Serie Böddiger Berg 

Fachklinik am Böddiger Berg:  Großteil der Patienten im Jugendhilfebereich ist männlich

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Im Atrium der Fachklinik am Böddiger Berg: links die Leiterin der Fachklinik Annette Wenzel mit Ann-Katrin Walter, kommissarische Leiterin des Jugendhilfebereichs. 

Die Fachklinik Böddiger Berg ist eine feste Institution im Landkreis. Sie bietet Menschen einen Arbeitsplatz und Hilfe für Suchtmittelgefährdete oder Abhängige. 

Felsberg – Der tragische Tod von zwei Jugendlichen hat das kleine Nordendorf bei Augsburg vor etwa vier Wochen deutschlandweit bekannt gemacht. Die zwei Jungen (15 und 16 Jahre alt) sind an ihrem Drogenkonsum gestorben. Laut Gerichtsmedizin nahmen sie zuvor Amphetamine. Damit solch erschütternde Todesfälle nicht häufiger vorkommen, gibt es in der Fachklinik Böddiger Berg einen Jugendhilfebereich. Doch nicht einmal die Hälfte der Betten sind dort derzeit belegt, erzählt Ann-Katrin Walter, Kommissarische Leiterin der Jugendhilfe.

„Vermutlich erreichen uns wegen der Corona-Pandemie weniger Anfragen“, erzählt sie. Denn meist falle der Drogenkonsum von Jugendlichen in Vereinen, in Schulen oder bei Streetworkern auf – die Eltern wüssten in den meisten Fällen erst zuletzt, dass ihre Kinder ein Drogenproblem haben. Da die Schulen zuletzt geschlossen waren, Sport in Vereinen nicht stattfinden durfte, Jugendclubs und die Suchtberatungen nicht zugänglich waren, „sind die Jugendlichen mit einem Drogenproblem bestimmt untergetaucht“, vermutet sie.

Aufenthalt in Heimen

In dem Jugendhilfebereich an der Fachklinik gibt es zwölf Plätze für 16- bis 21-Jährige. Die Finanzierung des Bereichs läuft über die Jugendämter. In regelmäßigen Abständen führe die Fachklinik mit dem Jugendamt ein Plangespräch, um zu sehen, wann wie viele Jugendlichen aufgenommen werden müssen. „Das ist insofern sinnvoll, als dass viele der Jugendlichen ohnehin schon vom Jugendamt betreut werden.“

Viele der Jugendlichen seien seit ihrer Kindheit in Heimen untergebracht. „Wenn die Jugendlichen zu uns kommen, nehmen sie nicht erst seit einem halben Jahr Drogen“, sagt Walter. Die Akten der Jugendlichen seien schon prall gefüllt. Beschaffungskriminalität kennen sie seit dem Kindesalter: „Sie fangen mit elf oder zwölf Jahren an, Drogen zu nehmen – kurze Zeit später begehen sie Straftaten, um an Geld zu kommen.“ Bei den Jungen seien es oft Diebstähle und Dealen, bei den Mädchen auch Prostitution. „Aber auch bei den Jungs kommt Prostitution vor – es ist aber ein absolutes Tabu-Thema“, sagt Walter. Die Therapeuten würden davon erst viel später erfahren.

Diese schlechten Erfahrungen gilt es dann während ihres Aufenthalts aufzuarbeiten. Dazu komme, dass viele der Jugendlichen seit dem Beginn ihrer Drogensucht nur selten bis gar nicht mehr die Schule besucht haben. „Es ist immer wieder erstaunlich, wie in Deutschland einfach ein Kind unbemerkt über mehrere Monate in der Schule fehlen kann“, sagt Annette Wenzel, die Leiterin der Fachklinik. Sie gingen einfach im System verloren. „Entweder sie schaffen es, ihren Erziehungsberechtigten monatelang etwas vorzulügen oder die Eltern interessiert es einfach nicht“, sagt sie. In fast allen Fällen müssten die Patienten sogar noch Unterrichtstoff aus der fünften Klassen nachholen, wenn sie in der Fachklinik ankommen. „Die meisten von ihnen sind Schulabbrecher“, sagt Wenzel.

Familiäre Verhältnisse

Der Fokus bei der Arbeit mit den Jugendlichen liegt darauf, sich mit ihrer Familien- und Drogenproblematik zu befassen. „In diesem Alter sind die Jugendlichen ohnehin verschlossen, sodass sie sich nur selten einer fremden Person öffnen“, sagt Walter. Deshalb müsse man zunächst vor allem Beziehungsarbeit leisten. Dafür stehen den Jugendlichen rund um die Uhr während ihres zehnmonatigen Aufenthaltes Therapeuten, Erzieher, Psychologen, Arbeits- und Sozialtherapeuten zur Seite.

Anders als bei vielen Erwachsenen fehle bei den Jugendlichen die Einsicht, dass sie ein Problem haben. „Die Jugendlichen kommen zum Großteil auf Anordnung des Jugendamtes zu uns, weil sie straffällig geworden sind“, sagt Walter. Deshalb müsse man ihnen erst bewusst machen, dass sie ernsthaft krank sind.

Das passiert in Einzel- und Gruppengesprächen. Bis heute sei ein Großteil der Patienten männlich. Wenzel gibt aber zu bedenken: „Das heißt nicht automatisch, dass mehr männliche Jugendliche Drogen nehmen, Frauen und Mädchen konsumieren einfach im Stillen“, sagt sie. Weshalb der Konsum bei ihnen oft unbemerkt bleibt.

„Vielen fehlt Geborgenheit von Zuhause“, sagt Walter. Die Therapeuten seien in engem Kontakt mit dem Erziehungsberechtigen. Es gibt Elterngespräche vor Ort, wenn die Eltern dazu bereit sind. Oft hätten Jugendliche aber auch nur wenig Kontakt zur Familie. „Aber das bedeutet nicht, dass wir ausschließlich Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen haben – hier sitzen Anwaltssohn und Heimkind nebeneinander“, sagt Wenzel.

In allen Fällen versuchen die Pädagogen vor Ort aber wieder ein Verhältnis zu dem engeren Umfeld der Jugendlichen aufzubauen. Oft würden die Eltern erst dann erfahren, wie exzessiv ihre Kinder Drogen konsumiert haben.

Es gibt aber auch den umgekehrten Fall: „Die Jugendlichen dürfen ihre Familien zuhause besuchen“, sagt Wenzel. Nicht selten müssten die Therapeuten die Jugendlichen darauf vorbereiten, dass sie zuhause wieder genau „dieselbe schlechte Situation erwartete, wie immer“, sagt Wenzel.

Damit sie dann nicht rückfällig werden, bereiten die Therapeuten sie intensiv auf ihr Zuhause vor und auch auf die möglichen Gefahren. „Wir versuchen ihnen klar zu machen, dass sie sich ins Positive verändert haben, ihre Familien aber vielleicht nicht.“

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