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Familie aus den USA kommt nach Melsungen und erfährt Neues über ihre jüdischen Vorfahren

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Von: Manfred Schaake

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Erinnerung an ehemalige jüdische Mitbürger, die von den Nationalsozialisten gedemütigt und verfolgt wurden: Im Bild Stolpersteine für die Familie Levy auf dem Marktplatz. In Melsungen gibt es bisher 52 Stolpersteine.
Erinnerung an ehemalige jüdische Mitbürger, die von den Nationalsozialisten gedemütigt und verfolgt wurden: Im Bild Stolpersteine für die Familie Levy auf dem Marktplatz. In Melsungen gibt es bisher 52 Stolpersteine. © Repro: Manfred Schaake

Auf den Spuren der Melsunger Geschichte erfährt die in den USA lebende Familie Freedberg neue Geschichten über ihrer jüdischen Vorfahren, die sie so noch nicht kennt.

Melsungen – Ein Teil der Stolpersteine im Pflaster, die an die Schicksale ehemaliger jüdischer Mitbürger während der Nazi-Zeit erinnern, sind der Familie Levy gewidmet. Sie hatte laut Stammbaum seit 1735 in Röhrenfurth und Melsungen gelebt.

Initiative Stolpersteine

Nachkommen besuchten jetzt die Bartenwetzerstadt: Jean Freedberg, ihr Bruder Louis mit Ehefrau Alina und den Kindern Lucia und Julian waren Gäste der Familien Joachim Schröder sowie von Renate Mahler-Heckmann. Dank ihres Engagements wurde 2008 die Initiative Stolpersteine in Melsungen gegründet. Als Dolmetscher fungierte der Studiendirektor im Ruhestand Hans-Peter Klein, Mitbegründer der Melsunger Stolperstein-Aktion und Mitglied des bundesweit aktiven Vereins „Gegen Vergessen – für Demokratie“.

Sie musste vor den Nazis fliehen

Jean Freedberg ist Sozialwissenschaftlerin, arbeitete bis 2014 im United States Holocaust Memorial Museum, organisiert jetzt bei Human Rights in Washington internationale Programme und ist zurzeit in Bonn tätig. Ihr Bruder Louis ist Journalist. Jeans Ur-Großmutter, Betty Levy (1869 - 1941), musste am 8. November 1938 unter der Judenverfolgung leiden.

Im Zusammenhang mit einem Porträt ihrer Ur-Großmutter, das an ihrem Arbeitsplatz hängt, sagt sie: „Das ist das, was passiert ist. Meine Urgroßmutter lässt sich noch in 1938 in Melsungen fotografieren, sie lebt völlig entspannt ihren Alltag und im selben Jahr musste sie fliehen, weil die Nazis ihr Haus gestürmt hatten, ihr Klavier auf die Straße geschmissen hatten und sie umbringen wollten. Wie kann man das verstehen?“ Für die Angehörigen ist das heute noch eine unfassbare Geschichte. Über Holland flüchtete Betty Levy nach Südafrika.

Der Vorfall ereignete sich in dem Haus am Marktplatz, in dem heute die Rosen-Apotheke untergebracht ist. Im Treppenhaus hängt noch ein schönes altes Foto von dem damals verputzten Fachwerkbau. Darauf steht der Name Levy. Apotheker Werner Dabelow, der Großvater von Apotheker Joachim Schröder, hatte das Gebäude 1958 von der Rheika erworben.

„Es ist sehr bewegend, hier sein zu dürfen“, sagt Jean Freedberg zur Familie Schröder, und spricht von einer Verbindung zu den Wurzeln. Dazu gehörte auch ein Besuch der Angehörigen-Gräber auf dem jüdischen Friedhof. Freedberg: „Wir sind sehr dankbar dafür, dass es Menschen gibt, die sich um das jüdische Leben kümmern und die Erinnerung wachhalten.“ Dabei hebt sie die Namen der Familien Schröder, Mahler-Heckmann und Hans-Peter Klein hervor.

Es sei wichtig, Informationen bekommen zu haben über Familien, die im Holocaust verfolgt und ermordet worden sind, betont Louis Freedberg. Wichtig sei auch, dass diese Informationen an die nachfolgenden Generationen weitergegeben werden. Im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine sagt er, die Flucht vieler Menschen erinnere ihn an das Schicksal seiner eigenen Familie.

