Melsunger Gerichtsvollzieher in Ruhestand

Gerichtsvollzieher in Melsungen hört nach 36 Jahren auf

Obergerichtsvollzieher Ralf Börner aus Melsungen schraubt das Schild an seinem Wohnhaus ab.
+
Obergerichtsvollzieher Ralf Börner aus Melsungen ist nach 36 Jahren in den Ruhestand gegangen.

Ralf Börner hatte einen Beruf, der nicht zu den beliebtesten zählt: Er war Gerichtsvollzieher. Jetzt ist er im Ruhestand und blickt auf 36 abwechslungsreiche Berufsjahre zurück.

Melsungen - Wer meint, als Gerichtsvollzieher hat man nur mit Hartz 4-Empfängern zu tun, der irrt. Zu Ralf Börners Kundenstamm gehören auch Ärzte, Anwälte, Handballprofis und Fußballtrainer. Obwohl er mit Letzterem nur aufgrund einer Namensverwechslung zu tun hatte. Und doch war die Begegnung mit Helmut Schön, von 1964 bis 1978 Trainer der Fußball-Nationalmannschaft, eine der schönsten in seiner Berufslaufbahn, sagt Ralf Börner. Nach 36 Jahren wurde der Melsunger Obergerichtsvollzieher nun in den Ruhestand verabschiedet.

Gerichtsvollzieher in Melsungen: Die Kunden

Mit manchen Kunden hat er von Anfang an zu tun, mittlerweile auch schon mit deren Kindern, manche schreiben ihm Karten zu Weihnachten oder aus dem Urlaub, andere muss er mal für ein paar Tage in den Wehlheider Knast schicken, Zwangshaft nennt sich das. „Ich komme mit allen Menschen gut zurecht“, sagt Börner über eine seiner Stärken.

Und da er in Melsungen wohnt, begegnet er den meisten seiner Kunden auch mal auf der Straße oder im Supermarkt. Börner erinnert sich an den Ausruf eines Mädchens in der Fußgängerzone: „Sie sagte zu ihrer Mutter, ’Guck mal Mama, da ist der Mann, der uns immer besucht’.“ 80 Prozent seiner Kunden sind Stammkunden.

Gerichtsvollzieher in Melsungen: Der Beruf

Zum Melsunger Amtsgericht gehören zwei Gerichtsvollzieher: Börners Kunden kommen aus Spangenberg, Körle, Malsfeld, Morschen und halb Melsungen. Den Rest des Altkreises übernimmt seine Kollegin.

Ralf Börner hatte einen Zehn-, Zwölf-Stunden-Tag. Er war, wie alle Gerichtsvollzieher, selbstständiger Unternehmer. Der Staat zahlte ein Grundgehalt, der Gerichtsvollzieher wurde an den Gebühren beteiligt, die er eingetrieben hat. Börners Arbeitszimmer sowie alle laufenden Betriebskosten, selbst seine Mitarbeiterin im Büro, musste er selbst bezahlen. Das Gericht hat ihm nur die Quittungsblöcke zur Verfügung gestellt.

Der Beruf des Gerichtsvollziehers hat sich im Laufe der Jahre sehr verändert. Die Zeiten, in denen Ralf Börner Videorekorder und Farbfernseher pfänden musste, sind vorbei – nicht nur weil die Technik veraltet ist. Für diese Geräte bekommen die Gläubiger heute einfach kaum noch Geld. Stattdessen wollen 90 Prozent aller Gläubiger, dass der Gerichtsvollzieher den Kunden zur Vermögensauskunft vorlädt.

Früher hatte Börner ein, zwei Versteigerungen pro Monat: Da fanden gepfändete Waschmaschinen, Fernseher, Couchgarnituren, Wohnzimmerschränke und Autos neue Eigentümer. „Ich habe allein hunderte Vorwerk-Staubsauger versteigert“, berichtet er, „und heute werde ich manchmal eine Waschmaschine noch nicht mal für einen Euro los.“ Die Leute wollten nichts Gebrauchtes mehr, vermutet er. Aber früher wie heute gilt: „Die Leute kommen mit ihrem Geld nicht zurecht, das ihnen zur Verfügung steht.“ Und er sagt: „Der letzte Cent wird verplant, und wenn dann etwas Unvorhergesehenes passiert, dann sind wir als Gerichtsvollzieher wieder da.“

Als Gerichtsvollzieher muss er nicht nur Durchsetzungskraft, sondern auch gute Nerven haben. Er erinnert sich noch an so manche Wohnung, die völlig zugemüllt war oder zu der er erst mal einen Kammerjäger hinschicken musste.

Bei Ralf Börners Stammkunden geht es aber nicht immer nur ums letzte Hemd. Seine Vollstreckungen sind wegen nicht bezahlter Strom- oder Handwerkerrechnungen, wegen Geldforderungen von Handyfirmen und Versicherungen. Und wegen nicht bezahlter Beiträge zur Berufsgenossenschaft. Ralf Börner bringt es auf den Punkt: „Manche können nicht, und manche wollen nicht.“ (Claudia Feser)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.