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Geschichte eines Transkindes: Wie aus Ben Bella wurde und wie ihre Eltern damit umgehen

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Von: Damai Dewert

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Eine große Herausforderung für Eltern und die betroffenen Kinder: Phillip Orlik und Simone Orlik unterstützen ihre Tochter Bella auf ihrem Weg.
Eine große Herausforderung für Eltern und die betroffenen Kinder: Phillip Orlik und Simone Orlik unterstützen ihre Tochter Bella auf ihrem Weg. © Damai Dewert

Queere Menschen, das sind Menschen, die in ihrer Sexualität oder ihrer Geschlechtsidentität nicht der Mehrheit entsprechen, demonstrieren für ihre Rechte. Wir beleuchten das Thema regional.

Melsungen – Ben ist jetzt Bella. Es ist ein außergewöhnlicher Weg, die die Familie Orlik aus Melsungen zusammen geht. Es ist eine Geschichte über Mut und Hoffnung. Und es ist eine traurige Geschichte. 15 Jahre hatten die Eltern Simone und Phillip zwei Söhne. Dann verloren sie Ben und bekamen Bella. Das passierte im Mai 2021 – an Muttertag.

Zuvor war die Familie einen langen Weg gemeinsam gegangen – einen Weg mit Irrungen und Wirrungen. Für alle war der Weg steinig – besonders für Bella. Die 16-Jährige kam als biologischer Junge auf die Welt, fühlte sich aber bereits früh im falschen Körper lebend. Die Wissenschaft spricht von Transidentität – sie beschreibt ein Phänomen, bei dem die Geschlechtsidentität mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht nicht übereinstimmt. Die genauen Ursachen sind noch nicht abschließend erforscht. In unserer Woche der Vielfalt hat bereits eine Transperson über ihre Geschichte berichtet. Heute sprechen wir mit den Eltern von Bella über ihren Weg.

Frau Orlik, vermissen Sie Ben?

Simone Orlik: Ja natürlich. Wir haben 15 Jahre unseren Sohn an unserer Seite gehabt. Einen Menschen, der trotz aller femininen Zügen ein Sohn war. Er war für mich Ben. So haben wir ihn zigfach am Tag gerufen. Natürlich war der Tag im Mai ein Einschnitt.

Was passierte an und nach diesem Tag im Mai?

Simone: Bella hat gesagt, das Kapitel Ben sei für sie abgeschlossen. Sie möchte nicht über die Vergangenheit sprechen. Sie möchte den Namen nicht hören. Wir haben die Bilder abgehängt, wir reden nicht mehr über Ben – weil Bella es nicht möchte. Psychologen sagen, dass es Jahre dauern kann, ja sogar Jahrzehnte, bis sie wieder Bilder aus der Zeit anschauen will.

Phillip Orlik: Das ist nicht ungewöhnlich. Wir waren eigentlich auch vorbereitet. Die Psychologin hat uns gesagt, das würde kommen – hat Ben Mut gemacht, diesen Schritt zu gehen, wenn er bereit wäre. In seinem Tempo. Als der Tag da war, traf es uns aber total unvorbereitet. Transleute wollen nicht über ihr früheres Geschlecht reden. Das macht es für die Eltern schwer. Vor allem, weil wir uns natürlich gerne an unsere gemeinsame Vergangenheit erinnern.

Wie hat ihnen Bella ihre Entscheidung mitgeteilt?

Simone: Sie hat mir einen eigentlich sehr schönen Muttertagsbrief geschrieben und sich bedankt für meine Unterstützung und Offenheit in all den Jahren und mit Bella unterschrieben.

Wie sind sie damit umgegangen?

Phillip: Bella hat uns gesagt, dass wir unbedingt glücklich sein können und sollen mit unserer gemeinsamen Vergangenheit. Aber es ist eine große Veränderung.

Simone: Ich hatte sehr daran zu knabbern. Es gibt aber Möglichkeiten, damit umzugehen. Ich habe ein Tagebuch anlegt. Ich habe Briefe geschrieben an den Sohn, den es nicht mehr gibt. Ich habe überlegt, was ich ihm sagen wollen würde. Immer wieder reflektiere ich, ob die Akzeptanz für die neue Identität gewachsen ist. Meine Schwester hatte die Idee, eine Kiste anzulegen mit alten Bildern, Geburtsbändchen oder einem früheren Kleidungsstück. Ich sehe es so, wo ein Fenster zugeht, geht auch ein anderes Fenster auf. Mein Blick richtet sich in die Zukunft.

Trauern sie allein?

Phillip: Wir sprechen als Eltern viel über die Vergangenheit. Aber natürlich machen wir das nicht vor Bella. Sie sagt, sie habe viele schöne Erinnerungen und eine schöne Kindheit gehabt, sie wolle und könne aber nicht darüber reden. Das müssen wir akzeptieren.

Simone: Ich schaue mir gerade keine alten Kinderbilder mehr an. Ich finde es aktuell etwas befremdlich. Ich bin aber sicher, dass wieder eine Phase kommt, in der ich mir das wieder anschaue. Ein schönes großes Porträt wollte ich behalten, das war eine große Diskussion. Es steht jetzt in meinem Arbeitszimmer.

Wie geht es ihrem anderen Kind, dem älteren Bruder von Bella damit?

