungen, Felsberg, Guxhagen, Körle, Malsfeld, Morschen, Homberg und Spangenberg. Auch organisieren und leiten sie Veranstaltungen zum Thema Trauer. Petra Hochschorner lebt in Gensungen.

Von Carolin Hartung

Corona im Schwalm-Eder-Kreis

Neuigkeiten zu Corona im Schwalm-Eder-Kreis sind im News-Ticker zu finden. 

In einem Pflegeheim im Schwalm-Eder-Kreis (Nordhessen) herrscht wegen Corona-Notstand: Viele Bewohner und fast die Hälfte der Pflegekräfte sind infiziert.

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