Interview

Kritik an Weihnachtsmarkt-Absagen: Aerosol-Forscher wird deutlich - „Leute, trefft euch bitte draußen“

Körler Weihnachtsmarkt vor der Corona-Pandemie.
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Auf dem Rathausplatz in Körle soll am 4. und 5. Dezember ein Weihnachtsmarkt stattfinden. Es wird der einzige Markt im Altkreis Melsungen sein.

„Leute, trefft euch bitte draußen“: Aerosol-Forscher Gerhard Scheuch hält die Entscheidung, Weihnachtsmärkte abzusagen für falsch.

Melsungen/Körle – Eigentlich sollte der Melsunger Weihnachtsmarkt diesmal aufgrund der Coronapandemie im Schlosspark stattfinden. Doch am Dienstag teilte Bürgermeister Markus Boucsein mit, dass der Markt nun doch aufgrund der Corona-Lage komplett ausfalle. Er könne die Veranstaltung nicht verantworten.

In Körle steht der Plan indes noch, am ersten Dezemberwochenende einen Weihnachtsmarkt zu veranstalten. Rückenwind gibt es vom Aerosol-Forscher Gerhard Scheuch aus Gemünden (Landkreis Waldeck-Frankenberg) für dieses Vorhaben. Er hält es für die falsche Entscheidung, die Märkte abzusagen.

Bis auf Körle haben im Kreisteil Melsungen alle Städte und Gemeinden im Altkreis die Weihnachtsmärkte abgesagt. Ist das die richtige Entscheidung?
Nein, aus der Sicht der Aerosolforscher ist es die falsche Entscheidung. Die Absagen sind meines Erachtens überflüssig. Bei Veranstaltungen, die draußen stattfinden, gibt es so gut wie keine nachgewiesenen Ansteckungen. Die Deutsche Fußballliga hatte jetzt bei den ersten Spielen in der Ersten und Zweiten Liga 900 000 Fans in den Stadien. Nachweislich haben sich dort gerade einmal sechs Menschen infiziert. Das zeigt deutlich: Der Anteil ist verschwindend gering. Zusammenkünfte von Menschen im Freien sind kein Infektionstreiber.
Wo stecken sich die Leute stattdessen an?
In den Innenräumen und das wissen wir bereits seit dem vergangenen Jahr. Und wenn nun alle Veranstaltungen im Freien abgesagt werden, dann treffen sich die Leute privat in ihren Wohnzimmern. Genau das ist falsch und sehr gefährlich.
Auf den Körler Weihnachtsmarkt dürfen nur Menschen, die geimpft oder genesen sind. Zusätzlich muss ein negativer Test vorgezeigt werden und die Besucherzahl ist begrenzt. Besteht denn so überhaupt noch ein Risiko, sich anzustecken?
Ein Nullrisiko besteht nirgends. Aber man weiß, dass das Ansteckungsrisiko im Freien bis zu 1000 Mal niedriger ist als in Innenräumen. Und die zusätzlichen Sicherheitsvorkehrungen verringern das Risiko draußen noch einmal.
Wie könnte ich mich denn anstecken? Ist es schon gefährlich, wenn hinter mir am Glühweinstand einer hustet?
Nein. Wenn derjenige infiziert ist, dann haben Sie höchstens die Virenpartikel auf der Jacke. Die Viren bekommen aber keine Beine, sie bleiben dort und sterben ab. Man muss dem Infizierten schon über einen längeren Zeitraum – bei der ansteckenderen Delta-Variante sind es etwa fünf Minuten – sehr nahe sein und direkt mit ihm sprechen. Man muss die Aerosole einatmen, um sich zu infizieren. Aber normalerweise hält man bei fremden Menschen ja ohnehin eine soziale Distanz von mindestens einem Meter. Draußen reicht das völlig aus. Da braucht es keine fünf Meter zwischen den Leuten.
Beim Weihnachtsmarkt in Kassel besteht zusätzlich eine Maskenpflicht. Ist das denn nötig?
Ich halte es für vertretbar, draußen auf die Maskenpflicht zu verzichten. Aber jede zusätzliche Maßnahme erhöht die Sicherheit.
Also kann ein Weihnachtsmarkt gar nicht zu einem Super-Spreader-Event werden?
Nein, alle Super-Spreader-Events, die wir bisher hatten, fanden in Innenräumen statt. Der Karneval in Heinsberg war ja beispielsweise auch drinnen. Der Weihnachtsmarkt müsste also in einem geschlossenen Raum stattfinden, damit er zu einem großen Infektionsherd werden könnte.
Die Sorgen um die Veranstaltungen im Freien sind also völlig unbegründet?
Ja, wir kümmern uns zurzeit viel zu sehr um die Ansteckungen draußen. Aber stattdessen ist es viel wichtiger, die Innenräume sicherer zu machen. In Schulen und in Alten- und Pflegeheimen muss sich etwas tun, genau wie bei privaten Veranstaltungen. In diesen Bereichen muss man die Leute sensibilisieren.
Denn 99 Prozent der Ansteckungen finden drinnen statt, haben Sie schon im Sommer betont…Stimmt die Zahl denn noch?
Ja, und daran hat auch die Verbreitung der ansteckenderen Delta-Variante nichts geändert. Man kann wirklich nur an die Leute appellieren: Leute, trefft euch bitte draußen! (Carolin Hartung)

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Zur Person

Dr. Gerhard Scheuch (66) stammt aus Gemünden im Landkreis Waldeck-Frankenberg und ist Biophysiker, Geschäftsführer der GS BIO-Inhalation GmbH und Mitglied der Gesellschaft für Aerosolforschung. Der Wissenschaftler war Präsident der Internationalen Gesellschaft für Aerosole in der Medizin und gilt als weltweit anerkannter Aerosolexperte. Seit einem Unfall 2018 sitzt er im Rollstuhl. Bis dahin war er passionierter Marathonläufer. Scheuch hat seinen eigenen Youtube-Kanal.

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