Plötzlicher Kindstod

Flüchtlingsfamilie trauert in Melsungen um ihre kleine Tochter

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Karges Zuhause: Vater Salamu und Mutter Zaira Khumiev mit den Söhnen Jasin, Ramzan und Rizwan im Esszimmer in Melsungen. Zu Gast ist die Trauerbegleiterin Ingeborg Schwanke.

Melsungen. Zaira und Salamu Khumiev trauern um ihre Tochter. Jasmina starb mit sieben Monaten an plötzlichem Kindstod. In Melsungen. In der Wohnung der Flüchtlingsfamilie.

Beigesetzt wurde das kleine Mädchen in der Heimat der Eltern. Tschetschenien. „Wir wissen doch nicht, ob wir in Deutschland bleiben können", sagt der 29-jährige Vater. Aus Angst um das Leben seiner Familie war die Familie 2013 aus dem Bürgerkriegsland geflohen.

Melsungen ist ihre vierte Station in Deutschland. Hier gefalle es ihnen, hier würden sie gerne bleiben. Doch es hängt ein Schatten über ihrem neuen Zuhause: Jasmina sei die solange gewünschte Tochter gewesen, berichtet Ingeborg Schwanke. Die Trauerbegleiterin des Hospizvereins Melsungen/Felsberg kümmert sich seit dem Tod der Tochter am 8. Dezember um die Familie.

Es fällt dem Vater schwer, zu berichten, was an diesem Tag geschah. Unter Tränen verlässt die 30-jährige Mutter Zaira mehrfach das Zimmer. Im Bettchen habe er seine Tochter gefunden, leblos. Sie hätten sofort um Hilfe gerufen. Eine Etage unter ihrer Wohnung war zufälligerweise die Integrationsbeauftragte der Stadt - Theresa Adenekan. Gemeinsam riefen sie den Notarzt. Jasmina wurde mit dem Rettungshubschrauber ins Klinikum nach Kassel geflogen. Nach zwei Tagen künstlicher Beatmung schalteten die Ärzte die Maschinen ab. Eine Obduktion ergab keine offensichtliche Todesursache. In solchen Fällen gehe man vom plötzlichen Kindstod aus, sagt Schwanke.

Die drei Jungen der Familie, Ramzan (7), Rizwan (6) und der vierjährige Jasin, glauben noch immer, ihre kleine Schwester sei im Krankenhaus und komme bald wieder.

Wenn er mit den Jungs über den Tod von Jasmina sprechen wolle, schrien ihn diese an. „Du lügst“, sagen sie.

In der Moschee in Gensungen hat die Familie sich von Jasmina verabschiedet. Dann mussten Zaira und Salamu eine der schwersten Entscheidungen ihres Lebens treffen: Wo soll ihre Tochter beigesetzt werden. „Unsere Zukunft ist ungewiss“, sagt Salamu Khumiev.

So gerne sie in Deutschland bleiben möchten, ihr Asylantrag sei noch nicht entschieden. In ihrer zurückgelassenen Heimat lebe noch seine Mutter. Zwei Brüder und der Vater seien tot. Warum, das möchte er nicht sagen. Überhaupt schweigt er zu den Gründen der Flucht. Aus Angst. Es gebe viele Tschetschenen im Ausland. Wer wisse schon, ob nicht vielleicht jemand diesen Artikel in die Hände bekäme. Auch so schon würde die Familie ein schlimmes Schicksal in Tschetschenien erwarten. Salamu Khumiev möchte nicht weiter erzählen.

Dennoch: „Wir haben uns für Tschetschenien entschieden. Dort ist meine Mutter, und jetzt ist dort auch das Grab meiner Tochter. Hoffentlich können wir eines Tages zurück in unsere Heimat“, sagt er.

Doch jetzt heißt es warten und hoffen. Bis dahin bringen die Eltern ihre drei Söhne in den Kindergarten und die Schule. Räumen auf, kochen und holen ihre Kinder wieder ab. Viel unternehmen können sie nicht. Sie haben kein Auto, wenig Geld und sprechen noch kein Deutsch.

Hilfe für die Familie Khumiev

3750 Euro hat die Beisetzung und die Überführung der Tochter gekostet. Die Kirche und die Integrationsstelle der Stadt haben bei den Formalitäten geholfen und Geld gespendet. Die Familie, die über die Ukraine und Polen nach Deutschland geflüchtet ist, konnte nur wenige Habseligkeiten in einem Bus mitnehmen. Die Erstausstattung kam vom Landkreis.

Gesucht werden nun Spender, die gut erhaltene Möbel und Kinderspielzeug verschenken können und eine Möglichkeit haben, die Sachen abzugeben. Die Khumievs besitzen kein Auto. Benötigt werden für die karge Wohung Esszimmerstühle, ein gut erhaltenes Sofa, Bilder und Teppiche sowie Kinderspielzeug für die Jungs zwischen 4 und 7 Jahren. Die Koordination der Spenden übernimmt das Familienbüro der Stadt.

Kontakt: Karin Plötz-Hesse unter Tel. 05661/926 19 31

Von Damai D. Dewert

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