Gespräche am Pflanztisch

Ihr Garten erzählt Geschichten: Bei Renate und Walter Schmidt gibt es viel zu entdecken

Der Vorgarten von Renate und Walter Schmidt aus Melsungen ist eine Freude für Menschen und Insekten.
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Der Vorgarten von Renate und Walter Schmidt aus Melsungen ist eine Freude für Menschen und Insekten.

Seit Corona hat der eigene Garten an Bedeutung gewonnen. In unserer Sommerserie Gespräche am Pflanztisch besuchen wir Leser in ihren grünen Oasen: heute Renate und Walter Schmidt.

Melsungen – Die Sonnenhüte im Vorgarten blühen so schön wie noch nie. Wenn Renate Schmidt in ihrer Küche im Souterrain arbeitet und aus dem Fenster schaut, dann hat sie das Insekten-Paradies direkt vor Augen.

Vor dem Haus wächst ein Blütenmeer in Gelb, weiß, rosa, rot und blau. Es gibt Stockrosen, Löwenmäulchen, Rosenstöcke und vieles mehr. Und links und rechts des Treppenaufgangs stehen die Blumen, die aus der Blütenmischung der HNA-Tütchen entstanden sind, verrät Ehemann Walter.

Hinterm Haus liegt der 750 Quadratmeter große Garten. Er ist gerade im Umbau, weil die Schmidts jetzt endlich mehr Zeit für ihn haben. In den vergangenen 13 Jahren haben sie immer vier Monate des Jahres in ihrer Eigentumswohnung in Bayreuth verbracht.

Auf der Wickenblüte sitzt ein Zitronenfalter.

Weil sie diese 2020 verkauft haben, können sich die Schmidts nun ihrem Garten widmen – und da geht’s endlich dem Giersch an die Wurzel. Der hat sich nämlich ziemlich breitgemacht.

Was mancher im Salat schätzt, das ist für Walter Schmidt „einfach nur zum Verrücktwerden“: Er sagt: „Wenn jemand den Giersch haben will, dann kann ich ihn kiloweise anliefern.“

Wenn er noch mal 50 Jahre alt wäre, würde er die Beete einen halben Meter tief ausgraben, entsorgen und neu mit Erde befüllen. Schmidt hat Schlosser gelernt, später studiert und bis zu seinem Ruhestand 30 Jahre lang bei der Firma Michel Haustechnik in Melsungen in leitender Stellung gearbeitet hat.

1966 haben die Schmidts das Haus mit dem Deutschen Siedlerbund an der Gisbertzstraße gebaut, „rundherum war noch alles Feld“. Es gab eine Pflichtbepflanzung an Bäumen, die für alle Bauherren galt: Apfel, Birne, Zwetsche, Süßkirsche, Sauerkirsche.

Weil die Bäume der Schmidts oft Schädlinge hatten und die Ernten schlecht waren „und wir nicht spritzen wollten“, wurden sie Mitte der 1990er-Jahre gefällt. Die Fläche wurde mit Gras eingesät.

Jetzt stehen neben Büschen zwei stattliche Bäume im Garten: eine Kastanie und ein Walnussbaum. Hinter ihnen stecken Geschichten, genau wie hinterm Grabstein und der Vogeltränke.

Die Bäume

Kurz nach der Wiedervereinigung ist Walter Schmidt von seinem Heimatdorf Pfieffe bis nach Eisenach gewandert. Im Thüringer Wald fand er einen Strohhaufen, auf dem viele Kastanien lagen.

Die sollten wohl Wildschweine anlocken, vermutete er und nahm ein paar Kastanien mit. Er setzte sie zuhause in Töpfchen, daraus wurden Pflänzchen, die er verschenkte. Zwei behielt er selbst und pflanzte sie in seinen Garten.

Vor 22 Jahren grub er einen der beiden Bäume aus und pflanzte ihn in den Melsunger Stadtwald. „Dort steht er immer noch, ich gehe oft mal dort vorbei.“ Der andere ist mittlerweile neun Meter hoch und blüht immer prächtig.

