Interview

Die vierte Welle wird hart: Coronazahlen steigen – Mediziner fordern Impfung für Jugendliche

Impfung empfohlen: Die Coronafälle bei Kindern und Jugendlichen liegen in vielen Landkreisen jenseits der 1000er-Marke. Mediziner befürworten eine zügige Impfung der 12- bis 18-Jährigen. Unser Bild zeigt ein Symbolbild zum Thema mit der Melsunger Allgemeinmedizinerin Lotta Jacob.
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Impfung empfohlen: Die Coronafälle bei Kindern und Jugendlichen liegen in vielen Landkreisen jenseits der 1000er-Marke. Mediziner befürworten eine zügige Impfung der 12- bis 18-Jährigen. Unser Bild zeigt ein Symbolbild zum Thema mit der Melsunger Allgemeinmedizinerin Lotta Jacob.

Die vierte Corona-Welle bricht sich über Deutschland. Im bayerischen Landkreis Rottall-Inn lag die 7-Tage-Inzidenz gestern bei über 1100.

Melsungen / Schwalmstadt – Im Landkreis sind die Zahlen gut. Noch – wie Dr. Matthias Schulze einschränkt. Denn der Ärztliche Direktor der Asklepios Schwalm-Eder-Kliniken erwartet auch im Landkreis eine starke Zunahme der Coronafälle. Wir haben mit ihm über die aktuelle Situation, Impfungen und kranke Kinder gesprochen.

