Offener Bücherschrank wird regelmäßig ausgemistet 

In Melsungen landet Literatur im Müll

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Mülltonne voller Bücher: Citymanager Mario Okrafka räumt zwei Mal pro Woche den Offenen Bücherschrank auf – und wirft alles weg, was seiner Ansicht nach ohnehin niemand lesen will. 

Melsungen. Eigentlich waren der Offene Bücherschrank und die Give-Box am Melsunger Dienstleistungszentrum als moderne Tauschbörse gedacht. Tatsächlich entwickeln sie sich aber zum Müllablageplatz.

Stapelweise Bücher landen derzeit in den Altpapiertonnen am Melsunger Dienstleistungszentrum. Ursache dafür ist der Offene Bücherschrank. Citymanager Mario Okrafka hatte ihn Ende 2016 aufgestellt. Eine alte Telefonzelle wurde mit Regalbrettern ausgestattet. Dort kann man Bücher, die man nicht mehr braucht, ablegen – und Bücher mitnehmen, die andere dort gelassen haben.

Allerdings quillt der Schrank ständig über, und die Qualität des Inhalts lässt laut Okrafka zu wünschen übrig. Überwiegend finde man in dem Schrank Trivialliteratur von Autoren wie Heinz G. Konsalik, Reader’s Digest-Heftchen und Bücher, die niemanden interessierten: „Haushaltstipps aus der Vorkriegszeit“, sagt der Citymanager. Deshalb mistet er den Schrank regelmäßig aus. „Zwei Mal pro Woche mache ich Tabula Rasa“, sagt Okrafka. Jeden Monat wirft er mehrere Abfalltonnen voller Bücher weg – in Mülltonnengröße gerechnet sind es 1250 Liter. Die Stadtbücherei könne mit diesen Büchern erst recht nichts anfangen: „Die sortieren noch rigoroser aus als ich“, sagt er.

Auch an zwei seiner früheren Dienststellen habe er Offene Bücherschränke eingerichtet, erzählt Okrafka. Dort habe es keine Probleme gegeben. „Warum es hier nicht funktioniert, weiß ich nicht“, sagt er.

Kai Müller (Name geändert) aus Melsungen nutzt den Offenen Bücherschrank regelmäßig und ärgert sich darüber, dass so viele Bücher weggeworfen werden. „Das ist nicht Sinn der Sache“, findet er. Wer ein Buch in den Schrank stelle, gehe schließlich davon aus, dass dieses einen neuen Leser finde – und nicht, dass es im Müll lande. 

Auch die Give-Box, die wenige Meter neben dem Offenen Bücherschrank in Melsungen steht, wird nicht so genutzt wie vorgesehen. Geplant und gebaut wurde die Give-Box von Fachoberschülern im Zweig Sozialwesen an der Radko-Stöckl-Schule. Das Holzhäuschen ist mit Regalen, Schränken und einer Kleiderstange ausgestattet und steht seit Ende Juni vor dem Dienstleistungszentrum. Das Konzept ist ähnlich wie das des Bücherschranks, nur dass man in der Give-Box keine Bücher, sondern Alltagsgegenstände ablegen soll, die man selbst nicht mehr braucht, aber mit denen jemand anders vielleicht noch etwas anfangen kann. Tatsächlich aber wird die Box oft als Müllkippe missbraucht. „Da liegen regelmäßig Dreckwäsche und Elektroschrott drin“, schildert Melsungens Bürgermeister Markus Boucsein. Mehrfach hat Citymanager Mario Okrafka schon riesige alte Röhrenfernseher aus der Box geschleppt und zum Elektroschrott-Platz gefahren. Auch Pfand-Gläser, alte VHS-Kassetten und sogar Lebensmittel landen häufig in der Give-Box, berichtet Okrafka. „Aber vielleicht schleift sich das noch ein.“ Wenn es nicht besser wird, müsse die Give-Box wohl entfernt werden, sagt Bürgermeister Boucsein. „Die Aktion war gut gemeint, aber wenn die Menschen das nicht annehmen, muss man darauf verzichten.“ Die Schüler, die die Give-Box initiiert hatten, haben mittlerweile ihren Abschluss gemacht. „Die Nachfolgeklasse soll die Patenschaft für das Projekt übernehmen“, sagt Fachlehrer Reinhard Schmidt, der beim Bau der Give-Box geholfen hatte. Er hält die Give-Box nach wie vor für eine gute Idee und schlägt vor, mit einem Schild darauf hinzuweisen, was in dem Häuschen abgegeben werden kann – und was stattdessen auf den Müll gehört.

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