Sie kann die letzte Rettung sein

Hilfe bei schweren Depressionen: Klinik in Melsungen bietet Elektroschocktherapie an

Nachgestellt: Die Assistenzärztinnen von links Raluca Oancea und Anita Curin sowie Chefarzt Peter Wulf zeigen, die das Gerät funktioniert. Die Krankenpflegerin Ronja Schubert hat sich als Patientin zur Verfügung gestellt. Bei einer wirklichen Behandlung wäre noch ein Anästhesist dabei.
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Nachgestellt: Die Assistenzärztinnen von links Raluca Oancea und Anita Curin sowie Chefarzt Peter Wulf zeigen, die das Gerät funktioniert. Die Krankenpflegerin Ronja Schubert hat sich als Patientin zur Verfügung gestellt. Bei einer wirklichen Behandlung wäre noch ein Anästhesist dabei.

Er bietet Heilung, wo häufig kaum noch Hoffnung ist: Peter Wulf, Chefarzt der psychiatrischen Abteilung in der Melsunger Asklepiosklinik, bietet für schwer depressive Menschen die Elektrokonvulsionstherapie (EKT) an.

Melsungen – In Nordhessen gibt es in Kassel, Lauterbach und Marburg nur wenige andere Kliniken, die diese Elektroschockbehandlung einsetzen. Im EKT-Board der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde Deutschland sind es nur 50 bis 60 Mediziner, die sich jährlich treffen. Der EKT haftet noch immer etwas Gefährliches an, etwas, das es in Filmen gibt, aber nicht in Krankenhäusern. Warum das nicht so ist und warum die EKT auch Segen sein kann, erklärt der 53-jährige Psychiater Peter Wulf.

Das Einsatzgebiet

Die Elektrokonvulsionstherapie (EKT) kommt bei Therapie-resistenten Patienten mit schweren und schwersten Depressionen zum Einsatz. Häufig werden diese Patienten bereits mit mehreren Psychopharmaka in hohen Dosierungen über einen längeren Zeitraum behandelt. Die Nebenwirkungen auf die verabreichten Medikamente sind teilweise massiv.

Die Lebensqualität dieser Menschen daher ist stark eingeschränkt. Die EKT kann aber auch bei anderen schweren psychischen Erkrankungen eingesetzt werden, auch bei akuter Suizidalität und solchen Patienten, die nicht oder gar nicht auf andere Therapieformen und Medikamente ansprechen.

Häufig werden Patienten aus anderen Krankenhäusern oder von Therapeuten an Kliniken überwiesen, die die Elektrokonvulsionstherapie anbieten.

Es sei wichtig zu vermitteln, sagt Wulf, dass die EKT keineswegs Ultima Ratio – also die letzte Hoffnung – sei. Die EKT ist gleichermaßen für junge und alte Menschen geeignet. Trotz der sehr guten Erfolge ist die genaue Wirkweise noch nicht ganz geklärt. Sicher ist, dass sie den Transport von Botenstoffen und Hormonen normalisiert. So sorgt sie beispielsweise dafür, dass Medikamente wieder wirken.

Die Behandlung

Die Ansprechrate liegt bei 70 und bis über 80 Prozent. Die Patienten werden zweimal wöchentlich behandelt – insgesamt sechs- bis zehnmal. In Melsungen beispielsweise regelhaft immer montags und mittwochs. Bei der eigentlichen Anwendung werden die Patienten mit einem kurz wirksamen Anästhetikum (Propofol) einige Minuten betäubt. Während dieser Betäubung werden außerdem die Muskeln medikamentös entspannt (Muskelrelaxans). Dies sorgt unter anderem dafür, dass der Patient nicht krampft.

Das hat in der Anfangszeit der Anwendung – in den 1930er-Jahren – zu Verletzungen der Patienten geführt. Dann wird ein sehr schwacher elektrischer Impuls (etwa 1000 Millicoulomb, vergleichbar einer Taschenlampenleuchte) über Elektroden ins Gehirn geleitet.

