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Dr. Sigurd Sadowski spricht über Notfallseelsorge im Schwalm-Eder-Kreis

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Von: Marvin Hinrichsen

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Mit der Jacke geht es in den Einsatz: Dr. Sigurd Sadowski aus Melsungen hilft Menschen in der Not.
Mit der Jacke geht es in den Einsatz: Dr. Sigurd Sadowski aus Melsungen hilft Menschen in der Not. © Marvin Hinrichsen

Das Konzept der Notfallseelsorge im Schwalm-Eder-Kreis wird 20 Jahre alt.

Melsungen – Pfarrer Dr. Sigurd Sadowski aus Melsungen beantwortet, worauf es als Notfallseelsorger ankommt.

Wie wird man eigentlich Notfallseelsorger?

Als Gemeindepfarrer in der Landeskirche Kurhessen-Waldeck (Nordhessen) ist die Notfallseelsorge Teil des Dienstauftrages eines Pfarrers. Als ich in Melsungen Gemeindepfarrer wurde, war mir schnell klar, ich möchte gerne Menschen in Notsituation helfen. Ich bin aus der Schule gekommen, habe mein Zivildienst Anfang der Neunzigerjahre gemacht und habe diesen als Rettungssanitäter absolviert. Dies waren meine ersten Berührungspunkte mit Notfallseelsorge. Es ist eine Sache, die mir immer am Herzen lag.

Welche charakterlichen Eigenschaften sollte ein Notfallseelsorger mitbringen?

Es ist wichtig, die innere Haltung zu analysieren. Dass man das Bedürfnis verspürt, Menschen mit ihren Sorgen und Ängsten nicht sich selbst zu überlassen. Ich glaube, es ist ebenfalls wichtig, die Kraft zu entwickeln, auszuhalten und nicht auf alle Fragen die passende Lösung parat zu haben. Ich kann nicht sagen, Fall A löst sich auf diese oder jene Weise. Wenn ich in den Einsatz gehe, muss ich mich auf alles einstellen. Ich bemühe mich, mit innerer Ruhe in den Einsatz zu gehen. Was mich trägt, ist die innere Gewissheit, dass ich nicht alleine bin, sondern dass Gott immer dabei ist.

Was sind ihrer Tätigkeiten am Einsatzort?

Wenn ich in ein Haus komme, muss ich mich in der Chaos-Lage organisieren und anmelden, oftmals bei den leitenden Personen der Hilfsdienste. Wenn ich vor Ort bin, muss ich unterscheiden zwischen Betroffenen und Helfern. Meist kümmern wir uns zunächst um die direkten Betroffenen, häufig sind diejenigen, die nicht viel sprechen, diejenigen, die am meisten Hilfe benötigen. Es bedarf dann einer großen Aufmerksamkeit und Wahrnehmungsfähigkeit. Es ist wichtig, zu zeigen: Ich bin da! Deine Not ist auch meine Not, ich sitze neben dir auf der Autobahn oder auf dem Sofa. Manches Mal übernehme ich dann ganz praktisch Anrufe, wenn der Betreffende es nicht kann. Notfallseelsorge verlangt viel Zeit. Es kann sein, dass man die ganze Nacht bei den Betreffenden verbringt. Auch wenn die Menschen nicht kirchlich gebunden sind, zeigen viele tiefe Dankbarkeit, dass ich da bin.

Wann kommt ein Notfallseelsorger zum Einsatz?

Ein Notfallseelsorger kommt in Nordhessen, wenn er alarmiert wird, wenn der Einsatzleiter über die Leitstelle einen Notfallseelsorger anfordert. Es hängt vom leitenden Personal vor Ort ab, ob diese es für nötig halten, dass jemand kommt, der Beistand leisten kann. Die Einsatzorte können stark variieren: von Verkehrsunfällen auf der Straße bis hin zu einem plötzlichen Todesfall über Nacht im Haus ist alles dabei.

Kann ich auch außerhalb eines Einsatzes einen Notfallseelsorger anfordern?

Die Pfarrämter sind grundsätzlich offene Häuser. Niemand, der Hilfe braucht, würde an der Tür eines Pfarramtes abgewiesen werden. Auf dieser Grundlage arbeiten wir. Das heißt, wer Hilfe braucht, kann jederzeit einen Pfarrer aufsuchen.

Können auch nicht christliche Menschen einen Notfallseelsorger in Anspruch nehmen?

Es wird vom Einsatzleiter abgefragt, ob es gewünscht ist, dass ein Notfallseelsorger kommt oder nicht, sofern es sich kommunizieren lässt. Ansonsten entscheidet der Einsatzleiter selbst anhand der Situation vor Ort, ob es sinnvoll ist, einen Notfallseelsorger hinzuzuziehen. In den meisten Fällen wird Notfallseelsorge in Anspruch genommen. Notfallseelsorge ist für alle Menschen da, das ist ganz klar. Aber wir zwängen uns nicht auf.

Gab es für sie ein Ereignis, was sehr prägend war in ihrer Funktion?

Schon als junger Mensch, wie anfangs erwähnt, bin ich bereits mit allen Stufen des Leids konfrontiert worden. Es gab nie dieses eine prägende Erlebnis. Aber durch die vielen Erlebnisse war schnell klar, dass ich beruflich ins Pfarramt gehe oder als Religionslehrer wirke.

Wer hilft einem Seelsorger, um schlimmes Leid zu verarbeiten?

In der Landeskirche gibt es einen pastoralpsychologischen Dienst, welcher mit einer Zusatzausbildung ausgestattet sind. An diesen kann ich mich wenden, sofern ich über Erlebnisse im Einsatzalltag sprechen möchte. Natürlich kann man sich auch immer an außerkirchliche Institutionen wenden.

Wie verarbeiten sie im Alltag schlimme Erlebnissen aus Einsätzen?

Meistens nutze ich die Zeit und die Fahrt nach Hause, um die Erlebnisse für mich alleine laut auszusprechen. Auch bete ich oder höre laut Musik. Das ist meine spezielle Art, um damit umzugehen. Auch meine Familie ist eine große Hilfe. Meine Frau und Familie tragen mich. Dies ist wichtig für mich, um mich nach schlimmen Erlebnissen zu erden.

(Marvin Hinrichsen )

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