Die Inzidenzen sind trotz der Impfkampagne sehr hoch. Wer sind all die Infizierten?
Wir erleben derzeit eine Pandemie der Ungeimpften und der Kinder und Jugendlichen. Hospitalisiert und auf den Intensivstationen sind überwiegend ungeimpfte Menschen und leider auch jüngere. Unsere Aufgabe muss es jetzt sein, weiter die ungeimpften Erwachsenen von der Impfung zu überzeugen sowie die Altersgruppe 12 bis 18 Jahre zu impfen und bei den Eltern für die Impfung zu werben.
Es gibt aber auch Impfdurchbrüche?
Ja, die gibt es. Betroffen sind aber vornehmlich ältere Patienten, die ihre Impfung schon vor mehr als sechs Monaten erhielten, ihre dritte Booster-Impfung aber noch nicht erhalten haben.
Die Zahlen im Schwalm-Eder-Kreis sind die zweitniedrigsten in Hessen. Wurde anders gearbeitet, vieles besser gemacht?
Nein, die Maßnahmen waren ja landesweit sehr ähnlich. Wir profitieren – wie auch Hersfeld-Rotenburg und andere – von der Fläche. In Ballungszentren breitet sich das Virus gerade schneller aus und unter ungeimpften Menschen.
Also werden die Zahlen hier auch steigen?
Ja. Die Hospitalisierungsinzidenz lag bundesweit gerade unter zwei und hat sich auf über vier verdoppelt. Der Trend ist klar erkennbar. Auch die Situation in unseren Krankenhäusern wird sich zuspitzen.
Wie ist die Lage auf der Intensivstation?
Die ist eigentlich voll. Aktuell aber nicht überwiegend mit Covid-Patienten. Sollten diese mehr werden, müssten wir aber zusätzliche Kapazitäten schaffen.
Diese Kapazitäten gibt es aber?
Ja, die gibt es im Landkreis. Aber ich sehe auch noch andere Probleme auf uns zukommen.
Welche sind das?
Diese vierte Welle wird uns härter treffen als die Welle im Winter 2020. Einmal ist die Deltavariante aggressiver und ansteckender und dann trifft die Welle auf total erschöpftes Personal. Die Mitarbeiter an den Kliniken sind echt platt. Ich muss es so deutlich sagen. Die vergangenen Monate verlangen uns alles ab. Der Sommer hat nicht gereicht, um sich zu erholen. Viel war ja auch gar nicht möglich. Ich habe schon Sorge vor dem Winter. Eine Verschnaufpause wird es nicht geben.
Seit heute gilt 3G+, es sind also vielerorts PCR-Tests notwendig. Wird das helfen?
Mir geht das an vielen Stellen nicht weit genug. In den beiden Asklepioskliniken im Landkreis gilt ab heute die 2G-Regel für Besucher. Wer rein möchte und einen Patienten besuchen möchte, muss geimpft oder genesen sein. Die 2G-Regel muss vor allem auch überprüft werden. Ein Blick aufs Handy reicht da nicht – es könnte ein Screenshot sein oder gar nicht die Person. Wir brauchen gute Kontrollen.
Das gilt aber nicht für die Mitarbeiter. Ist das denn sinnvoll?
Mitarbeiter ohne Impfschutz müssen sich täglich testen, bevor sie mit der Arbeit beginnen.
Es gibt einige Forderungen nach einer Impfpflicht für medizinische Berufe. Was halten Sie davon?
Ich bin ganz persönlich der Meinung, dass jeder, der in einem medizinischen Beruf arbeitet, geimpft sein sollte. Diese Impfpflicht für medizinische Berufe gibt es bereits in einigen Ländern, in Italien zum Beispiel. Es geht dabei immer um den eigenen Schutz, aber eben auch um den Schutz von Patienten. Alle ungeimpften Mitarbeiter müssen sich bei uns täglich testen, das wird dokumentiert und knallhart umgesetzt. Für Masern besteht diese Impfpflicht ja auch bereits.
Wie gehen Sie mit den Patienten um. Dort gibt es ja sicher auch einige ungeimpfte?
Natürlich fragen wir den Impfstatus ab. Bei allen Patienten, die wir aufnehmen, testen wir außerdem mittels eines Antigen- und PCR-Tests, ob eine Coronainfektion vorliegt. Für Patienten, die in der Zentralen Notaufnahme aufgenommen werden, liegt das Ergebnis mittels PCR-Test in 45 Minuten vor. Wir können aber auch nicht die ungeimpften Patienten in Zimmern zusammenlegen. Das ist aus mehreren Gründen nicht möglich.
Bleibt im Krankenhausalltag Zeit, diese Patienten zu fragen, warum sie nicht geimpft sind?
Das wäre wünschenswert, in der ZNA aber nicht praktikabel. Während einer Visite ist so eine Nachfrage mal möglich. Die Gründe sind aber meist dieselben – unter anderem die Sorge vor möglichen Langzeitfolgen der Impfung.
Und was sagen sie diesen Patienten?
Diese Sorge ist unbegründet. Die Impfung ist sicher und die Wirkmechanismen sind genau bekannt. Das sage ich mit aller Deutlichkeit. Die Argumente der Impfgegner lassen sich allesamt entkräften. Der Hauptvorwurf an die Politik ist, dass es in den vergangenen Monaten versäumt wurde, die Bevölkerung gut aufzuklären. Wir hätten zum Beispiel verständliche und mehrsprachige Clips produzieren und zeigen müssen. Das kann man schon vom Gesundheitsministerium erwarten. Wir haben ja auch wochenlang die Spots zur Wahl ansehen dürfen.
Bis zur gewünschten Herdenimmunität fehlen aber noch einige Prozente?
Wir müssen über die 90 Prozent kommen. Die letzten 20 bis dahin erreichen wir aber nur, wenn wir aktiver werden, dahin gehen, wo die Menschen Aufklärung benötigen. Wir müssen die Sprache der Menschen besser sprechen. Eine Uschi Glas auf einem Plakat ist da wenig hilfreich.
Dann unterstützen Sie sicher auch die Impfungen für Kinder?
Selbstverständlich. Aktuell findet zwar eine Durchseuchung statt, aber die können wir aus medizinischer Sicht nicht empfehlen. Es gibt bei Kindern schwere Verläufe, es gibt Long- und Postcovid. Wir benötigen jetzt die Zulassungen für Kinder in der Altersgruppe 5 bis 12 Jahre. Ich vertraue auf die Zuverlässigkeit der Zulassungsbehörden (USA: FDA, Europa: EMA) und der Ständigen Impfkommission (Stiko).
Brauchen wir also das Impfzentrum wieder?
Die niedergelassenen Ärzte sind am Limit. Jetzt kommt der Winter und damit einhergehend jahreszeitlich bedingt mehr akute Krankheitsfälle. Wenn jetzt noch die Kinder und Jugendlichen sowie die Booster-Impfungen dazu kommen, wird es eng in den Praxen. Ich habe größten Respekt vor den Kollegen, aber das wird angesichts der aktuellen Situation eine echte Herausforderung. Ich bin unbedingt der Meinung, dass die niedergelassenen Ärzte Unterstützung bei den Impfungen benötigen. (Damai D. Dewert)

Zur Person

Dr. Matthias Schulze ist 55 Jahre alt. Schulze wurde in Wolfsburg geboren und hat in Hannover Medizin studiert. Matthias Schulze ist Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie. Seit 2006 ist Matthias Schulze in den Schwalm-Eder-Kliniken tätig. Seit 2017 als Ärztlicher Direktor. Schulze lebt in Ziegenhain und ist Vater von drei Söhnen. 

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