Der acht Sekunden dauernde Impuls löst einen Krampf aus, der identisch ist mit einem epileptischen Anfall. Dieser Krampf dauert 15 bis 30, maximal 60 Sekunden. Er endet immer von selbst. Am Patienten sieht man währenddessen nichts. Sobald die Betäubung aufhört, wacht der Patient auf und die Atmung findet wieder umfänglich selbsttätig statt. Wegen des Muskelrelaxans wird sie während der Betäubung von einem Anästhesisten unterstützt. „Für viele ist das die schlimmste Vorstellung, dass die Atmung aussetzt, aber sie wird unterstützt und läuft nach der Behandlung auf jeden Fall weiter“, sagt Wulf. Außerdem wird die Sauerstoffsättigung im Blut der Patienten zuvor so erhöht, dass sie auch ohne Hilfe minutenlang ausreicht.

Bei der Behandlung sind immer mindestens ein Psychiater, ein Anästhesist und ein Krankenpfleger anwesend.

Der Behandlung vorausgeht obligatorisch eine körperliche Untersuchung.

Die Therapie

Parallel zu den Behandlungen werden die Patienten therapeutisch begleitet. In vielen Fällen kommt stützend eine leichte Medikation hinzu. Die ist in manchen Fällen aber auch überflüssig. Die EKT wird meistens im Abstand von Monaten oder Jahren aufgefrischt. Manche Patienten sind sogar dauerhaft geheilt.

Nebenwirkungen

Die Patienten sind direkt nach der Behandlung ansprechbar, benötigten aber einige Minuten, um wieder voll da zu sein. Manchmal haben die Patienten einen leichten Muskelkater im Kiefer, der sich schnell wieder legt. Das Besondere an der EKT ist tatsächlich die quasi nebenwirkungsfreie Behandlung. Peter Wulf hat in seiner zehnjährigen EKT-Erfahrung 1000 Patienten behandelt und keinen Fall mit Komplikationen erlebt.

Die EKT gilt daher auch als wirksamstes Behandlungsverfahren bei austherapierten beziehungsweise Therapie-resistenten depressiven Patienten.

Der Erfolg

Manche Patienten spüren direkt nach der ersten Behandlung eine Verbesserung ihrer Symptome. Agilität, Lebensbejahung und Antrieb stellen sich nach weiteren Sitzungen ein. Depressionen verlaufen häufig episodisch. Durch die EKT bleiben diese Episoden aus. Die Symptome einer Depression können unterschiedlich sein – Antriebslosigkeit, tieftraurige Stimmung, Verlust von Selbstwertgefühl, Verlust des Gefühls der Selbstwirksamkeit, gestörtes Sexualempfinden, Appetitlosigkeit und Aufmerksamkeitsdefizite – bei einer erfolgreichen EKT verschwinden sie gänzlich.

Die Vorbehalte

Die Elektroschocktherapie kennen viele Menschen nur aus Filmen wie „Einer flog über das Kuckucksnest“ und Folterszenen. Dies habe mit der medizinischen Anwendung heutzutage nichts gemein.

In den Anfängen ohne Sauerstoffversorgung und Muskelrelaxans war sie als Therapie nur wenig geeignet. „In den 1970er- und 1980er-Jahren hat die EKT nicht der vorherrschenden Meinung in der Psychiatrie entsprochen. Sie war sogar verpönt.“ Das hat sich wegen ihrer Wirksamkeit aber gewandelt.

Die Kosten

Die Kosten für die Therapie werden von den Krankenkassen getragen. Die EKT sei indes nicht geeignet, hohe Erträge zu erwirtschaften. Dies könne, so Wulf, sicher auch ein Grund sein, warum sie trotz guter Erfolge nicht an vielen Krankenhäusern in Deutschland Anwendung findet.

Von Damai D. Dewert

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