Erzieherinnen aus Melsungen und Homberg über Grund für Streik

Wir sind es wert: Erzieherinnen aus Homberg und Melsungen beteiligen sich am Kindergarten-Streik und fordern eine gerechtere Bezahlung für ihre Leistung. Foto: Yüce

Homberg/Melsungen. Die Erleichterung bei den Erzieherinnen der Kindergärten in Homberg und Melsungen ist groß. Trotz ihres Streiks bekommen sie viel Verständnis und sogar Protest-Unterstützung von Eltern.

Zugleich melden sich die Frauen nun zu Wort: „Viele Menschen wissen nicht, worum es uns bei dem Streik geht“, sagt Anja Hassenpflug, Leiterin der Kita Osterbach. „Sie haben keinen Einblick in unseren Beruf und glauben, wir trinken nur Kaffee und spielen“, sagt Elke Wecke, Leiterin des Kindergartens in Wernswig.

Das Gegenteil sei der Fall: Während die Anforderungen an die Erzieherinnen in den vergangenen Jahren stetig gewachsen seien, sehe das beim Verdienst anders aus. „Da hat sich fast nichts getan“, sagt Iris Debus-Marx von der Kita Osterbach in Homberg. Und weiter: „Wir haben den schönsten Beruf der Welt und üben ihn gerne aus.“ Doch sei die Bezahlung nicht gerecht.

Früher seien Vierjährige in den Kindergarten gekommen, heute seien sie ein Jahr alt. Außerdem seien mehr Integrationskinder und Kinder mit Migrationshintergrund in den Gruppen. Auch die Betreuungszeiten hätten sich verändert. Sogar in den Sommerferien mache man Angebote, die nebenbei organisiert werden müssten. Für die Ferien lägen bereits 83 Anmeldungen vor. Die Liste der zusätzlichen Aufgaben, der neuen gesetzlichen Auflagen und des bürokratischen Aufwandes ist lang. Das alles habe ihren Beruf schon wesentlich verändert, sagt Barbara Hoßfeld von den Kindergärten Am Schloth und Kasseler Straße in Melsungen.

Auch für die Leiterinnen der Kindergärten gebe es viel mehr Managementaufgaben. Es sei quatsch, dass das Gehalt der Leitung an den Kinderzahlen festgemacht werde. „Wir wollen kleinere Gruppen und schneiden uns somit ins eigene Fleisch“, erklärt Hassenpflug. Das müsse sich ändern - auch zum Wohle der Kinder.

Zudem plagen die Erzieherinnen Zukunftsängste, denn die schlechte Bezahlung führe letztlich in die Altersarmut, so Brigitte Michelbach von der Kita Osterbach. Das sorge auch dafür, dass der Beruf immer unattraktiver werde und man die Stellen nicht besetzt bekomme. Das Durchschnittsalter der Erzieherinnen in Melsungen und Homberg liege bei 45 Jahren. „Es sei kein Wunder, dass es kaum Erzieher gebe. „Mit dem Gehalt kann man keine Familie ernähren“, sagt Gisela Barton (Holzhäuser Feld).

Anna-Lena Kuhn hat gerade ausgelernt. Fünf Jahre dauerte die Ausbildung, vier Jahre davon hat sie keinen Cent verdient. Die Zeit fehle obendrein bei der Rentenversicherung. Sie habe die Erfahrung gemacht, dass das Niveau der Ausbildung nicht den Anforderungen im Job entspricht.

„Stress, Belastung und Verantworten sind hoch“, so Hoßfeld. Das bringe Überlastung mit sich und eine hohe Krankheitsrate. Die Meinung der Erzieherinnen: „Wir wehren uns zu wenig, sind eher für andere da. Jetzt reicht es.“

 

• Dienstag: Von 9 bis 16 Uhr, Infostand der Kindergärtnerinnen vor dem Melsunger Rathaus. Die Schwälmer Erzieherinnen seien nicht bei Verdi organisiert

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