Vertreibung

Vor 75 Jahren: 7200 Sudetendeutsche kamen in den Kreisteil

Ab 1945 wurden Sudetendeutsche gezwungen, ihre Heimat zu verlassen und nach Deutschland kommen. In einem Waggon fanden jeweils 30 Personen Platz.
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Ab 1945 wurden Sudetendeutsche gezwungen, ihre Heimat zu verlassen und nach Deutschland kommen. In einem Waggon fanden jeweils 30 Personen Platz.

Vor 75 Jahren wurden Sudetendeutsche aus ihrer Heimat vertrieben. Insgesamt wurden mehr als 28 000 Vertriebene im Schwalm-Eder-Kreis aufgenommen.

Melsungen – Die organisierte, humane Vertreibung aus dem Sudetenland: So lautet offiziell die Bezeichnung für die Vertreibung der sudetendeutschen Bevölkerung aus ihrer Heimat – den Ländern Böhmen, Mähren und Sudeten-Schlesien. Mit Kriegsende, Anfang Mai 1945, vollzogen die Tschechen zunächst die sogenannte „wilde“ Vertreibung. Die war verbunden mit einer Orgie von Raub, Mord, Totschlag, Vergewaltigungen und Verfolgungen.

In den grenznahen Regionen wurde die deutsche Bevölkerung über die Grenze gejagt. Die Täter waren die Soldaten der Roten Armee, Partisanengruppen aber auch Kriminelle und Sadisten. Durch ein Eingreifen der bis Prag vorgerückten US-Amerikanischen Armee, wurde das Inferno unterbrochen.

Der Transport: 30 Personen auf engem Raum

Das Ziel des Politikers Benesch, sein Land komplett zu entgermanisieren, führte ab Mitte 1945 zur Planung der organisierten, humanen Vertreibung. Die Amerikaner bestimmten in zahlreichen Vorschriften das Prozedere: jeweils 30 Personen in jeden der 40 Waggons mit einem Eimer Wasser und einem Toiletteneimer ausgestattet. Daraus ergab sich die Gesamtzahl von 1200 Personen pro Transport. Zu diesem Zweck war die deutsche Bevölkerung aufgefordert, sich ab Februar 1946 in einem Sammellager einzufinden. Es wurden Transportlisten mit allen Daten der Personen erstellt. Für jeden Transport war auch das Ziel bestimmt. Die Reise in bestimmte Landkreise der amerikanischen und britischen Besatzungszonen in Restdeutschland dauerte je nach Entfernung vier bis sechs Tage.

Insgesamt wurden mehr als 28 000 vertriebene Sudetendeutsche im Schwalm-Eder-Kreis aufgenommen.

Der erste Transport, der im Kreis Melsungen am 31. März 1946 ankam, war im Sammellager Mies im Egerland mit 1200 Personen gestartet. Der letzte Transport erreichte Melsungen am 15. September. Er kam aus Graslitz im Erzgebirge. Insgesamt hat der Altkreis Melsungen sechs Transporte mit 7247 Personen im ersten Nachkriegsjahr aufnehmen müssen. Das waren mehr als 3000 Personen mehr, als offiziell geplant, denn die letzten drei Transporte hatten das Sudetenland mit dem Ziel Landkreis Fulda verlassen. Diese drei Transporte wurden aber in Fulda abgewiesen. Die Begründung war der mangelnde Wohnraum.

Vertriebene fanden Arbeit in den Dörfern

Am Bahnhof Melsungen standen Kuh- und Pferdegespanne und brachten die Angekommenen in die Dörfer. Wie in anderen Kreisen waren im Altkreis Melsungen bereits Evakuierte der Bombenangriffe aus Kassel aufgenommen worden. Auch einige Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten hatte Melsungen aufgenommen. Das bedeutete, dass häufig viele Menschen in nur einem Zimmer wohnen mussten.

Da viele der sudetendeutschen Vertriebenen aus einer landwirtschaftlichen Region kamen, fanden die Frauen und die wenigen alten Männer auf den Bauernhöfen und kleinen Handwerksbetrieben eine Beschäftigung. Ohne die spontane Hilfsbereitschaft der Bevölkerung wäre eine Eingliederung nicht möglich gewesen. In den 1950er-Jahren gab es verschiedene Hilfs- und Eingliederungsprogramme des Bundes und des Landes Hessen. Eine Besonderheit des Landes Hessen gab es: zur Förderung der Integration aller Flüchtlinge und Vertriebenen wurde von Ministerpräsident Georg A. Zinn im Jahr 1961 der Hessentag eingeführt. (Horst W. Gömpel)

Buchtipp

Marlene und Horst W. Gömpel haben in ihrem Buch „….angekommen! – Vertrieben aus dem Sudetenland – Aufgenommen in Nordhessen“ mit zahlreichen Zeitzeugen und Vertriebenen geredet und die Umstände mit vielen Dokumenten und Fotos dargestellt. 

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