Klinik hatte keine Zweifel am Bewerber

Falscher Arzt steht in Kassel vor Gericht

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Gegen einen 38-Jährigen, der sich fälschlicherweise unter anderem in der Melsunger Asklepios Klinik als Arzt ausgegeben hat, wurde gestern der Prozess eröffnet.

Was sich vor der Festnahme des falschen Arztes in der Asklepios-Klinik Melsungen ereignet hat, wird heute vor der 11. Strafkammer des Landgericht Kassel verhandelt werden.

Bedienstete des Melsunger Krankenhauses werden als Zeugen gehört. In einem Krankenhaus der Kliniken Nordoberpfalz AG hatte man zunächst keine Zweifel an den Fähigkeiten des 37-jährigen lybischen Staatsangehörigen, sondern sogar Vertrauen in ihn. Das ergab sich während der Beweisaufnahme am Montag.

„Das hat mir sehr imponiert”, sagte ein Chefarzt einer Klinik im Kreis Tirschenreuth, nachdem er zuvor mit dem 37-Jährigen gesprochen hatte. Der habe gesagt, Facharzt für Neurochirurgie, also Chirurg, zu sein. Man habe ihn als Oberarzt eingestellt, und er sei ohne Probleme eingearbeitet worden. Auf die Frage des Vorsitzenden Richters Rinninsland, ob es denn keine Auffälligkeiten gegeben habe, sagte der Chefarzt, es habe keine Zweifel daran gegeben, dass der Bewerber Arzt sei. Später dann habe die Regionalleitung der Kliniken mitgeteilt, dass er gar kein Arzt sei.

Angeblich Facharzt für Neurochirurgie

„Er war selbstbewusst im Auftreten.” So beschrieb der Hauptabteilungsleiter Personalwesen des Klinikverbundes in der Oberpfalz den 37-Jährigen. Man habe bei ihm „keine besonderen Auffälligkeiten” feststellen können. Der 37-Jährige habe in der Klinik in Kemnath allein 21 Bereitschaftsdienste absolviert.

Vorgestellt habe er sich als Facharzt für Neurochirurgie. Als man dann erfahren habe, dass er gar kein Arzt sei, habe man die Presse und Behörden informiert. Die Kriminalpolizei habe mehr als 200 Patientenakten beschlagnahmt. Laut Anklage hat der falsche Arzt während seiner Zeit in Kemnath 16 751 Euro erhalten. „Über die Bezahlung streiten sich jetzt die Versicherungen”, sagte der Personalleiter und sprach von der Gefahr eines wirtschaftlichen Schadens. Er räumte ein, vor der Einstellung des falschen Arztes keine Originalakten gesehen zu haben, sondern nur PDF.

Eingereichte Unterlagen waren nicht echt

Ein Mitarbeiter eines Personalservice in Bielefeld, der ärztliche Tätigkeiten an Dritte vermittelt, berichtete, man habe den 37-Jährigen „mehrfach angeboten”, dieser sei aber nicht angenommen worden. Bis es dann zu der Anstellung in der Oberpfalz gekommen sei. Nach einer Information der Ausländerbehörde sei alles aufgeflogen. Man habe Anzeige wegen Betrugs erstattet. Zu den Bewerbungen des falschen Arztes sagte der Vermittler: „Es waren keine echten Unterlagen.”

„Meine drei Kinder und meine Frau brauchen mich”, betonte der Angeklagte. Das Gefängnis sei für ihn die Hölle. Er habe die Kinder seit einem Jahr nicht mehr gesehen, er habe 20 Kilo abgenommen. „Das Gefängnis hat mich kaputt gemacht”, sagte der Beschuldigte, und brach erneut in Tränen aus.

Richter Rinninsland entgegnete, der Beschuldigte habe nach der ersten Anklage, die ihm vom Amtsgericht zugestellt worden sei, nicht aufgehört. Er habe trotz der Vorwürfe der Staatsanwaltschaft „mit gefälschten Urkunden” weitergemacht. Der Richter: „Nicht wir haben Sie kaputt gemacht, wenn, dann haben Sie sich kaputt gemacht. Sie hätten die Notbremse ziehen müssen.”

Eine Krankenpflegerin der Melsunger Asklepiosklinik enttarnte den falschen Arzt, da er im Dienst wegen Inkompetenz auffiel.

Fortsetzung: Mittwoch, 17. Juli, Dienstag, 23. Juli und Mittwoch, 24. Juli, jeweils 9 Uhr, Saal E 218.

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