Bienenvölker stehen auf Dach der VR-Partnerbank in Melsungen

Imker aus Syrien hat Bienen in Melsungen

Lukman Njar zeigt einen Honigrahmen aus einem Bienenstock. Dieser steht auf dem begrünten Dach der VR-Partnerbank in Melsungen.
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Lukman Njar hält sieben Bienenvölker auf dem begrünten Dach der VR-Partnerbank in Melsungen.

Wenn Lukman Njar bei seinen Bienen ist, dann ist er glücklich und traurig zugleich. Glücklich, weil er endlich wieder mit Bienen arbeiten kann. Und traurig, weil er in seiner Heimat Syrien Bienen hatte – bis der Krieg alles zerstört hat.

Melsungen - Nun lebt der Vater von sechs Kindern mit seiner Familie in Melsungen, und er hat endlich wieder Bienenvölker. Sieben seiner 17 Bienenvölker stehen neuerdings auf dem begrünten Flachdach der VR-Partnerbank in Melsungen.

„Ich möchte etwas für die Natur tun“, sagt Lukman Njar, 44. Er stammt aus einem Dorf bei Afrin nahe der Grenze zur Türkei. Sein Opa hatte schon Bienen, vier, fünf Völker, um Honig für die Familie zu haben. Als kleiner Junge hat Lukman Njar den Opa oft zu den Bienenstöcken begleitet. Njar lacht, wenn er daran zurückdenkt: Wie er immer hektisch um sich schlug, wenn ihm die Bienen um den Kopf schwirrten – und dann leider zustachen. Damals habe es keine Schutzausrüstung für Imker in Syrien gegeben. „Die Bienen in Syrien sind viel aggressiver als die deutschen, die sehr ruhig sind.“

Nach dem Ende der Schulzeit arbeitete Lukman Njar auf dem Bau und fing mit dem Imkern an. Es wurden immer mehr Völker, zuletzt hatte er mehr als 200. Die betreute er zusammen mit zwei Brüdern und einem Neffen, weil er es nicht alleine schaffen konnte. So wurde aus dem Hobby sein Beruf.

Die Bienenvölker hatten die Njars weit verstreut im Nordwesten Syriens stehen, in den Gegenden um Aleppo, Latakia, Homs und Raqqa. Lukman Njar lebte wochentags bei den Bienen. Dafür belud er seinen weißen Hyundai mit Zelt, Essen und Bettzeug und fuhr zu ihnen. Neben den Bienenstöcken schlug er sein weißes Zelt auf. „Ein weißes Zelt greifen die Bienen nicht an – das wäre anders, wenn ich ein gelbes Zelt gehabt hätte“, berichtet er. Über Zelt und Auto breitete er immer ein feinmaschiges Netz, um sich vor den Bienen zu schützen.

Den Honig verkaufte Njar. Manche Kunden riefen ihn an und kauften den Honig direkt bei ihm in Afrin, manche gingen in den Supermarkt, wo sein Honig angeboten wurde. „Ich hatte immer echten Honig, und das wussten die Kunden zu schätzen“, berichtet er, „in Syrien schummeln viele und machen Zucker in den Honig.“

Der Imker verkaufte auch viel Honig ins arabische Ausland, in den Libanon, nach Saudi-Arabien und Kuwait. Viele Lastwagen kamen immer nach Afrin, um Öl zu laden, für das die 700 000-Einwohner-Stadt bekannt war. „Und den Fahrern habe ich dann immer Kartons mit meinem Honig zum Verkauf mitgegeben.“

Die syrischen Bienen sind nicht so fleißig wie die europäischen, hat Njar festgestellt. Außerdem sind sie etwas kleiner und fliegen nur im Umkreis von einem Kilometer, die deutschen Bienen können bis zu drei Kilometer fliegen. Im syrischen Sommer wird es oft über 40 Grad – zu heiß für die Honigbienen. Aber Lukman Njar sagt: „Wer gut mit Bienen umgeht, der bekommt auch viel.“ Pro Volk konnte er im Jahr etwa 35 Kilo Honig ernten. Er verfeinerte den Honig mit Gelée royale, dem Futtersaft, mit dem die Honigbienen ihre Königin aufziehen: zehn Gramm auf ein Kilo Honig. „Da ist sehr gut für das Wachstum der Kinder, und für das Herz bei älteren Menschen.“

Ende 2011 begann dann der Krieg. Was passierte mit seinen Bienenvölkern? Ein Teil verbrannte, weil die Bienenstöcke in einem Wald standen, der bombardiert wurde. Einige Völker konnte er verkaufen. Die restlichen werden noch von einem seiner Brüder versorgt, der in Syrien geblieben ist.

Dort ist es sehr gefährlich für die Familie, denn die Njars sind Kurden. Im vergangenen November wurde sein 14-jähriger Neffe auf dem Weg zu den Olivenbäumen der Familie erschossen. Als Lukman Njar davon berichtet, rollen ihm Tränen übers Gesicht. Er war politisch engagiert, hatte in seiner Heimat Artikel für eine kurdische Zeitung geschrieben – bis er verhaftet werden sollte. Da wusste er: „Hier gibt es kein Leben und keine Zukunft für meine Kinder.“ Er floh mit seiner Familie Richtung Europa.

Mittlerweile leben die Njars seit fünf Jahren in Melsungen. „Hier können meine Kinder lernen und sich eine Zukunft aufbauen, damit sie die Welt besser machen können.“ Njar ist froh, mit seiner Familie in Sicherheit zu sein. Über den Melsunger Imkerverein kam er zu neuen Bienenvölkern. Und wenn er jetzt mit den Bienen arbeitet, dann ist Lukman Njar glücklich. Und auch traurig, weil der Krieg seine Arbeit mit den Bienen in Syrien zerstört hat. Aber für ihn gilt: „Die Bienen machen etwas Gutes für die Menschen und die Natur.“ In Deutschland wie in Syrien. (Claudia Feser)

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