Simone: Er kommt von uns allen am besten mit der Situation klar. Sicher vermisst er Ben auch, aber ich habe den Eindruck, er versteht sich besser mit Bella, als er es mit Ben getan hat.

Gibt es etwas, dass sie als Familie tun können, um gemeinsam voranzukommen?

Simone: Ja. Wir schaffen neue Erinnerungen, zum Beispiel Ausflüge, Urlaube, Shoppingnachmittage. Wir müssen unser gemeinsames Erinnerungsglas neu füllen. Es hat sich nicht nur der Name und das Pronomen geändert, sondern man muss die Person Bella auch neu kennenlernen.

Blicken wir einmal zurück. Gab es einen Moment, wo sie dachten, dass es mit Ben in diese Richtung gehen könnte?

Simone: Nicht so konkret. Aber Ben hat vom Kleinkindalter an immer sehr unspezifisch gespielt. Wir haben allerdings auch nicht in Stereotypen gedacht, haben keine Rollenklischees bedient.

Wie hat sich das Unspezifische gezeigt?

Simone: Ben hatte immer mehr Freundinnen als Freunde, er hat kreative Beschäftigungen bevorzugt und hat lieber mit Barbies und Filly-Pferden als mit Autos oder einem Fußball gespielt.

Phillip: Jedes Kind soll seine Interessen und Talente finden. Wir haben keinerlei Einfluss darauf genommen.

Aber dann wurden die Zeichen deutlicher?

Simone: Im Grundschulalter kam dann die Kleidung dazu. Ben bevorzugte pastellige Farben, Shirts mit floralen Mustern. Wir haben das zwar registriert, aber kein Thema draus gemacht.

Da haben sie sich nichts bei gedacht?

Simone: Mein Mann und ich haben uns schon unterhalten, aber wenn überhaupt dachten wir, dass Ben eben eine sehr feminine Seite hat. Wir dachten eher an Homosexualität.

Und dann hat sich Ben erstmals geöffnet, wie kam das?

Simone: Ben war 11 Jahre alt, als er sagte, er würde gerne mal Mädchensachen tragen. Da war ich ganz offen, wir sind in die Stadt gefahren und haben Mädchensachen anprobiert. Also, keine Röcke, aber eben andere Sachen, Mädchenoberteile, kurze Hosen. Ben fand das gut, fühlte sich wohl. Wir sind dann regelmäßig nach Kassel zum Shoppen gefahren und nach und nach haben wir den Kleiderschrank umgestellt.

Phillip: Das fiel aber gar nicht so auf. In diesem Alter ist die Kleidung noch relativ neutral. Er war auch eher zurückhaltend.

Was hat das mit ihnen gemacht? Melsungen ist eine Kleinstadt?

Simone: Die Rückmeldung über all die Jahre aus der Familie und dem Bekanntenkreis war positiv. Ben sei ja schon immer ein wenig anders gewesen als andere. Was mich sehr überrascht hat, war die Akzeptanz der Gleichaltrigen. Wir standen dazu.

Phillip: Vor allem war aber auch der Mut von Bella bemerkenswert, ich hätte mich das in meiner Jugend niemals getraut. Sie stand vor der Klasse und hat sich erklärt, sie hat es ihren Großeltern gesagt und sie geht ihren Weg.

Apropos Mut. Wie hat ihre Familie das Outing aufgenommen?

Simone: Wir hatten schon Sorge, wie unsere Eltern reagieren. Sie kommen aus einer ganz anderen Generation. Aber ihre Reaktion hat Mut gemacht. Mein Vater sagte, es sei ein toller Frühling, denn er habe Bella gebracht.

Phillip: Sie haben in all den Jahren die Entwicklungen mitbekommen. Das hat sicher geholfen, alles besser zu verstehen.

Also gab es keine Anfeindungen, keine Ressentiments?

Simone: Doch natürlich gibt es Blicke und Sprüche. Es gab auch heftigere Vorfälle. Bella geht damit meistens sehr selbstbewusst um. Wir sind als Familie aber immer selbstbewusst aufgetreten. Außerdem sind wir alle gut im Thema und meinungsstark. Das hilft. Was hinter unserem Rücken geredet wird, ist uns nicht wichtig.

Aber haben sie Angst, dass Bella etwas passieren könnte?

Phillip: Wir lieben unsere Kinder und wollen sie beschützen. Dazu gehört aber auch, dass Bella ihre Identität und Persönlichkeit entwickeln kann und wir sie in diesem Prozess unterstützen. Wir spüren ja, dass sie im Reinen mit sich selbst ist. Bella ist glücklicher als Ben. Das ist es, was am Ende zählt, das ist es, was ich als Vater will.

Was würden sie anderen Eltern unbedingt mit auf den Weg geben wollen?

Simone: Damit Kinder im neuen Geschlecht glücklich werden, braucht es unterstützende Eltern, therapeutische und medizinische Begleitung und Toleranz in der Gesellschaft. Das braucht Zeit, Geduld und Offenheit – aber ist es in jedem Fall wert.

Phillip: Sie sollen sich Zeit nehmen für das Kind, viel zuhören und das Kind ernst nehmen – immer, das ist wichtig. (Von Damai D. Dewert)

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