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Gerechtigkeit verjährt nicht: Protestkundgebung zum Geburtstag von SS-Mann Herbert W. in Melsungen

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Von: Helmut Wenderoth

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Protestkundgebung: Zum 100. Geburtstag von Herbert W. kamen Aktivisten nach Melsungen und erinnerten an die Gräueltaten des Nazi-Regimes.
Protestkundgebung: Zum 100. Geburtstag von Herbert W. kamen Aktivisten nach Melsungen und erinnerten an die Gräueltaten des Nazi-Regimes. © Helmut Wenderoth

Aktivisten des Ensembles des Dokumentartheaters Berlin und vom Arbeitskreis Angreifbare Traditionspflege hatten zu einer künstlerischen Protestaktion in Melsungen aufgerufen. Anlass war der 100. Geburtstag des ehemaligen SS-Mannes Herbert W. aus Melsungen.

Melsungen – W. soll während des Zweiten Weltkriegs Angehöriger einer SS-Einsatzgruppe gewesen sein. Unter anderem diese Einsatzgruppe C soll an der Tötung von 33 771 Menschen beteiligt gewesen sein.

Am 29. und 30. September 1941 soll die Einsatzgruppe der Nazis das Massaker in der Schlucht von Babyn Yar bei Kiew in der Ukraine verübt haben. Den systematischen Erschießungen fielen Juden, Sinti und Roma sowie als Partisanen verdächtigte Rotarmisten und Menschen mit Behinderung zum Opfer.

An der angemeldeten Demonstration vor dem Wohnhaus des 100-jährigen Herbert W. nahmen am Freitag insgesamt etwa 20 Menschen teil. Sie gehörten den beiden Gruppierungen an, die aus Berlin und Wuppertal angereist waren. Auch Mitglieder der Liberalen Jüdischen Gemeinde Felsberg waren dabei. Sie stellten sich gegenüber dem Wohnhaus des Mannes auf und zeigten dabei Fotos der bei dem Massaker Ermordeten.

Das Ordnungsamt der Stadt Melsungen und die Polizei begleiteten die Veranstaltung, die aber insgesamt ruhig blieb. Als Demonstrationsteilnehmer laut skandierten „Mord verjährt nicht, Herbert W.“ unterband dies der Organisator selbst, mit Hinweis auf die Bestimmungen in der Genehmigung.

Stefan Stracke vom Arbeitskreis Angreifbare Traditionspflege aus Wuppertal rief in einer kurzen Ansprache dazu auf, auch Mittäter und Gehilfen der Mörder zur Rechenschaft zu ziehen. Auch aus dem Ausland müsse Druck auf die deutsche Gerichtsbarkeit ausgeübt werden. Er verlangte eine Wiederaufnahme des Verfahrens gegen Herbert W.

Die Kasseler Staatsanwaltschaft hatte das Verfahren im März 2020 eingestellt. Es bestehe zwar weiter der Verdacht, dass er der 3. Kompanie des Bataillons der Waffen-SS angehört hatte, aber eine Tatbeteiligung an den Erschießungen ließe sich nicht nachweisen, teilte die Kasseler Staatsanwaltschaft damals mit.

Heinz Josef Seher, Vorsitzender des Dokumentartheaters Berlin, wo ein Requiem zum Thema aufgeführt worden war, gab zum Schluss der Demonstration bekannt, dass er hoffe, dieses Requiem zur Ermordung der 33 771 Menschen auch in Melsungen und Kassel aufführen zu können. Weiterhin teilte er mit, dass am Freitagabend ein Antrag zur Wiederaufnahme der Ermittlungen gegen Herbert W. per Fax bei der Staatsanwaltschaft Kassel eingehen werde. Frederik Joel Willing von der Liberalen Jüdischen Gemeinde in Felsberg dankte den Teilnehmern für ihr Kommen. „Die Erinnerung an die Toten darf nie vergehen. Diese Demo ist eine Mahnung an die heutigen Nationalsozialisten und Rechten. So etwas darf nie wieder passieren.“

W. hatte zwar zugegeben, dass er bei den entsprechenden Einheiten stationiert war. Als Sanitäter der Kompanie, aber nicht an den Mordaktionen beteiligt war. In einem Interview bei dem Magazin Kontraste soll er unter anderem gesagt haben: „Ich habe nichts zu verbergen. Was gewesen ist, ist gewesen, ist vorbei.“

Das Aktionsbündnis ist anderer Meinung: „Vorbei ist gar nichts. Mord und auch Beihilfe zum Mord verjähren nicht“ Sie verlangen eine Wiederaufnahme. Es könne nicht sein, dass W. von den Tötungen nichts mitbekommen habe, hieß es. Die Tötungen seien in der Nazizeit als Erfolg gefeiert worden.

Die Regisseurin des Requiems, Marina Schubert aus Berlin, hatte eine Dokumentation dabei, in der Fotos vieler Ermordeter abgebildet waren und eine Aufnahme vom Kameradschaftsabend einer Tötungseinheit, während sie die Erfolge des Tages feiern. (Helmut Wenderoth)

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