Wegen Coronakrise: Physiotherapeuten stehen unter Druck - "Therapie nicht unterbrechen"

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Leidet unter den wegbleibenden Patienten: Inhaberin des PhysioFit und Therapie-Zentrums am Schlossgarten in Melsungen, Juliane Kasper mit ihrer Angestelltin Monika Schulz.

Corona im Schwalm-Eder-Kreis: Auch die Therapeuten der Region sind von den Auswirkungen der Corona-Krise betroffen. Viele stehen unter Druck, da sie ihre Therapien nicht unterbrechen können. 

  • Das Coronavirus breitet sich im Schwalm-Eder-Kreis weiter aus
  • Auch die Therapeuten der Region sind von den Auswirkungen betroffen
  • Viele Patienten sind verunsichert 

Melsungen - Ergotherapeuten, Physiotherapeuten, Podologen und Logopäden gelten als systemrelevant in der Corona-Krise. Sie alle dürfen ihre Praxen öffnen. Doch die Patienten bleiben aus, was fatalen Folgen haben kann. „Manche Patienten haben Angst vor einer Ansteckung oder aber sie wissen nicht, dass sie kommen dürfen“, sagt Juliane Kasper. Sie ist Physiotherapeutin in Melsungen im Schwalm-Eder-Kreis.

Kasper ist seit zehn Jahren Geschäftsführerin des PhysioFit und Therapie-Zentrums am Schlossgarten in Melsungen. Doch so viele Sorgen um ihre Existenz hat sich die Selbstständige noch nie machen müssen. Seit Beginn der Coronakrise bleiben etwa 60 Prozent der Patienten aus, und damit fehlt auch das Geld in der Kasse.

Corona im Schwalm-Eder-Kreis: Verunsicherung bei Patienten

„Es gibt eine große Verunsicherung bei den Patienten“, sagt Kasper. Viele würden anrufen und ihre Termine absagen. Dabei sei das besonders gefährlich. „Patienten, die beispielsweise eine Lymphdrainage nach einer Krebserkankung verschrieben bekommen, sollten diese auch wahrnehmen“, sagt Kasper. „Ich bin kein Arzt, aber ich helfe Menschen auch, damit sie wieder gesund werden und ihre Schmerzen loszuwerden“, sagt die 39-Jährige. Die Behandlung bei Lymphödemen sei wichtig, bevor durch die Schwellung die Beweglichkeit beeinträchtigt wird oder es zu Schmerzen kommt, wenn die Lymphflüssigkeit auf Gelenke drückt, erklärt Kasper. Doch derzeit würden Überweisungen von Hausärzten ausbleiben. „Viele Ärzte sind auch verunsichert, weil es sich ja auch zum Teil um Risikopatienten handelt“, sagt Kasper.

Genau dasselbe gelte für Patienten, die beispielsweise einen Schlaganfall erlitten haben oder ein Gelenk gebrochen haben. „Ohne Physiotherapie kann das Gelenk versteifen“, sagt Kasper. Wenn die Physiotherapie dann über einen längeren Zeitraum ausfalle, kann es zu Folgeschäden kommen und die Therapie müsse von vorne beginnen.

Corona im Schwalm-Eder-Kreis: Sicherheitsvorkehrungen in den Praxen 

Bevor Patienten überhaupt in Zeiten von Corona in die Physiotherapie kommen, würden sie sich über die Sicherheitsvorkehrungen erkundigen, erklärt Kasper. „Dabei machen wir fast alles wie immer – wir arbeiten sehr steril, die Bänke werden desinfiziert, die Hände sowieso – nur neu ist der Mund-Nasen-Schutz“, sagt sie. Umstritten sei die Benutzung von Handschuhen. „Es gibt Studien, die zeigen, dass sich die Viren unter den Handschuhen ansammeln, das ist teilweise gefährlicher als, wenn man die Hände wäscht und desinfiziert“, sagt sie.

Hilfe von den Krankenkassen oder dem Staat blieb bislang für Physiotherapeuten aus. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat in der vergangenen Woche angesichts der Coronakrise angekündigt, weitere Teile des Gesundheitswesens finanziell zu unterstützen. Grund seien die einbrechender Patientenzahlen. „Viele Patienten sind derzeit verständlicherweise zurückhaltend, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen“, erläuterte der Minister. Therapeuten und Zahnärzten brechen daher die Einnahmen weg, erklärte der Gesundheitsminister in einem Interview. Heilmittelerbringer, damit gemeint sind etwa Physiotherapeuten, Logopäden und Ergotherapeuten, sollen demnach 40 Prozent der Vergütung aus dem vierten Quartal 2019 als Einmalzuschuss erhalten.

Kasper hat zwölf Angestellte. Bis auf zwei Physiotherapeuten befinden sich alle in Kurzarbeit. Die Rezeptionistin ist auf Abruf an der Arbeit. „Aber das Telefon klingelt so gut wie nie“, sagt Kasper. Normalerweise gibt es Wartelisten für die Physiobehandlungen, sagt Kasper. Der Massage- und Wellnessbereich sowie das im September 2019 neueingerichtete Zirkel-Training in ihrer Praxis hat Kasper schon seit Anfang März geschlossen. „Da ist es ja auch verständlich“, sagt sie. Die fehlenden Einnahmen könne Kasper noch überbrücken. „Aber ein halbes Jahr – das schaffe ich nicht“, sagt die 39-Jährige.

Neuigkeiten zumCoronavirus im Schwalm-Eder-Kreis sind im News-Ticker zu finden.

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