Griechen aus dem Altkreis Melsungen: "Griechenland bleibt in der EU"

Ein Stück Griechenland in Körle: Viktor Papadopoulos führt dort ein griechisches Restaurant. Familie und Freunde von ihm leben noch in Griechenland. Fotos: Féaux de Lacroix

Körle/Melsungen. Nach den Wahlen schaut Deutschland gespannt auf Griechenland. Wir haben zwei Griechen gefragt, wie sie die Situation in ihrem Heimatland beurteilen.

Viktor Papadopoulos (28) lebt in Körle, Nikolaos Raftopoulos (60) in Melsungen. Beide stammen aus Griechenland.

Sie haben zwar die griechische Staatsangehörigkeit, hätten aber zum Wählen in ihr Heimatland reisen müssen, weil es nicht möglich ist, seine Stimme aus dem Ausland abzugeben. Wie aber hätten sie abgestimmt? „Ich glaube, ich hätte auch die Linke gewählt“, sagt Viktor Papadopoulos, der in Körle ein Restaurant betreibt und seit zwölf Jahren in Deutschland lebt. „Obwohl ich die Linke eigentlich nicht unterstütze.“ Doch mit der bisherigen Regierung sei er nicht zufrieden gewesen. Ähnlich, so vermutet der gebürtige Athener, sei es vielen seiner Landsleute gegangen. „Ich glaube nicht, dass es so viele Linke in Griechenland gibt. Diese Wahl war vor allem ein Zeichen des Protests“, sagt der 28-Jährige.

Dem stimmt Nikolaos Raftopoulos zu: „Die Menschen haben aus Verzweiflung gewählt, weil sie der alten Regierung nicht mehr vertraut haben“, sagt der 60-Jährige, der in Melsungen lebt und in Hessisch-Lichtenau als Pädagoge arbeitet. Er selbst aber, glaubt Raftopoulos, hätte sich anders entschieden: „Griechenland war auf einem guten Weg.“ Aber der Weg aus der Krise sei ein langsamer Prozess - und viele Griechen hätten keine Geduld, so lange zu warten.

Die Not der Griechen 

Kein Wunder, denn den Menschen in Griechenland geht es schlecht. „Viele haben ihre Arbeit verloren“, sagt Viktor Papadopoulos. Und wer noch einen Job habe, müsse deutlich mehr arbeiten als früher, verdiene aber viel weniger. „Es leiden vor allem diejenigen unter der Krise, die gar nichts dafür können“, sagt Nikolaos Raftopoulos, der seit 1972 in Deutschland lebt. „Viele sind nicht krankenversichert, manche müssen betteln.“

Die Ursachen der Krise 

„Die vorige Regierung hat ihre Arbeit schlecht gemacht“, sagt Viktor Papadopoulos. Die Mehrheit der Bevölkerung sei immer ärmer geworden - nur die Reichen seien reich geblieben. „Die Regierung hat das Land in den Ruin getrieben“, sagt auch Nikolaos Raftopoulos. Griechenland habe viele Fehler gemacht. Als Beispiel erzählt er von einem Bekannten, der in Griechenland Polizist geworden und schon mit 45 in Rente gegangen sei. „Wer soll das bezahlen?“ fragt er. Aber auch die EU sei zum Teil Schuld an der jetzigen Situation. „Die EU hat die frisierten Bilanzen Griechenlands viel zu lange akzeptiert und die Augen zugedrückt“, sagt der 60-Jährige. „Jetzt schaut die Troika genau hin - warum hat man das nicht schon viel früher getan, anstatt immer weiter Geld nach Griechenland zu pumpen?“

Die neue Regierung 

Die Griechen setzten große Hoffnungen auf ihren neuen Regierungschef Alexis Tsipras, sagt Papadopoulos: „Er ist jung, er hat viele Pläne, und er scheint nicht korrupt zu sein.“ Ob er allerdings seine Versprechen wahr mache, sei fraglich: „Reden kann man viel - was man dann auch umsetzt, ist eine andere Sache.“ Ihm sei klar, dass Tsipras kein Erlöser sei: „Er kann Griechenland nicht einfach so retten“, sagt Papadopoulos, „es wird hart werden.“ Aber: „Griechenland wird hundertprozentig in der EU bleiben, da mache ich mir keine Sorgen.“

Raftopoulos erklärt: „Tsipras kocht auch nur mit Wasser.“ Es sei schwer vorstellbar, dass er all seine Versprechen auch einhalten könne. Paradox findet er, dass die linke Syriza nun ausgerechnet mit den rechtspopulistischen „Unabhängigen Hellenen“ koaliert: „Das kann auf Dauer nicht funktionieren“, sagt er.

Papadopoulos hingegen sagt: „Die politische Ausrichtung einer Partei interessiert mich nicht, ich unterstütze weder rechts noch links.“ Für ihn zähle das Ergebnis: „Ich wünsche mir, dass die Griechen wieder normal leben können“, sagt er.

Von Judith Féaux de Lacroix

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