Flüchtling aus Eritrea fand Ausbildungsplatz in Obermelsungen

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Endlich angekommen: Amlesom Kidane mit Stefan Sippel, hinten von links, im Kreis seiner neuen Kollegen bei Sippel Bau in Obermelsungen. Vorne von links Daniel Menkel, Timo Beck und Nina Plaga.

Melsungen. Amlesom Kidane flüchtete von Eritrea nach Deutschland - jetzt macht er eine Ausbildung bei Sippel Bau in Obermelsungen.

Zu Fuß von Eritrea in den Sudan, mit einem Jeep durch die Wüste und Kriegsgebiete nach Libyen, weiter mit einem überfüllten Schlauchboot in internationale Gewässer und mit einem Frachter und etwa 450 anderen Flüchtlingen nach Italien. Dann saß er endlich im Zug nach Deutschland: Das ist die Fluchtroute von Amlesom Kidane. Von Keren in Eritrea bis nach Gießen in Deutschland - das sind fast 7000 Kilometer lebensgefährlicher Flucht.

Der 30-Jährige hat die Flucht überlebt, sich im Erstaufnahmelager in Gießen verliebt und ist seit einem Monat Vater von einem Jungen namens Natnael. Im August 2014 kam er in Gießen an, jetzt, gut ein Jahr später, ist er Auszubildender bei Sippel Bau in Obermelsungen, hat Hoffnung von einer Sammelunterkunft in Bebra in eine Wohnung im Schwalm-Eder-Kreis zu ziehen und seine Partnerin mit seinen Sohn aus einem Lager bei Hanau in den Landkreis zu holen.

„Ich bin glücklich“, sagt Amlesom Kidane auf Deutsch und lacht. Die Ausbildung sei eine große Chance sich in Deutschland etwas aufzubauen. Er versteht viel und spricht schon ganz passabel. Seine Geschichte ist leider nicht die Regel und sein Schicksal trotz des glücklichen Ausgangs nicht leicht. Nach seinem Studium der „Öffentlichen Verwaltung“ in Eritrea habe man ihn festgenommen und für neun Monate eingesperrt. Illegale Ausreise haben man ihm vorgeworfen. Soldaten hatten ihn damals verhaftet, dabei habe er nur innerhalb Eritreas verreisen wollen.

Sein Vater sei vor sechs Monaten in einem deutschen Flüchtlingslager gestorben. Der Rest seiner Familie lebe noch in Eritrea. Wann oder ob er sie wiedersehen werde, sei ungewiss, erzählt Amlesom Kidane.

Stefan Sippel möchte seinen Teil dazu beitragen, dass Amlesom Kidanes Geschichte künftig wieder glücklich verläuft. Wenn Kidane 2018 seine Ausbildung abschließe, könne er weiter im Unternehmen arbeiten.

Kidane sei ein so höflicher und netter Mensch. „Ich habe von Anfang an gesehen, das passt.“ Er sei intelligent, machte sich während des Praktikums von allem Notizen, erklärte, was er verstanden habe und was nicht. „Amlesom Kidane ist total motiviert.“ Das sei leider nicht selbstverständlich. Es scheitere bei Auszubildenden häufiger schon mal daran, dass es um 6 Uhr losgehe.

Für die Flüchtlinge sei es wichtig, etwas zu tun zu haben, zu arbeiten. Rumhängen bekomme niemandem.

Ohne die Initiative der Handwerksinnung und die Praktikumsvermittlung wäre Kidane nicht bei ihm. Dies müsse der Weg sein, den Menschen etwas zu tun zu geben.

Schlechtere Chancen auf Arbeit für Flüchtlinge 

1300 Flüchtlinge leben derzeit im Schwalm-Eder-Kreis. Wie viele von ihnen eine Arbeitserlaubnis haben ist unklar. Darüber würde bei der Ausländerbehörde und der Agentur für Arbeit keine Statistik geführt, sagt Bernd Schwalm, Arbeitsgruppenleiter bei der Behörde. Der 30-jährige Amlesom Kidane aus Eritrea hat eine Arbeitserlaubnis erhalten, weil er einen Arbeitgeber fand. Seit dem 1. September macht er bei der Sippel Bau GmbH in Obermelsungen eine Ausbildung zum Maurer.

Überlicherweise hätten Asylbewerber deutlich schlechtere Chancen als Deutsche und EU-Ausländer bei der Aufnahme von Arbeit, da sie nicht als als bevorrechtigte Arbeitnehmer gelten. „Einer Arbeitsaufnahme – auch bei Praktika und Hilfsjobs – muss die Agentur für Arbeit zustimmen, Ausnahmen gibt es nur bei Ausbildungen“, sagt Schwalm. Asylsuchende, die länger als 15 Monate in Deutschland sind und geduldete Flüchtlinge, dürfen auch ohne Anerkennung ihres Asylantrags eine Arbeit aufnehmen. Amlesom Kidane ist seit August 2014 in Deutschland. Über ein Praktikum der Bauhandwerksinnung im Kreis Hersfeld-Rotenburg hat er Kontakt mit Sippel Bau bekommen. „Er hat uns sofort überzeugt“, sagt Stefan Sippel. Er habe bereits fünf Auszubildende, aber es sei nicht möglich gewesen, weitere motivierte junge Männer zu finden. Kidane fahre gegen 4.30 Uhr in Bebra los, um gegen 6 in Obermelsungen zu sein. Außerdem packe er an und sehe die Arbeit, bevor man es ihm sage, sagt Sippel. Er wünsche sich, dass mehr Unternehmer Initiative zeigen.

Eine Arbeitserlaubnis gebe es nicht blanko. Erst mit dem Nachweis eines Arbeitgebers könne überhaupt eine Erlaubnis beantragt werden. „Wenn wir den Menschen helfen wollen, müssen wir ihnen Arbeit geben“, sagt der Bauunternehmer aus Obermelsungen.

Hintergrund: Arbeit frühestens nach drei Monaten

Seit November 2014 dürfen Asylsuchende mit Aufenthaltsgestattung und Personen mit Duldung nach drei Monaten eine Arbeitserlaubnis beantragen. Voraussetzung dafür ist der Nachweis eines Arbeitgebers über eine Arbeitsstelle. Für die dann konkrete Beschäftigung muss eine Erlaubnis bei der Ausländerbehörde beantragt werden, die wiederum die Agentur für Arbeit um Zustimmung anfragt. Auch eine Beschäftigung im Bundesfreiwilligendienst und Praktika sind möglich. Ausnahmen gibt es für Hochqualifizierte mit einem anerkannten Hochschulabschluss oder einem deutschen Hochschulabschluss – sie benötigen keine Zustimmung der Agentur für Arbeit.

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