Günsterode: Film über Hebamme

Eine Filmemacherin hat über die 80-jährige Hebamme aus Günsterode einen Film gedreht

Hebamme aus Familientradition: Margot Schmoll aus Günsterode arbeitete als Hebamme – genau wie ihre Mutter und ihre Großmutter, deren Heft mit Geburtsdokumentationen vom Ende des 19. Jahrhunderts sie in Händen hält.
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Hebamme aus Familientradition: Margot Schmoll aus Günsterode arbeitete als Hebamme – genau wie ihre Mutter und ihre Großmutter, deren Heft mit Geburtsdokumentationen vom Ende des 19. Jahrhunderts sie in Händen hält.

Margot Schmoll ist eine besondere Frau für viele Frauen, weil sie mit ihnen besondere Momente geteilt hat: Die 80-Jährige aus Günsterode hat knapp 50 Jahre als Hebamme gearbeitet.

Günsterode – Ihre Mutter und ihre Oma waren ebenfalls Hebammen. Jetzt wurde ein Dokumentarfilm über sie gedreht, der im September erstmals gezeigt werden soll.

Wie das zustande kam? Von Berufswegen. Denn die 80-Jährige hat einem Freund der Filmemacherin Sarah Lehnerer ins Leben geholfen: Jonas von Ostrowski kam 1981 mithilfe von Hebamme Margot Schmoll auf die Welt, eine Hausgeburt. „Hausgeburten waren damals schon eher selten“, erinnert sich Margot Schmoll, „denn damals war es im Trend, die Kinder im Krankenhaus zu bekommen.“

Ihrem Examensbaby hat sie auch in einem Krankenhaus auf die Welt geholfen, das war 1961 in der Marburger Frauenklinik. Karin hieß das Kind, „das weiß ich noch genau“. Margot Schmoll war damals 21 Jahre alt. „Manche Gebärende nannten mich eine kindliche Hebamme, denn es waren Frauen, die zum Teil doppelt so alt waren wie ich.“

Hebamme aus Günsterode: Kindheit

Margot Schmoll wurde praktisch in den Beruf der Hebamme geboren. Ihre Mutter Anna Maria Elfriede Schmoll (1912-1999), von allen nur Friedel genannt, war auch Hebamme, genau wie deren Mutter Ernestine Horn (1879-1924).

Früh hat Margot Schmoll erfahren, dass Hebamme kein Beruf mit planbaren Arbeitszeiten war. „Manchmal klopften die werdenden Väter mitten in der Nacht mit einer langen Holzstange ans Fenster meiner Mutter, weil die Geburt begonnen hatte.“ Es gab damals so gut wie keine Telefone im Dorf. Und wenn die Mutter gerufen wurde, musste die kleine Margot zur Oma – bis das Neugeborene auf der Welt und versorgt war.

Das konnte sehr viele Stunden dauern. Einmal musste die Mutter ganz schnell zu einer Gebärenden und brach hektisch auf – und ließ die kleine Margot im Ställchen liegen. Irgendwann wurde dann jemand zu ihrer Oma geschickt, um Margot zu holen. Die fand sie dann schlafend im Ställchen vor. Es habe aber auch Zeiten gegeben, in denen sie sehr darunter litt, dass die Mutter zu allen möglichen Tag- und Nachtzeiten aus dem Familienalltag gerufen wurde, ohne zu wissen, wann sie wieder nach Hause kommt.

Hebamme aus Günsterode: Erste Berufsjahre

Warum sie trotzdem Hebamme werden wollte? „Das war für mich doch das Naheliegendste.“ Außerdem konnte sie mit einem erlernten Beruf unabhängig sein, auch von den Eltern. Die Liebe zur Unabhängigkeit ist ein besonderer Wesenszug von Margot Schmoll, die nie geheiratet hat. Ihren Sohn Martin, den sie mithilfe ihrer Mutter und einem Arzt 1963 im Elternhaus zur Welt brachte, zog sie alleine groß. Keine leichte Aufgabe für sie als berufstätige Frau. In einer Zeit, als Frauen alleine kaum ein Bankkonto eröffnen durften.

Ihr Leben wurde noch unabhängiger, als sie mit 32 Jahren den Autoführerschein machte. Sie konnte selbstständig zu ihren Schichten ins Kasseler Diakonische Krankenhaus fahren oder abends nach Melsungen zu den Geburtsvorbereitungskursen oder zu den Geburten und den Wöchnerinnen. Das brachte ihr Unabhängigkeit, weil sie nicht mehr auf die Hilfe anderer angewiesen war. Margot Schmoll war immer im Golf unterwegs, erst in einem roten, später einem in polarsilbermetallic.

Wenn sie sich heute an ihre Arbeit erinnert, hat die 80-Jährige zunächst die Anfangszeit als examinierte Hebamme in Kassel vor Augen, die Elf-Stunden-Schichten im Kreißsaal mit drei Betten und spanischen Wänden. Dort hatte sie feste Arbeitszeiten. Und wenn die Schicht vorbei war, hat die Kollegin sie abgelöst. Ein entscheidender Unterschied zur freiberuflichen Hebamme.

Die Entscheidung zur Freiberuflichkeit im Jahr 1975 fiel ihr deshalb schwer. Aber die Mutter machte ihr Mut. So kam es dann, dass sie für die Frauen in Günsterode, Kirchhof und Melsungen Hebamme war. Wie viele Geburten sie in ihren knapp 50 Berufsjahren begleitet hat? Sie weiß es nicht. 1000? Viel, viel mehr.

Und so kommt es auch, dass Margot Schmoll, die mittlerweile zweifache Oma ist, für viele Frauen eine besondere Frau ist. Eine, die nicht unerkannt durch Melsungen bummeln kann. Von den Frauen erfährt sie dann, wo die Neugeborenen von damals mittlerweile leben, was sie arbeiten, manche haben selbst schon Kinder. (Von Claudia Feser)

Premiere im Herbst

Sarah Lehnerer ist eine Filmemacherin aus Berlin. Sie lebte im Sommer 2020 als Residentin im Haus Los Angeles in Günsterode, das als Refugium für Künstler gebaut wurde. Dort traf sie Margot Schmoll.

Sarah Lehnerer drehte einen Film über die Hebamme des Dorfes. Darin wird es um die Frage der Reproduktion von Architektur im Allgemeinen und in Verbindung zum Leben einer Hebamme gehen.

Der Film soll während einer Ausstellung im Los Angeles erstmals gezeigt werden. Sollten es die Coronabedingungen zulassen, ist die Veranstaltung für September geplant. Möglicherweise wird der Film auch im Haus für Gäste installiert, die ihn dann über QR-Code sehen können.

Informationen gibt es auf der Internetseite los-angeles.de.com.

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