Drohbriefe an Melsunger Ehepaar: Psychologe über das Leben in Angst

Frank Berkofsky (Mitte)

Melsungen. Die Angst bestimmt das Leben des Melsunger Ehepaars, welches in regelmäßigen Abständen anonyme Drohbriefe erhält.

Unbekannte terrorisieren das Paar seit acht Jahren. Was für psychische Folgen hat der ständige Stress? Wir sprachen mit Frank Berkofsky, leitender Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie der psychiatrischen Ambulanz und Tagesklinik am Melsunger Klinikum (Vitos).

„Angst ist ein grundlegendes und normales Gefühl, das jeder Mensch kennt“, sagt Berkofsky. In den meisten Situationen hätte dieses Gefühl eine wichtige Warnfunktion. Steigender Blutdruck, ein schneller Herzschlag, schnelleres Atmen, das zur Hyperventilation führen kann, sind nur einige der Symptome, die mit der Angst einhergehen. Stresshormone werden im Körper ausgeschüttet, die diese körperlichen Folgen auslösen. Ohne eine Zweiterkrankung hätten die ständigen Angstzustände aber keine Langzeitfolgen für den Körper.

„Wenn jemand einer ständigen Angst ausgesetzt ist, führt dieser psychische Dauerstress zu Depressionen“, berichtet der Chefarzt. Das Wichtigste sei dann über seine Angst zu sprechen und sich jemanden anzuvertrauen. „Man muss seine Angst und Erlebnisse mit einer Vertrauensperson teilen“, erklärt Berkofsky. Viele Menschen würden sich in solchen Situationen an einen Freund oder Freundin wenden. Häufig sei der Hausarzt als erster kompetenter Ansprechpartner eine gute Wahl, manchmal auch ein Pfarrer oder Priester.

Ein Angst-Patient könnte laut dem Psychologen in eine ängstliche Erwartungsstörung gestürzt werden. „Gepaart mit dieser Form der Angst treten dann auch Panikattacken auf, je stärker desto mehr strenge dies das Herz an“, erklärt Berkofsky. Eine mögliche Folge: Herzinfarkt. Ein Mensch mit Vorerkrankungen, wie hohem Blutdruck, laufe auch Gefahr einer chronischen Erkrankung.

Angsterkrankungen und Angststörungen treten sehr häufig auf, sagt Berkofsky. Die Krankheitsbilder sind genauso vielfältig wie die Angstformen und reichen von Phobie bis zu elementaren Existenzängsten.

Im Altkreis Melsungen finden sich einige Selbsthilfegruppen wie die Vereine Neue Wege und Aufwind, die in Melsungen bei Angst und Depression helfen, in Felsberg kann man sich an die Gruppe Depash wenden.

Das sagt die Staatsanwaltschaft

Nach den ersten Briefen erstattete das Ehepaar Anzeige gegen den anonymen Schreiber. Der Verdacht gegen einen Verdächtigen konnte aber nicht bestätigt werden und das Verfahren wurde eingestellt.

Dr. Götz Wied, Sprecher der Staatsanwaltschaft Kassel sagte auf Anfrage der HNA, dass das Verfahren wieder aufgenommen werden könne, vor allem, wenn der anonyme Schreiber mit seinen Drohungen fortfahre. Die neuen Briefe sind ein neuer Tatbestand und sind vielleht neue Beweise, die den Täter überführen. Auch die bisher eingetroffenen Briefe spielen dann wieder eine Rolle. Sie bilden einen Anknüpfungspunkt für neue Ermittlungen. Neue Beweise und Hinweise könnten bei einer Wiederaufnahme zur Überführung des Täters beitragen. Wied: „Die Schilderungen oder schon der Briefumschlag können den Schreiber identifizieren.“

Im Fall von Bedrohung und Beleidigung drohe dem Täter bis zu einem Jahr Freiheitsstrafe, erklärte Wied. Die Verjährungsfrist liegt in diesem Fall bei drei Jahren, da der Tatbestand aber auch Nachstellung beinhaltet, kann auch die Verjährungsfrist von fünf Jahren gelten.

Bestimmung zum Tragen von Schusswaffen

Wir berichteten, dass der Betroffene einen Waffenschein besitzt und seine Waffe bei sich trägt. Dabei handelt es sich um eine Gaspistole, die er verdeckt am Körper tragen darf. Er ist in Besitz eines Kleinen Waffenscheins, der in Deutschland das Tragen einer Schreckschusswaffe erlaubt. Die Gaspistole gehört zu der Kategorie der Schreckschusswaffen, die anstelle von Projektilen verschiedene Reizgas- oder Kartuschenmunition verschießt, so die Polizei. Auch bei einem ausgestellten Waffenschein ist das Führen einer Waffe nicht überall zulässig. So sind durch das Versammlungsgesetz Waffen bei öffentlichen Versammlungen und in Aufzügen verboten. Der Große Waffenschein wird nur ausgestellt, wenn der darum Ersuchte bestimmte Voraussetzungen erfüllt und nachweisen kann, dass er aufgrund seines Berufs besonders gefährdet ist. Polizeisprecher Reinhard Giesa benennt Staatsanwälte, die bedroht werden, als mögliche Kandidaten. Die waffenrechtliche Erlaubnis wird höchstens für drei Jahre ausgestellt, danach ist sie erneut zu beantragen

Von Christiane Geier

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