Krise im Ehrenamt verhindern: Deutsches Rotes Kreuz und Landkreis starten Aktion

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Gemeinsam aktiv: Annelie Vollgraf, Jahrgang 1945, ist ehrenamtliche Reisebegleiterin bei DRK-Reisen.

Zusammen mit Landrat Winfried Becker startet das DRK die Aktion Pro Ehrenamt.

Die HNA wird den Projektstart medial begleiten und in der weiteren Berichterstattung die Arbeit der Ehrenamtlichen in den Fokus nehmen.

Es werden neue Formen des ehrenamtlichen Engagements benötigt. In allen gesellschaftlichen Bereichen fehlen Freiwillige, das sagt Manfred Lau, Geschäftsführer des Kreisverbands Schwalm-Eder des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Und er schlägt Alarm: „Wir erleben eine Entwicklung, die die Arbeit des DRK beeinträchtigt und auch alle Bereiche, wo Ehrenamtliche im sozialen, gesundheitlichen, kulturellen und politischen Bereich dafür sorgen, dass gesellschaftliche Arbeit funktioniert.“

Zusammen mit Landrat Winfried Becker startet das DRK die Aktion Pro Ehrenamt. Die HNA wird den Projektstart medial begleiten und in der weiteren Berichterstattung die Arbeit der Ehrenamtlichen in den Fokus nehmen. Wenn Menschen fehlen, die sich ehrenamtlich engagieren, werden die Auswirkungen gravierend sein. Becker bezeichnet die Ehrenamtlichen als den Kitt der Gesellschaft.

Manfred Lau, Geschäftsführer DRK. 

Nur der Landkreis weist schon mehr als 20.000 Ehrenamtliche aus, ohne über alle Bereiche Statistiken zu führen. So sind 6400 Menschen in Sportvereinen engagiert, fast 5000 in den Einsatzabteilungen der Feuerwehren sowie weitere 5000 in den Kinder- und Jugendwehren, der Altersabteilung und dem Katastrophenschutz. 

Für Flüchtlinge engagieren sich 110, und 1500 Menschen sind es laut Dekan Norbert Mecke im Kirchenkreis Melsungen. Dazu kommen aus dem diakonischen Bereich die Tafel- und Kleidsam-Mitarbeiter sowie Lektoren und Prädikanten und die vielen Chormitglieder, die ehrenamtlich Gottesdienste gestalten. Etwa 300 Kirchenvorsteher beginnen in diesen Tagen im Kirchenkreis ihren Dienst.

Das Logo der Aktion Pro Ehrenamt.

Lau macht die Entwicklung an Zahlen deutlich: Vor drei Jahren habe das DRK im Landkreis noch 1000 Ehrenamtliche gehabt, aktuell seien es nur noch 846 Menschen, die sich in ihrer Freizeit engagierten.

Laut der Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalyse übten im Jahr 2018 in Deutschland 16 Millionen Menschen ein Ehrenamt aus. Nach einer Erhebung des Deutschen Zentrums für Altersfragen sind es 30 Millionen Menschen. Je nach Untersuchung schwanken die Zahlen stark, ein Trend ist schlecht erkennbar.

INTERVIEW mit Schirmherr Landrat Winfried Becker

Im Interview hebt Becker die Bedeutung ehrenamtlicher Arbeit für die Gesellschaft hervor.

Warum ist ehrenamtliche Arbeit für Sie von so hohem Stellenwert?

Ehrenamtliche Arbeit – das bedeutet für mich, für andere da zu sein. Das Ehrenamt ist eine wichtige Stütze für das Zusammenleben in unserer Gesellschaft. Wer ehrenamtlich arbeitet, der stärkt das Für- und Miteinander, der schenkt anderen Zeit.

Nun haben immer mehr Menschen immer weniger Zeit – beispielsweise dadurch, dass sie mehr Zeit für Kommunikation und Internet aufwenden.

Das stimmt, aber Ehrenamt ist ein unverzichtbarer Beitrag für das Zusammenleben der Menschen. Ein Beitrag, dass wir uns alle in unseren Städten, Gemeinden, in den Dörfern wohlfühlen. Ich bezeichne das Ehrenamt auch gern als Kitt unserer Gesellschaft.

Man könnte aber auch anders argumentieren: Ehrenamt hat eine ökonomische Dimension, denn wenn die unentgeltliche Arbeit von ehrenamtlichen Helfern von bezahlten Kräften geleistet werden müsste, dann wäre sie nicht bezahlbar.

Das steht für mich aber nicht im Mittelpunkt. Klar, nehmen Sie die Freiwilligen Feuerwehren. Das ist eine riesen Pflichtaufgabe für die Städte und Gemeinden. Wenn die Kommunen hauptamtliche Feuerwehrkräfte beschäftigen müssten, dann könnte das nur sehr schwer finanziert werden. Da kommen schnell Millionenbeträge auf die einzelnen Kommunen zu. Von daher stimmt es, dass es im Ehrenamt auch eine ökonomische Variante gibt. Aber, wie gesagt, das steht für mich nicht im Vordergrund.

