Ärztemangel verschärft sich 

Immer weniger Kinderärzte im Schwalm-Eder-Kreis: Weitere Praxis schließt nach 38 Jahren

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Schließen ihre Praxis zum 1. Juli: Der Melsunger Kinderarzt Dr. Hans-Georg Zöberlein und seine Ehefrau Gabriele.

Dr. Hans-Georg Zöberlein sollte längst im Ruhestand sein. Doch der Melsunger Kinderarzt findet keinen Nachfolger für seine Praxis an der Bahnhofstraße. Jetzt wird sie endgültig geschlossen – nach fast 38 Jahren Betrieb.

Immer mehr Kinderärzte fehlen im Schwalm-Eder-Kreis. Ab Juli wird sich die Situation weiter verschärfen. Nachdem im Mai vergangenen Jahres die Kinderarztpraxis in Borken geschlossen wurde, geht Ende Juni der Melsunger Kinderarzt Dr. Hans-Georg Zöberlein in den Ruhestand. „Und es findet sich einfach niemand, der meine Praxis übernehmen möchte“, sagt der 74-Jährige. 

In Melsungen gibt es dann ab Juli keinen Kinderarzt mehr. Laut Kassenärztlicher Vereinigung (KV) praktizieren im Landkreis derzeit noch acht Kinderärzte, es gibt 7,5 Versorgungsaufträge (Stellen). Zwei Praxen gibt es in Fritzlar, eine in Homberg. In Schwalmstadt gibt es eine, die mit zwei Ärzten besetzt ist. Schrecksbach verfügt über eineinhalb Sitze mit zwei Ärzten. 

„Ich würde mit einem besseren Gefühl in den Ruhestand gehen, wenn ich wüsste, dass jemand die Praxis weiterführt“, sagt Zöberlein, der eigentlich schon seit 2010 im Ruhestand ist. „Meinen Patienten zuliebe und weil mir mein Beruf so viel Spaß macht, habe ich noch so lange weiter gearbeitet.“ 

Die Finanzierung von mindestens 15 zusätzlichen Kinderarztstellen in Hessen durch die Krankenkassen – das fordert die KV. Aber Nachfolger für Kinderarztpraxen zu finden, sei ein bundesweites Problem, sagt Petra Bendrich von der Kassenärztlichen Vereinigung. „Wir haben einen massiven Nachwuchsmangel.“ Unabhängig davon, ob sich Interessenten für eine Niederlassung finden, müsse die Finanzierung weiterer Arztsitze sichergestellt werden. Diese seien dringend nötig. Die Bedarfsplanung bilde den Bedarf an Kinderärzten nicht mehr adäquat ab. Viele Faktoren wie steigende Geburtenraten, Impfungen und Ausweitung der Vorsorgeuntersuchungen würden nicht ausreichend berücksichtigt, sagt Bendrich.

Junge Patienten betreut 

„Es gibt viele Stammpatienten, die traurig sind, dass wir aufhören“, weiß Dr. Zöberlein. Etwa 900 junge Patienten betreut er pro Quartal. "Aber Wir haben einen Pool von mehreren tausend Patienten. Es muss jetzt unser großer Pool auf andere Ärzte verteilt werden." Sie müssen sich nun nach einem anderen Arzt umschauen.

„Ich glaube, das wird gerade für unsere vielen ausländischen Patienten problematisch“, sagt Zöberlein. Denn gerade bei ihnen habe es einige Zeit gedauert, bis sich ein vertrautes Verhältnis entwickelt habe. „Das Problem war die Sprache. Aber mittlerweile klappt das gut.“ Teilweise gebe es Tage, an denen Zöberlein Patienten aus über zehn Nationen behandele.

Für den Kinderarzt ist es ein schwerer Schritt, Ende Juni die Praxistür hinter sich zu schließen, denn 38 Jahre hinterlassen Spuren. „Viele Eltern, die jetzt mit ihren Kindern zu uns kommen, haben wir bereits behandelt, als sie noch Kinder waren.“

Junge Ärzte scheuen die Selbstständigkeit 

Ein Nachfolger ist nicht in Sicht. „Niemand will sich in Melsungen niederlassen. Nicht einmal Kinderärzte aus der Region.“ Und dabei, garantiert Zöberlein, hätte sein Nachfolger alle Hände voll zu tun. Junge Ärzte scheuten den Gang in die Selbstständigkeit. „Man ist zur Hälfte Kaufmann und benötigt wirtschaftliches Denken. Das geht weit über das hinaus, was sich die meisten unter dem Arztberuf vorstellen“, sagt Zöberlein. Deswegen ließen sich junge Leute zunehmend in Medizinischen Versorgungszentren anstellen. „Da müssen sie sich beispielsweise nicht um die Abrechnungen kümmern und bekommen ein festes Gehalt.“ Wie man mehr Ärzte aufs Land bekommt? „Ich weiß es einfach nicht“, sagt der 74-Jährige. Seit Oktober vergangenen Jahres ist der Arztsitz in mehreren Portalen ausgeschrieben – ohne Ergebnis.

Im Frühjahr 1982 eröffneten die Zöberleins die Kinderarztpraxis in Melsungen. Ein Novum in der Stadt. Bisher gab es keinen Facharzt für Kinderheilkunde. Junge Patienten gingen zum Allgemeinmediziner.

Gabriele Zöberlein, die Ehefrau des Kinderarztes, arbeitete als Medizinisch Technische Angestellte stets mit in der Praxis.

„Das war gerade in der Anfangszeit richtig hart“, sagt der Arzt. „In den ersten Jahren waren wir unabhängig von Bereitschafsdiensten jedes Wochenende erreichbar“, an Urlaub sei nicht zu denken gewesen.

Landarzt aus Leidenschaft 

Die Praxis zum Laufen zu bringen und sich einen festen Patientenstamm aufzubauen, sei keine leichte Aufgabe gewesen. „Wir mussten uns hier richtig eingraben“, sagt Zöberlein. Nebenbei zog das Paar zwei Töchter groß. „Ohne Haushaltshilfe hätte das gar nicht funktioniert.“

Der Kinderarzt sei früher eher ein Landarzt gewesen. Hausbesuche, die heute laut Zöberlein kaum mehr jemand in Anspruch nimmt, seien an der Tagesordnung gewesen. „Ich bin nachts auf kleinste Dörfer rausgefahren, ohne Navigation, ohne Handy, nur mit einer Straßenkarte“, erzählt der 74-Jährige. Häufig verabredete er sich mit einem Elternteil am Dorfeingang und ließ sich zum Patienten führen. „Ich kannte mich ja auch gar nicht aus.“

Zöberlein studierte in Erlangen Medizin, arbeitete anschließend unter anderem in Kassel. Dort baute er am Städtischen Klinikum die Intensivstation für Säuglinge mit auf. „Ich wollte aber nicht immer in einer Klinik arbeiten.“ Deswegen machte er sich in Melsungen selbstständig. Seit 47 Jahren praktiziert Zöberlein als Arzt.

Seine Praxis wird komplett aufgelöst. Denn auch die beiden Sprechstundengehilfinnen, die seit 25 beziehungsweise 30 Jahren mit im Team sind, gehen in den Ruhestand.

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