Ein Kaufmann alter Schule

Kurt Wolfram schließt sein Bettenfachgeschäft in Melsungen nach 63 Jahren

Nach 63 Jahren ist Schluss: Kurt Wolfram schließt zum Jahresende sein Bettenfachgeschäft, das er seit 1958 in der Melsunger Brückenstraße führt.
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Nach 63 Jahren ist Schluss: Kurt Wolfram schließt zum Jahresende sein Bettenfachgeschäft, das er seit 1958 in der Melsunger Brückenstraße führt.

Zum Jahresende, nach 63 Jahren, schließt Kurt Wolfram nun sein Geschäft in der Brückenstraße in Melsungen – für immer.

Melsungen – Als Kurt Wolfram sein Bettenfachgeschäft in Melsungen zum ersten Mal aufschloss, waren die meisten seiner heutigen Kaufmannskollegen in der Melsunger Innenstadt noch gar nicht geboren. Er ist 87 Jahre alt und ein Kaufmann durch und durch. Einer, den man einen Geschäftsmann der alten Schule nennt. Bei ihm zählt das Wort, er vertraut den Kunden, und sie vertrauen ihm, wenn er ihnen eine Matratze, eine Daunenbettdecke, ein Nackenkopfkissen empfiehlt oder zu einer Bettenreinigung rät. Denn er hat den Beruf von Anfang an gelernt.

Die Lehre

Kurt Wolframs Vater, ein selbstständiger Schreiner aus Guxhagen, hatte ihm 1949 eine Lehre in Kassel besorgt. Das war keine Selbstverständlichkeit in schwierigen Nachkriegszeiten. „Von 58 Schülern in meiner Klasse hatten nur vier eine Lehrstelle“, erinnert sich Kurt Wolfram. Ob der damals 15-Jährige Lust auf den Beruf hatte, wurde er nicht gefragt. Er lernte also Polsterer und Dekorateur bei der Firma Jürgens an der Kohlenstraße, die Matratzen und Polstermöbel produzierte – und hat es nie bereut. Zur Berufsschule am Katzensprung musste er durch die Kriegstrümmer der Stadt gehen, die auch vier Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs noch nicht aus der Stadt verschwunden waren.

Die Anfangsjahre

Kurt Wolfram war früh klar, dass er sich selbstständig machen wollte. Diesen Schritt wagte er dann 1958 mit Annemarie, die eine Ausbildung im Bekleidungshandel gemacht hatte und später seine Ehefrau wurde.

Die Wahl fiel auf ein Fachwerkhaus an der Brückenstraße in Melsungen, zu dem ein Hof mit Pferdescheune gehörte. Das Paar mietete im vorderen Bereich des Erdgeschosses einen 50 Quadratmeter großen Raum.

Die ersten Jahre waren schwer, erinnert er sich. Ausbau und Ausstattung des Ladens waren ein finanzielles Risiko für ihn, „ich war ja noch ein junger Bursche“. Aber die Kunden schätzten sein Fachwissen.

Ein paar Jahre später konnte er das Haus kaufen. 1973 machte er den Laden ein paar Monate zu, um „aus der alten Hütte“, wie er das einfache Fachwerkhaus nennt, zu einem modernen Ladengeschäft in der Innenstadt zu machen.

Der Umbau

Die Verkaufsfläche, die in den 1960er-Jahren auf 200 Quadratmeter erweitert wurde, wurde nun verdoppelt, denn die erste Etage wurde als Verkaufsraum umgebaut. Hierfür wurde das Haus komplett entfernt, nur das Fachwerk blieb stehen. Das Geschäft erhielt an zwei Seiten eine großzügige Fensterfront für die Auslage. „Das war eine Sensation damals“, erinnert sich Kurt Wolfram. 18 Jahre lang präsentierte er seine Waren regelmäßig auf der Kasseler Messe. Mit diesem „Riesenstand“ erweiterte er seinen Kundenstamm. In den besten Jahren hatte er fünf Mitarbeiter, die im Laden halfen beziehungsweise die verkaufte Ware zu den Kunden lieferten. Die Geschäfte liefen gut, auch weil der Vater einer Tochter bis vor einem Jahr keinen Hausarzt hatte („Ich war nie krank“). Doch im vergangenen Jahr, seinem 60. Ehejahr, zog sich Kurt Wolfram bei einem Sturz eine schwere Verletzung zu. Er musste seinen Laden Monate lang schließen.

Das Ende

Jetzt hat er wieder geöffnet, wenn auch nur noch bis zum Jahresende. Die Aufgabe fällt dem 87-Jährigen sehr schwer, wie er gesteht. Der Kontakt zu den Kunden, die Beratung und die privaten Gespräche haben ihm immer viel Freude gemacht. „Wenn ich noch mal geboren werde, dann mache ich genau dasselbe wieder“, sagt er und denkt mit mulmigem Gefühl an den Moment, wenn er sein Bettenfachgeschäft zum letzten Mal aufschließt. (Claudia Feser)

Nachfolger gefunden

Das Bettenfachgeschäft Kurt Wolfram wird an der Melsunger Brückenstraße weiter bestehen. Er habe einen Nachfolger als Pächter gefunden, sagt der 87-jährige Kurt Wolfram. Dieser werde das Geschäft ab Januar oder Februar 2022 unter seinem Namen fortführen.

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