DRK und Sie starten diese Aktion, weil es bei ehrenamtlicher Tätigkeit immer mehr Defizite gibt, weil sich beispielsweise jüngere Menschen nicht mehr so engagieren wie früher. Wo spürt man diese Defizite?

Wir bemerken es eigentlich in allen Bereichen des Ehrenamtes. Es gibt besonders da Probleme, wo es darum geht, an vorderster Stelle, beispielsweise als Vorsitzender oder Kassenwart zu arbeiten und Verantwortung zu übernehmen. Spürbar ist es auch bei uns im DRK, bei der Anzahl der ehrenamtlichen Einsatzkräfte. Wenn die Entwicklung so weiter geht, dann sind irgendwann viele Veranstaltungen in Gefahr, weil wir nicht ausreichend Hilfskräfte zur Verfügung haben.

Sie sind ja Vorsitzender des DRK-Kreisverbandes. Das DRK startet nun diese Ehrenamts-Initiative – wo drückt der Schuh denn am heftigsten?

Zunächst einmal muss man sagen, dass das DRK mit seinen etwa 12 000 Mitgliedern in der Bevölkerung hoch angesehen ist. Aber unsere Arbeit wird schwieriger, beispielsweise bei den Bereitschaften. Ich sehe da für manche große Veranstaltung, wie zum Beispiel dem Grasbahnrennen in Melsungen, wo wir mit vielen Helfern vor Ort sind, eine echte Gefahr heraufziehen. Auch bei der Nachwuchsarbeit, im Jugend-Rotkreuz, brauchen wir dringend noch mehr ehrenamtliche Mitarbeiter. Das muss ein Schwerpunkt werden.

Aber das Problem ist ja größer.

Das stimmt, das DRK steht mit diesen Problemen ja nicht alleine da: In Kirchen, Vereinen, Verbänden, auch in der Kommunalpolitik gibt es immer mehr Lücken bei der Besetzung ehrenamtlicher Stellen.

Welche Lösungsansätze gibt es?

Ein Teil der Lösung ist sicher die Wertschätzung des Ehrenamtes. Ehrenamtliche wollen in der Regel keinen Lohn, sondern Anerkennung für das Geleistete. Wir sollten alle Gelegenheiten wahrnehmen, um das ehrenamtliche Engagement als wichtige Säule unseres Zusammenlebens hervorzuheben, und immer auch mal persönlich Danke sagen.

Eine besondere Rolle kommt da uns hauptamtlichen Amtsinhabern zu. Als Landrat, als Erster Kreisbeigeordneter und als Bürgermeister sollten wir das Ehrenamt immer wieder öffentlich wahrnehmbar würdigen und die Bedingungen, unter denen sich die Menschen engagieren, so unbürokratisch wie möglich gestalten.

Was ist in dieser Richtung geplant?

Einen neuen Weg soll eine Ehrenamtsbörse als Internetplattform bieten. Die Idee ist, Menschen und Ehrenämter zusammen zu bringen. Ob das gelingt wissen wir nicht, aber wir wollen es versuchen. Testen wollen wir die Ehrenamtsbörse am Beispiel des DRK und dann entscheiden, ob das ein erfolgversprechender Ansatz ist.

Welche Rolle spielen Rentner im Ehrenamt?

Eine sehr große. Ich bin allen Rentnerinnen und Rentnern sehr dankbar, dass sie sich nach dem aktiven Berufsleben engagieren und einbringen. Ich habe keine Zahl, um einen Überblick zu geben. Im Bereich der Bürgerbusse und der Tafeln ist der Anteil aber sicher an die 100 Prozent. Rentner sind im Ehrenamt aufgrund der zeitlichen Ressource, aber besonders auch wegen ihrer Erfahrungen unentbehrlich.

Wie können aber gerade auch jüngere Menschen überzeugt werden?

Die Bereitschaft, sich zu engagieren, ist bei jungen Menschen durchaus da. Da habe ich viele Beispiele vor Augen. Allerdings ist es für junge Menschen sehr schwierig, sich langfristig zu binden und ein Ehrenamt zu übernehmen, wo eine große Kontinuität und persönliche Präsenz erforderlich ist. Das kann ich auch sehr gut verstehen.

Wir müssen Gelegenheiten schaffen, junge Menschen auch zeitlich begrenzt einzubinden, und sie dann wieder ziehen lassen. Ich bin sicher, dass viele später zurückkommen und dann die Bereitschaft größer ist, sich vielleicht längerfristig einzubringen. Es ist auch eine Frage der Struktur in den Vereinen und Verbänden.

Da brauchen wir wohl eine größere Flexibilität und Offenheit gegenüber den jungen Menschen.

Was können wir als Gesellschaft zurückgeben?

Dankbarkeit und Momente der persönlichen Würdigung. Uns allen muss bewusst sein, dass wir ohne dieses Engagement ein anderes Miteinander hätten und viele Dinge nicht funktionieren würden. Vielleicht müssen wir das Ehrenamt auch professionell begleiten und unterstützen, um darüber einen Austausch und eine Koordination zu gewährleisten. Auch darüber sollten wir nachdenken.

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