Einmal Spielhölle und zurück: Selbstversuch am Automaten

Zum ersten Mal an einem Spielautomaten: Der erste Besuch von HNA-Volontärin Christiane Geier in einer Melsunger Spielhalle. Foto: Frank Leonhardt/dpa

Melsungen. Die größte Versuchung für Spielsüchtige sind Glücksspielautomaten. Aber was ist die Faszination am Glücksspiel?

HNA-Volontärin Christiane Geier machte den Selbstversuch. Für einen Nachmittag ging sie in eine Melsunger Spielhalle und zockte am Automaten.

Start. Start. Start. Extreme. Start. Immer wieder drücke ich die gleichen Tasten. Start. Start. Start. Ohne zu wissen was ich tue, erhöhe ich meinen Einsatz, meinen Gewinn und meinen Verlust. Mit 60 Cent pro Spiel schlägt mein Herz immer schneller. Bei 22,60 Euro drücke ich auf Auszahlen. Jetzt kann ich wieder atmen. Der kalte, schale Zigarettenrauch bringt mich zur Besinnung. Anfängerglück.

Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich mich an einen Spielautomaten wage. Hinter der alten Fassade eines Melsunger Fachwerkshauses verbirgt sich eine andere Welt. Nicht jeder hat Zutritt: „Glücksspiel nur für über 18-Jährige“, steht auf einem zerfledderten Papier. Die vergilbten Gardinen verbergen den Blick ins Innere.

Mein erster Schritt in die Spielhölle wird von einem riesigen Automaten blockiert. „Hallo“, ruft es aus dem düsteren Innenraum. Ich folge der Stimme. Eine Frau schaut mich erwartungsvoll über den Rand ihrer schwarz geränderten Lesebrille an. „Ich will einmal spielen“, sage ich. Ausdruckslos mustert sie mich und sagt: „Erstmal Ausweis zeigen.“

Ich gebe ihr meinen Personalausweis. Sie schaut mich noch einen Moment über den Rand ihrer Brille an, gibt dann an einem alten Computer „Christiana“ ein, bemerkt ihren Fehler nicht. Name, Wohnort und Geburtstag folgen. „Wie viel wechseln?“, fragt sie. Mit zittrigen Händen gebe ich ihr einen Zehn-Euro-Schein und bekomme fünf glänzende Zwei-Euro-Stücke zurück. Ratlos schaue ich sie an. „Nu’ spiel“, sagt sie mir.

Vier Maschinen stehen einander gegenüber, blinken und dudeln schrille Melodien. Lässig lümmelt ein junger Mann vor einem Apparat und spielt. Er ist ganz im Bann des Automaten.

Die schrillen Geräusche des Automaten beantwortet der Spieler mit dem Drücken der grün leuchtenden Taste. Start. Start. Start. So lange bis ein klingelndes Geräusch ertönt, dann reagieren seine Finger blitzschnell. Flitzen von Taste zu Taste, erhöhen die Chancen, riskieren mehr Geld. Verständnislos verfolge ich das Spiel, sehe zu wie seine Spielpunkte immer weniger werden. Von Geld ist keine Rede mehr. Es sind nur Punkte: 260. 210. 160. 110. 60. 0.

Enttäuscht steht er auf, wechselt mehr Geld. „Na? Kein Glück heute?“, fragt die Frau hinter dem Thresen, während sie weiter ihr Kreuzworträtsel löst. „Nee, noch nicht.“ „Was heißt ‘Viel Glück’ auf italienisch“, fragt sie. „Bene Fortuna“, antwortet er. „Bene Förtunee“, ruft sie voll Inbrunst. Mit dem Kleingeld füttert er gleich drei Maschinen.

„Übermäßiges Spiel“, lese ich in kleinen silbrigen Buchstaben auf schwarzem Grund an meinem Automaten, „ist keine Lösung bei persönlichen Problemen.“ Jetzt probiere ich an meiner Maschine. Aus den Augenwinkeln schaue ich zu dem jungen Mann, der weiter spielt. Acht Minuten später sind all seine Punkte, sein Geld, weg. Er dreht sich mir zu: „Jetzt has’te gesehen, wie 50 Euro weg sind.“ Er steht auf und geht. „Immer noch nix?“, fragt die Frau. „Nö, hab’ nix mehr.“ „Morgen wieder“, sagt die Frau lächelnd. Mit einem Ciao verabschieden sich die Beiden voneinander.

Er hat verloren und mir geht es nicht besser. Mit meinen letzten beiden Zwei-Euro-Stücken begebe ich mich auf die Suche nach dem Anfängerglück und finde es. Die Lust am Spiel packt mich und ich will noch mehr gewinnen.

Immer wieder füttere ich den Automaten mit Geldstücken, aber mein Anfängerglück ist aufgebraucht. Keine Glückssträhne mehr. Keine Lust am Verlieren. Insgesamt 32 Euro wandern in den Schlitz des Spielautomaten. Mit leeren Taschen stehe ich auf. „Keine Lust mehr?“, fragt die Frau hinter der Theke. „Nein.“ „Ciao“, ruft sie mir fröhlich nach.

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