Kindeswohlgefährdung

Gewalt gegen Kinder: Jugendamt befürchtet hohe Dunkelziffer in Corona-Zeit

Corona-Krise: Kindeswohlgefährdung - Jugendamt befürchtet Dunkelziffer
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Kinder im Blick: Jugendämter mussten im Landkreis wegen Fällen von Kindeswohlgefährdung nicht häufiger eingreifen als vor der Coronakrise. Es wird aber eine hohe Dunkelziffer befürchtet (Symbolbild).

Die Corona-Krise beschäftigt auch die Jugendämter massiv. Im Schwalm-Eder-Kreis befürchtet das Jugendamt eine hohe Dunkelziffer der Kindeswohlgefährdung.

  • Jugendamt im Schwalm-Eder-Kreis befürchtet hohe Dunkelziffer bei Kindeswohlgefährdung
  • Telefonische und persönliche Unterstützung sowie Hilfsangebote bestehen weiter
  • Corona-Infektionsgefahr als große Hürde bei der persönlichen Arbeit vor Ort

Die Gewalt gegen Kinder in der Familie hat bisher statistisch nicht zugenommen. Der Schwalm-Eder-Kreis hat jedenfalls noch keinen Anstieg von häuslicher Gewalt registriert. 

„Wir haben Kenntnis von Fällen. Im Vergleich zur Zeit vor der Corona-Krise sind es jedoch weniger“, sagt Fachbereichsleiter Björn Angres. 23 Gefährdungsmeldungen hat der Allgemeine Soziale Dienst von Mitte März bis Anfang Mai bearbeitet, von denen 14 mit Hausbesuchen verbunden waren und fünf Kinder in Obhut genommen werden mussten. Im Vorjahreszeitraum waren es ebenfalls fünf. „Wir gehen jedoch davon aus, dass die Dunkelziffer wesentlich höher ist“, sagt Angres.

Das Jugendamt sei darauf angewiesen, dass Fälle gemeldet würden, dies geschehe im Schwerpunkt durch die wichtigen Partner wie die Kindergärten, Schulen und andere Institutionen, die im engen Kontakt zu den Kindern stehen. Viele dieser Institutionen stünden derzeit gar nicht oder nur sehr eingeschränkt zur Verfügung.

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Trotz Corona - Meldungen aus Nachbarschaft und Familie zum Schutz der Kinder nötig

„Die Jugendämter sind auf Meldungen aus der Nachbarschaft oder den Familien angewiesen“, sagt Angres. Aufgrund der belastenden Situation in den Familien gingen die Fachkräfte des Jugendamtes aber von einer erhöhten Fallzahl aus. Unklar sei, wie sich der stärkere Rückzug der Menschen in die Familien auch auf die Meldebereitschaft auswirke und ob sich betroffene Kinder und Elternteile auch selbst nicht meldeten, da sie davon ausgehen, dass Hilfe nicht zur Verfügung stehe.

Vorrang haben Fälle zum Schutz der Kinder sowie Besuche in Familien, die zur Sicherung des Kindeswohls gehören. Daher fänden in der Tat weniger Familienbesuche statt, die unter Berücksichtigung der Bekämpfung des Coronavirus schrittweise wieder normalisiert werden sollen.

Björn Angres, Leiter Jugendamt

Wo es möglich ist, versuchen die Mitarbeiter des Jugendamtes einen Teil der Unterstützung telefonisch zu realisieren. Im Schwalm-Eder-Kreis gibt es jetzt eine Inobhutnahmestelle für infizierte Kinder. Bisher seien noch keine Unterbringungen notwendig gewesen. „Wir halten es für wahrscheinlich, dass wir sie noch benötigen werden“, sagt Angres.