Dann bewundert Renate Schmidt, die krankheitsbedingt nicht mehr so mobil ist, immer die vielen Blütenkerzen von ihrem Fernsehsessel, der zum Garten hin ausgerichtet ist.

Der Walnussbaun ist ein Geschenk von ihrem Schwager Karl. Er hatte das Pflänzchen vor Jahren mal als Mitbringsel dabei. Walter Schmidt setzte das Pflänzchen in den Garten, und mittlerweile ist der Walnussbaum zwölf Meter hoch.

Die Walnüsse sammelt er und füttert damit im Winter die Tiere, zum Beispiel Eichhörnchen und Eichelhäher. Manchmal kommt auch ein Waschbär vorbei, klettert am Futterhäuschen hoch und greift hinein.

In der Ecke steht ein Grabstein. Er stand im Sudetenland und erinnert an Johann und Maria Schober, die Großeltern von Renate Schmidt.

Der Grabstein

Hinterm Walnussbaum lehnt, versteckt in der Ecke, ein Grabstein am Gartenzaun. Der erinnert an Maria und Johann Schober aus Zwog im Sudetenland, die Großeltern von Renate Schmidt, 81.

Sie wurde als Sechsjährige mit der Familie aus ihrem Heimatdorf Chotieschau bei Pilsen im Sudetenland vertrieben. Das war drei Kilometer entfernt vom Dorf, wo die Großeltern begraben waren.

1975 besuchte Renate Schmidt mit ihren drei Geschwistern das erste Mal ihre alte Heimat, es war eine bewegende Reise für alle. Sie erfuhren, dass das Grab der Großeltern eingeebnet und der Stein entsorgt werden sollte.

Über den Bürgermeister des Ortes gelang es Renate Schmidt, den Grabstein zu sichern und mit nach Melsungen in ihren Garten zu nehmen. Früher hatte der Stein eine Spitze mit einem Engelchen obendrauf. Die ist verschwunden.

Wie es damals üblich war im Sudetenland, wurden Bilder der Verstorbenen in den Stein eingefasst. Renate Steins Oma starb bereits 1929, der Opa 1940 („Da war ich gerade drei Wochen alt“).

Mit dem Grabstein im Garten bekommen die Großeltern Gesichter, die Renate Schmidt sonst nur aus Erzählungen ihrer Familie kennt.

Im Walnussbaum hängt ein Vogelhäuschen.

Die Vogeltränke

Am Rand der Terrasse liegt ein großer, flacher Stein. „Den hat mir mein bester Freund geschenkt“, berichtet Walter Schmidt. Karlheinz Werner hat ihn im Feld gesucht und gefunden und als Vogeltränke behauen.

„Im Sommer müssen wir zwei Mal am Tag Wasser nachfüllen“, sagt Renate Schmidt, „denn die Amseln spritzen immer ganze das Wasser raus.“

Die Vogeltränke hat sie auch immer im Blick, wenn sie auf der Terrasse am kleinen Tischchen sitzt und Kartoffeln fürs Mittagessen schält oder die Wäsche an die Spinne zum Trocknen aufhängt.

Die Schmidts halten sich sehr gerne im Garten auf, Walter Schmidt am liebsten im Schatten des Kastanienbaumes oder in seinem Pavillon, den er sich gebaut hat, nachdem er in Rente gegangen war.

Und das Beste: Selbst an kalten Abenden ist’s dort gemütlich, denn am Boden stehen zwei gasbetriebene Heizstrahler, die für warme Beine sorgen. Dann genießt er die Abendsonne, hört den Vögeln zu, die in den Bäumen zwitschern – und fühlt sich wohler als vorm Fernseher („Ich brauche keine Krimis“).

Und Renate Schmidt liebt das Gesumm und Gebrumm der vielen Insekten im Vorgarten. Dafür sorgen vor allem die gelben Sonnenhüte, die in diesem Jahr so prächtig gewachsen sind und so schön leuchten wie noch nie. (Claudia Feser)

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