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Kommune geht mit Schädlingsbekämpfer gegen Ratten im Melsunger Kreis vor

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Von: Stefanie Lipfert

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Andreas Lesmeister aus Hermesberg (46) ist Schädlingsbekämpfer und sagt Ratten den Kampf an: Im Kreis Melsungen überprüft Lesmeister die Köderboxen an den Bachläufen und erneuert sie regelmäßig.
Andreas Lesmeister aus Hermesberg (46) ist Schädlingsbekämpfer und sagt Ratten den Kampf an: Im Kreis Melsungen überprüft Lesmeister die Köderboxen an den Bachläufen und erneuert sie regelmäßig. © Stefanie Lipfert

Ratten gelten als Ungeziefer: Kommunen gehen dagegen vor - Wir haben dem Schädlingsbekämpfer Andreas Lesmeister einen Tag über die Schulter geschaut.

Melsungen – Auf dem Parkplatz an der Kulturfabrik in Melsungen bereitet sich Schädlingsbekämpfer Andreas Lesmeister aus Hermesberg auf seinen Kampf gegen die Ratten vor: Der 46-Jährige ist schon seit über zehn Jahren für Bertram Hygiene und Schädlingsbekämpfung mit Sitz in Konken tätig. Alle zwei bis drei Wochen ist Lesmeister rund um Melsungen unterwegs. Firma Bertram ist zuständig für die kommunale Rattenbekämpfung.

Hauptsächlich ist der Schädlingsbekämpfer für die Kanalarbeiten in verschiedenen Kommunen verantwortlich. Je nach Auftrag kontrolliert Lesmeister bis zu 2500 Schächte im Monat, „je nach Belegungsrhythmus können es auch mal 30 000 im Jahr sein“, sagt Lesmeister stolz.

Meist beginnt der Arbeitstag um 6.30 Uhr. Der Schädlingsbekämpfer bekommt einen Lageplan ausgehändigt. Mit Adresse und kurzer Beschreibung macht sich Lesmeister auf den Weg und fährt Deckel für Deckel ab. „Köder aus dem Auto holen, an Draht binden, vorsichtig in den Kanal hinab und ein paar Zentimeter über das Wasser baumeln lassen und fertig“, erklärt Lesmeister.

Köder

Um gegen die Ratten vorzugehen, wird ein Fressköder eingesetzt. „Das Mittel Rotendizid ist ein chemisches Schädlingsbekämpfungsmittel und wird zur Bekämpfung von Nagetieren genutzt“, erklärt Schädlingsbekämpfer und zuständig für Beratung und Fachfragen Hans Shell (61). Durch das Mittel wird die Blutgerinnung des Tieres gehemmt. Die tödliche Wirkung tritt nach vier bis sieben Tage ein.

„Nach der Einnahme des Stoffes fühlen sich die Ratten kränklich und schlapp und ziehen sich an einsame Orte zurück, um dort zu verenden“, sagt Shell. Ziel der Schädlingsbekämpfung sei es, die Vermehrungsrate der Tiere zu unterbrechen.

Die Köder bestehen aus Getreideprodukten und besitzen einen Zuckeranteil. Von den Ködern geht keine weitere Gefahr für andere Tiere aus, da die Köder mit Bitterstoffen versetzt sind. Ratten haben im Gegensatz zu Hunde und Katzen keine guten Geschmacksnerven.

Köder

Eine große Rolle beim Job des Rattenfängers spielen die schwarzen Boxen. Lesmeister ist an den Bachläufen unterwegs und überprüft die dort platzierten Köderboxen. „Das Ablaufen der Bachläufe ist eine nette Abwechslung zu den Kanalarbeiten, die einen körperlich fordern“, sagt Lesmeister. „Man muss genau schauen, wo die Köderboxen aufgestellt sind“. Über Stock und Stein geht es durch Gestrüpp und Brennnesseln Abhänge herunter – da ist ein fester Tritt wichtige Voraussetzung.

Die Fulda an der Skater-Anlage in Melsungen ist dicht bewachsen. „Im Sommer und aktuell spielt das Wetter gut mit, im Winter kann die Suche nach den Köderboxen schon ein rutschiges Abenteuer sein“, erklärt Lesmeister und kämpft sich durch das Grün.

Ausgerüstet ist der Rattenfänger mit einem Inbusschlüssel und den Ködern: Nach dem Erspähen der schwarzen kleinen Köderbox, die gut versteckt im Grünen kaum zu sehen ist, wird sie erst aufgeschraubt und dann der Köderstoff ausgetauscht.