Corona erschwert Arbeit des Jugendamtes - Mitarbeiter trotz Krise erreichbar

Es geht ums Kindeswohl, dennoch müssen die Mitarbeiter des Jugendamtes ihre Arbeitsweise wegen der Corona-Pandemie ändern. Insgesamt versuchten die Mitarbeiter des Jugendamtes einen Teil der Unterstützung telefonisch zu realisieren, dies ist jedoch in einigen Bereichen nicht möglich, heißt es von der Kreisverwaltung. „Gefährdungsmeldungen werden wie gewohnt weiter bearbeitet, dies beinhaltet nach einer Ersteinschätzung der Gefährdungslage selbstverständlich auch Hausbesuche und notwendige Inobhutnahmen“, sagt Björn Angres, Leiter des Jugendamtes.

Krisen, die einen Hausbesuch zwingend notwendig machten, würden auch vom Allgemeinen Sozialen Dienst bearbeitet. Dazu gehörten Aufnahmen und Verlegungen von betroffenen Kindern in Einrichtungen der Jugendhilfe.

Trotz der Krise sind immer Mitarbeiter erreichbar: Selbstverständlich sei die Erreichbarkeit des Jugendamtes und dessen Bereitschaftsdienst weiter gewährleistet. Alle beauftragten Träger der ambulanten Jugendhilfe stehen im Austausch mit dem Allgemeinen Sozialen Dienst und führen in den Fällen, in denen es die Einschätzung gibt, dass das Kindeswohl durch den Wegfall der Betreuung gefährdet wäre, ebenso die Betreuung fort.

Hilfsangebote bestehen weiter - Corona-Infektionsgefahr als große Hürde

Dies gelte auch für andere Hilfsangebote wie den Einsatz von Hebammen, der erzieherischen Tagespflege, Betreuung in Tagesgruppen und weitere Angebote. Dabei sei die mögliche Infektionsgefahr eine große Hürde. Alle Maßnahmen würden dabei entsprechend geltender Verhaltensregeln umgesetzt. „Hauptziel ist es, belastete Familiensysteme so gut wie irgend möglich zu unterstützen“, sagt Angres.

Stationär untergebrachte Kinder und Jugendliche werden in den Einrichtungen der Jugendhilfe weiterbetreut: „Das entwickelt sich im Moment zu einer Mammutaufgabe für die Träger, da natürlich auch Personal aufgrund von Quarantäne-Situationen, Erkrankungen, aber auch Eigenschutz reduziert ist.“

Durch die Beschränkungen aufgrund des Coronavirus steigen zudem die täglichen pädagogischen Herausforderungen in den Einrichtungen. Es herrsche jedoch absolute Einigkeit zwischen dem Jugendamt und den Trägern, dass die Betreuung der Kinder und Jugendlichen und damit der Kinderschutz höchste Priorität haben.

Handeln während der Corona-Krise - Polizei informiert über mögliche Kindeswohlgefährdung

Die Polizei informiere daher bei jedem Einsatz mit einer möglichen Kindeswohlgefährdung die zuständigen Stellen, sagt Markus Brettschneider, Sprecher der Polizeidirektion Schwalm-Eder. Dies gelte auch in Fällen, bei denen Kinder Zeugen von häuslicher Gewalt würden. Dabei handele es sich um eine Form psychischer Gewalt gegen Kinder.

Im Landkreis gibt es jetzt auch eine eigene und zusätzliche Inobhutnahmestelle, in die auch Kinder und Jugendliche aufgenommen werden können, wenn diese mit Corona infiziert sind oder sein könnten.

Seit 2018 Leiter des Jugendamtes im Schwalm-Eder-Kreis - Björn Angres

Auswirkungen der Corona-Krise auf Kinder:

Eine Kinderchirurgin an der Charité lenkt den Blick auf die Sorge um Kinder, die zu Hause Gewalt und Missbrauch erfahren. Pflichtuntersuchungen bei Kindern und Jugendlichen fielen wegen der Corona-Pandemie oftmals aus. Dabei seien Ärzte in manchen Fällen der einzige Kontakt nach draußen.

Zu Beginn der Corona-Krise warten Experten eindringlich vor einem Anstieg der häuslichen Gewalt und des Missbrauchs in den eigenen vier Wänden. Im Familienministerium gibt es nun erste Hinweise, dass es wirklich so kommt - die Datenlage ist allerdings schwierig.

Von Damai Dewert

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