Der Frieden ist bedroht

„Der Frieden ist bedroht“, heißt es aus dem Kreis der Familie. Die nachfolgenden Generationen müssten die Lehren ziehen aus der Vergangenheit. Es sei wichtig, Menschenrechtsverletzungen in der ganzen Welt zu thematisieren und für die Einhaltung der Menschenrechte einzutreten, sich dafür zu engagieren: „Tagtäglich erlebt man die Verletzung der Menschenrechte.“

Jean Freedberg war bereits 2011 zu Gast bei Renate Mahler-Heckmann. Damals hatte sie mit fünf Mitarbeitern des Washingtoner Holocaust Museums die ehemaligen Konzentrationslager in Polen besucht. Sie wollte sich, wie sie sagt, die Vernichtungsmaschinerie vor Ort ansehen.

Wie kann es sein, fragt sie sich, dass aus dem so kleinen idyllischen Städtchen Melsungen mit den leuchtenden Fachwerkhäusern, wo sich ihre Familie zu Hause und geborgen fühlte, Überfall und Totschlag stattfinden konnten, obwohl man sich von Kindesbeinen an kannte? Und: Wie kann es sein, dass alle Juden aus Melsungen deportiert werden konnten, selbst wenn sie sich in den hintersten Ecken versteckten?

Unbegreiflich nennt sie, das Aufgreifen der Juden und den Transport über tausende von Kilometer in das Vernichtungslager Majdanek, das sie sich angesehen hat. Fragen kommen auf: „Wie lange wurde das schon vorbereitet und wie konnte es unbemerkt bleiben?“

Das Gebäude, das früher der Familie Levy gehörte. Sie betrieb hier unter anderem einen Tuchhandel. In dem Gebäude ist die Rosen-Apotheke der Familie Schröder untergebracht. Werner Dabelow erwarb es 1958 von der Rheika. Das Foto hängt im Treppenhaus.
Fachwerkhaus unter Putz: Das Gebäude, das früher der Familie Levy gehörte. Sie betrieb hier unter anderem einen Tuchhandel. In dem Gebäude ist die Rosen-Apotheke der Familie Schröder untergebracht. Werner Dabelow erwarb es 1958 von der Rheika. Das Foto hängt im Treppenhaus.  © Repro: Manfred Schaake

Nach dem Besuch in 2011 hatte Renate Mahler-Heckmann festgehalten: „Immer wieder fragt mich Jean, wieso ich mich für die Stolpersteine interessiere. Will ich die Abgründe der Menschen verstehen? Will ich etwas gut machen, will ich einen Teil von unserer Gesellschaft zurückholen, den wir zerstört haben oder ist es die Angst, plötzlich auch eine Verfolgte zu sein? Ich kann es nicht beantworten. Es bleibt eine Suche. Die Frage, wie konnte das Unbegreifliche passieren, bleibt unbeantwortet stehen. Wenn wir die Antwort wüssten, könnten wir dann verhindern, dass jemals wieder solch ein Unrecht geschieht? Die Realitäten sprechen dagegen und trotzdem geben wir nicht auf. Das ist das, was uns verbindet.“

Fachwerkhaus unter Putz: Das Gebäude, das früher der Familie Levy gehörte. Sie betrieb hier unter anderem einen Tuchhandel. In dem Gebäude ist die Rosen-Apotheke der Familie Schröder untergebracht. Werner Dabelow erwarb es 1958 von der Rheika. Das Foto hängt im Treppenhaus.
Fachwerkhaus unter Putz: Das Gebäude, das früher der Familie Levy gehörte. Sie betrieb hier unter anderem einen Tuchhandel. In dem Gebäude ist die Rosen-Apotheke der Familie Schröder untergebracht. Werner Dabelow erwarb es 1958 von der Rheika. Das Foto hängt im Treppenhaus. © Melsungen –

Die Dankbarkeit von Jean, so hat Renate Mahler-Heckmann dokumentiert, „wie wichtig unsere Stolperstein-Initiative Melsungen ist – und Fragen, die uns immer wieder durch den Kopf gehen und nicht beantwortet werden können, sind sehr wichtig.“ (Manfred Schaake)

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