Die Ratte klettert über eine kleine Öffnung in die Köderbox und nagt am Getreideköder. Lesmeister inspiziert die roten brikettähnlichen Köder darauf, ob sie Fressspuren aufweisen. Alle zwei bis drei Wochen kommt der Schädlingsbekämpfer wieder und läuft die Bachläufe sorgfältig ab.

Hygiene

„Ratten gab es schon vor den Menschen und sie wird es immer geben“, sagt Lesmeister. Aber warum sind Ratten in Vor- und Großstädten ein so großes Problem? „Die Nagetiere sind ständig auf Wanderschaft“, sagt Shell. Problematisch werde es, wenn Bewohner nicht auf Mülltrennung achteten.

Auch Komposthaufen seien Anziehungspunkte für Rattenbestände. „Ratten kommunizieren schnell untereinander, je größer die Nahrungsquelle ist, desto größer sind die Bestände“, sagt Shell. Worauf Bewohner achten sollten: Kein Essen die Toilette runterspülen und Tierfutter nicht unbeaufsichtigt draußen stehen lassen.

Ratten sind nicht nur unerwünschte Gäste in Heim und Hof, sondern auch Krankheitsüberträger: „Wenn Rattenbestände sich in Wohngebieten ansiedeln, besteht die Gefahr, dass die Tiere mit Urin und Kot Nahrungsmittel kontaminieren und den Menschen damit krank machen“, berichtet Shell. Sehr selten komme es vor, dass sich Menschen mit dem Rattenfloh infizierten. Doch die Möglichkeit bestehe.

Ratte

Die vierbeinigen Schädlinge sind keine Einzelgänger, sie leben in Gruppen bis zu acht Tieren. Sie können bis zu zweieinhalb Jahre alt werden. Laut Shell halten sich die Vierbeiner an Orten auf, an denen sie vor Fressfeinden geschützt sind: Das Kanalsystem bietet ihnen optimalen Schutz und Nahrung finden sie dort auch zur Genüge. Doch auch oberirdisch haben die Nagetiere bestimmte Anlaufstellen: Ratten verstecken sich in Komposthaufen oder bauen Nester unter Holzverschlägen.

„Am liebsten bin ich mit dabei, wenn Kanalarbeiten anstehen. “, sagt der 46-jährige Schädlingsbekämpfer. „Ich bin draußen, kann die Natur genießen und das Beste: Ich kann mich körperlich austoben“. Man erlebe immer wieder neue Abenteuer.

Ein Erlebnis ist ihm bis heute in Erinnerung geblieben: Die Schädlingsbekämpfer hatten einen drei-monatigen Auftrag in Bonn, in dem sie 21 000 Schächte betreuen mussten. In der Nacht stand das Dienstfahrzeug an der Hauptstraße, während Kanalarbeiten stattfanden. Da ein Fahrer nicht warten wollte, fuhr er über den Gehweg und erwischte dabei das Dienstfahrzeug. Es entstand ein Schaden von 5000 Euro. „Es kann auch mal gefährlich zugehen“, sagt Lesmeister.

Jobprofil

„Der Job des Schädlingsbekämpfers war früher ein Umschulungsberuf, Voraussetzung war ein Handwerksberuf“, sagt Shell. Mittlerweile ist der Schädlingsbekämpfer ein Ausbildungsberuf, der zwei Jahre dauert. Als Schädlingsbekämpfer könne man sich auf verschiedene Schwerpunkte spezialisieren wie Nagetiere, Allrounder sowie Holz- und Bautenschutz. Ausgebildet wird an einer der verschiedenen Landwirtschaftsschulen in Deutschland. „Was ein Schädlingsbekämpfer auf jeden Fall mitbringen sollte, ist eine gewisse Resistenz gegen Schmutz und Gerüche.“

Fitness und Belastbarkeit seien weitere Voraussetzung für den Schädlingsbekämpfer“, sagt Shell.

Von Stefanie Lipfert

Schwarze Köderboxen werden an Bachläufe angebracht und mit Getreideködern befüllt.
Schwarze Köderboxen werden an Bachläufen angebracht und mit Getreideködern befüllt. © Lipfert, Stefanie
Kulturfabrik Melsungen: Hier am Ufer der Fulda platzieren die Schädlingsbekämpfer die Köderboxen: auf dem ersten Blick recht unauffällig.
Kulturfabrik Melsungen: Hier am Ufer an der Fulda platzieren die Schädlingsbekämpfer die Köderboxen: auf den ersten Blick recht unauffällig. © Lipfert, Stefanie

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