Gespräche am Panzer

HNA-Mitarbeiter erlebte den Einmarsch der Russen in Prag

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Erlebte die Besetzung Prags als Augenzeuge: Gert Hirchenhain (vorne links) im Sommer 1968.

Guxhagen. Vor 50 Jahren marschierten Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei ein, um den Prager Frühling zu zerschlagen. HNA-Mitarbeiter Gert Hirchenhain aus Guxhagen hat dies vor Ort miterlebt.

Als Abiturient nahm ich 1968 zusammen mit einer Jugendgruppe aus Südhessen zusammen mit jungen Menschen aus der DDR und der CSSR an einem Jugendaustausch der Evangelischen Landeskirche in der Ortschaft Nová Seninka am Altvatergebirge nahe der polnischen Grenze teil.

Wir leisteten Kultivierungsarbeiten im Wald, entfernten Holzbruch und forsteten auf. Zu unserem Programm, das für 14 Tage angelegt war, gehörten neben der Waldarbeit auch zahlreiche Kontakte zu tschechischen Familien und Jugendlichen. Sogar ein zweitägiger Homestay in tschechischen Familien in Sumperk (übrigens seit 1954 Partnerstadt von Bad Hersfeld) wurde organisiert, ebenso Museumsbesuche, Stadtführungen und ein Kulturfest.

Weitab von der Ortschaft in einer Waldhütte ohne Strom und fließend Wasser untergebracht, nur mit einem Feldtelefon ausgerüstet, erhielten wir am frühen Morgen des 21. August einen Anruf des Bürgermeisters unserer Partnergemeinde mit dem Inhalt, dass an der polnisch-tschechischen Grenze unklare Truppenbewegungen beobachtet worden seien, keiner kenne die Ursache. Ein späterer Anruf dann brachte Klarheit „Die sozialistischen Bruderstaaten sind einmarschiert und haben Prag besetzt“.

Menschenmassen umringen die Panzer: Gert Hirchenhain aus Guxhagen hielt diesen Moment mit der Kamera fest, als er 1968 den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei vor Ort miterlebte. Foto: Gert Hirchenhain

Für unsere kleine Gruppe hieß das, Aufbruch Richtung Heimat. Unsere Mitstreiter aus der DDR hatten Angst, offiziell waren sie im Urlaub hier, unsere tschechischen Gastgeber waren hochgradig nervös, aber auch unser Gruppenleiter wollte auf dem schnellstmöglichen Wege in die Bundesrepublik Deutschland zurück. Wir anderen fünf wollten das nicht, schließlich waren unsere Visa noch drei Tage gültig und ein solches geschichtliches Ereignis konnten wir einfach nicht auslassen.

Wir haben letztlich durchgesetzt, dass uns die Rückfahrt unbedingt über Prag führen sollte. Am frühen Nachmittag des 21. August 1968, einem regnerischen Mittwoch, kamen wir in Prag am Wenzelsplatz an, schon unterwegs konnten wir Truppenbewegungen der Warschauer Pakt Staaten feststellen.

Entgegen den Gerüchten waren keine DDR-Truppen in der CSSR, aber in Ausbuchtungen und auf Parkflächen neben der Überlandstraße von Králové (Königgrätz) nach Prag (etwa 100 Kilometer) standen militärische Fahrzeuge. In Prag selbst waren vor allem zentrale wichtige Gebäude und Einrichtungen belagert: die Parteizentrale der Kommunistischen Partei der CSSR, das Redaktionsgebäude der Parteizeitung „Rudé právo“ (Rotes Recht), das Zentrum der Stadt, der Wenzelsplatz und strategisch wichtige Ausfahrtstraßen.

Die Erinnerungen an diesen Tag, diese Stunden sind zwar verblasst, geblieben ist aber die Erinnerung an die Ruhe der Menschen trotz der starken Menschenaufläufe, an ihre permanenten friedlichen Versuche, mit den Soldaten auf den Panzern ins Gespräch zu kommen, der Versuch, ihre neu gewonnene Freiheit zu verteidigen. Diese Szenen waren prägend: Junge Menschen mit offenem Hemd und blanker Brust vor russischen Panzern, vergebliche Versuche, sie zum Halten und zur Umkehr zu bewegen, Demontage von Straßenschildern zur Desorientierung, Sitzblockaden, untergehakte Menschenketten. Diese Szenen haben wir auf Super 8 Film und zahlreiche Fotos gebannt, Filmausschnitte wurden später auch im ZDF gezeigt.

Heute, 50 Jahre später, erinnert nur noch mein Vollbart an diese Zeit. Ich hatte damals einen elektrischen Rasierer dabei, aber in unserer Waldhütte gab es keinen Strom. So ist der Bart gewachsen und bis heute dran geblieben – genau seit 50 Jahren.

Gert Hirchenhain wurde 1948 in Kassel geboren. Nach dem Abitur 1968 studierte er Germanistik, wissenschaftliche Politik, Philosophie und Pädagogik. Von1977 bis 2010 war er Lehrer und stellvertretender Schulleiter an der Burgsitzschule Spangenberg. Er ist verwitwet und wieder verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne.

Von Gert Hirchenhain

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