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Fachkräftemangel in der Region: Ukrainerinnen arbeiten im Fleischwerk der Edeka Hessenring in Melsungen

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Von: Claudia Feser

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Ukrainerinnen im Fleischwerk der Edeka: Die Ukrainerinnen Tatiana Maksymovich (links) und Swetlana Lasarenko (rechts) werden von Irina Hofmann als Patin bei der Arbeit im Fleischwerk der Edeka begleitet.
Ukrainerinnen im Fleischwerk der Edeka: Die Ukrainerinnen Tatiana Maksymovich (links) und Swetlana Lasarenko (rechts) werden von Irina Hofmann als Patin bei der Arbeit im Fleischwerk der Edeka begleitet. © Claudia Feser

Vielen Betrieben fehlen Fachkräfte und Auszubildende. Mit unserer Serie „Ein Thema eine Woche“ beleuchten wir das Problem aus verschiedenen Perspektiven. Heute: Metzger und Produktionshelfer.

Melsungen – „Wir wollen nicht nur nehmen, sondern auch geben“, das sagt Swetlana Lasarenko. Sie ist eine von elf Ukrainern, die als Produktionshelfer im Fleischwerk der Edeka Hessenring in Melsungen arbeiten. Für die neun Frauen und zwei Männer, die wegen des Kriegs aus ihrer Heimat geflüchtet sind, ist das ein Stück zu mehr Selbstständigkeit. Für das Unternehmen ist es eine Chance in Zeiten von Fachkräftemangel.

Zwar gelten Produktionshelfer nicht als Fachkräfte, aber auch in diesem Bereich gibt es einen Mangel, sagt Norbert Rohde, Produktionsleiter im Fleischwerk. Denn es sei zuweilen schwierig, neue, zuverlässige Mitarbeiter für die Hilfsarbeiterdienste zu finden. Rohde betont, durchweg gute Erfahrungen mit den neuen Mitarbeitern aus der Ukraine zu machen.

Sie arbeiten seit Anfang April im Unternehmen und sind gut integriert, bestätigt auch Irina Hofmann. Sie begleitet die Ukrainer als Patin. Die Verständigung klappt reibungslos: Irina Hofmann spricht Russisch, die Ukrainer hatten Russisch in der Schule.

Ukrainerinnen arbeiten im Fleischwerk: Arbeit wird auf Deutsch erklärt

Und manches wird bewusst auf Deutsch erklärt. Welche deutschen Fachbegriffe kennt Swetlana Lasarenko bereits? „Eimer, Messer, Wagen und Spieße“, zählt die 41-Jährige auf. Mit ihren Kollegen etikettiert sie, hängt Würste auf, reinigt Füllmaschinen und Transportkisten. Eine ihrer Kolleginnen ist ihre 20-jährige Tochter Anna.

Sie studiert eigentlich in der Ukraine und will Fluglotsin werden. Jetzt arbeitet sie Vollzeit im Fleischwerk als Produktionshelferin und hofft, sich mit ihrem Lohn eine eigene Wohnung leisten zu können.

Die Ukrainer verdienen zum Einstieg 2200 Euro brutto. Nach Ablauf der Probezeit können sie 2620 Euro verdienen, plus betriebliche Altersvorsorge, Schichtzulagen und Urlaubs- und Weihnachtsgeld bei Festanstellung, sagt Rohde.

Swetlana Lasarenko stammt aus Kirowograd, die Stadt ist 400 Kilometer von Kiew entfernt. Die dreifache Mutter arbeitete dort in einer Fabrik für Wasserpumpen. „Der Betrieb war so groß wie das Fleischwerk“, sagt sie, „damals habe ich mit Schwermetallen gearbeitet und jetzt mit Fleisch.“ Es sei schwere Arbeit gewesen, zwölf Stunden am Tag.

Fachkräftemangel bei Metzgern ist hoch

Ihre Kollegin Tatiana Maksymovich, 43, arbeitete bei der Eisenbahn und betreute Lokführer in einem Hotel. Die 21-jährige Tochter Vlada arbeitet ebenfalls im Fleischwerk, Tatianas Ehemann ist in der Ukraine. „Wir haben zuhause auch mal Würstchen gemacht, aber nicht in diesen Maßen wie im Fleischwerk“, scherzt sie.

Und doch merken ihre Kollegen, dass die Ukrainer in Ruhepausen mit den Gedanken bei Familie und Freunden in ihrer Heimat sind. „Aber wir versuchen, sie abzulenken“, sagt Irina Hoffmann, die seit 20 Jahren im Fleischwerk arbeitet.

Die grundsätzliche Hoffnung mit den Produktionshelfern ist, dass sich vielleicht der eine oder andere fürs Fleischerhandwerk interessiert. Denn bei Metzgern gibt es einen Fachkräftemangel, seit mehr als zehn Jahren, sagt Norbert Rohde.

Früher gab es mehr Auszubildende im Fleischwerk

Früher hatte die Edeka im Durchschnitt sechs Azubis im Ausbildungsjahr, jetzt sind es nur noch maximal zwei. Warum? „Das Image von Metzgern ist nicht das Allerbeste“, sagt Rohde. Wer sich auf der Kirmes mit Freunden treffe und sage, dass er Metzger lerne, über den werde die Nase gerümpft. „Mechatroniker hört sich für viele besser an als Metzger.“

Ja, der Beruf habe mit Tod zu tun. Aber er werde unterschätzt: „Man schneidet nicht nur mit dem Messer Fleisch kaputt“ sagt Produktionsleiter Rohde, der vor 44 Jahren selbst Metzger gelernt hat, „der Beruf hat mit Ethik und Kreativität zu tun.“ Manche Hauptschüler würden die Abschlussprüfung nicht schaden: Chemie, Physik, Fachrechnen, außerdem Etikettengestaltung, Verkauf, Wurstherstellung, Lebensmittelvorschriften. (Claudia Feser)

Fleischwerk hat vier Metzger-Azubis

Im Fleischwerk der Edeka Hessenring sind 413 Mitarbeiter beschäftigt, davon 342 Mitarbeiter am Standort Melsungen (Großen-Buseck 34, Straußfurt/Thüringen 37). Mit 189 Mitarbeitern sind die Produktionshelfer in der Mehrzahl. Es gibt 102 Metzgergesellen, 37 Metzgermeister sowie 29 Kaufmännische Angestellte und 48 Fachkräfte, unter anderem für Instandhaltung und Fuhrpark. Aktuell hat die Tochtergesellschaft der Edeka Hessenring vier Auszubildende im Fleischerhandwerk. Zum Vergleich: Im Schwalm-Eder-Kreis gibt es zurzeit insgesamt 19 Metzger-Auszubildende.

Mehr zur Serie „Fachkräftemangel in der Region“

Dieser Artikel ist Teil unserer Serie „Ein Thema eine Woche: Fachkräftemangel in der Region“. Mehr zum Thema gibt es in weiteren Teilen.

Wie Migration dem Fachkräfte- und Auszubildenenmangel entgegenwirken kann, lesen Sie hier.

Wie beliebt das Dachdeckerhandwerk heutzutage ist, lesen Sie hier.

Wieso ein Florist seine Filiale wegen des Fachkräftemangels schließen musste, lesen Sie hier.

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