„Das Orchesterleben steht auf null“

Interview: Dirigent Karsten Heyner über Amateurmusiker im Lockdown

Da gab es noch kein Corona: 2018 spielte die Melsunger Harmonie-Musik unter der Leitung von Karsten Heyner ein fulminantes Neujahrskonzert in der Melsunger Stadthalle. Davor gab es natürlich viele Proben. Und heute, in Coronazeiten? Sind weder Konzerte noch Proben erlaubt. Archivfoto: Agnes Dürr
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Da gab es noch kein Corona: 2018 spielte die Melsunger Harmonie-Musik unter der Leitung von Karsten Heyner ein fulminantes Neujahrskonzert in der Melsunger Stadthalle. Davor gab es natürlich viele Proben. Und heute, in Coronazeiten? Sind weder Konzerte noch Proben erlaubt. (Archivfoto)

Amateurmusiker dürfen aufgrund der Coronapandemie nicht zusammen proben. Wir sprachen mit Karsten Heyner, Dirigent im Schwalm-Eder-Kreis, darüber, was das für Orchester und Musiker bedeutet.

Melsungen – Posaunenchöre, Bläserensemble und alle anderen Amateurmusiker dürfen nicht zusammen proben. Hobbyfußballer hingegen dürfen wieder gemeinsam trainieren. Darüber sprachen wir mit Karsten Heyner, der Dirigent von vier Blasorchestern im Schwalm-Eder-Kreis ist. Er befürchtet, dass viele Orchester in Hessen Musiker verlieren werden.

Wie kann es sein, dass Hobbyfußballer wieder trainieren dürfen, aber Hobbymusiker nicht proben dürfen?
Ich frage mich einfach: Warum ist der zehnjährige Junge mit dem Fußball mehr wert, als der zehnjährige Junge mit der Trompete in der Hand? Musiker sind Lebenskünstler und kein Protestvolk.
Aber die Landesregierung in Hessen findet, Sie seien nicht systemrelevant.
Wir sind nicht als systemrelevant angesehen – das ist eine bodenlose Frechheit. Es gibt 350 Vereine mit 60 000 Musikern im Landesverband. Wir haben zwar Verständnis für die Corona-Regelungen, aber verstehen nicht, dass es unterschiedliche Maßstäbe gibt.
Ist das in anderen Bundesländern auch so?
Nein. Beispielsweise in Bayern: Dort hat Ministerpräsident Söder die Orchesterszene als systemrelevant erklärt. Da rastet man doch aus. Es kann nicht sein, dass das einfach eine persönliche Entscheidung des Gremiums ist. Das ist nicht nachvollziehbar.
Was bedeutet die Pandemie für die Orchester?
Die Orchesterleiter haben Angst: Sie befürchten, dass die Hälfte der Musiker nach der Coronakrise nicht wiederkommt, weil sie sehen, dass es zuhause auch ganz schön ist. Es ist doch so: Die meisten Hobbymusiker kommen zur Probe, die wenigsten üben zuhause. Sie haben wenig Zeit. Die Orchester haben eine hohe soziale Komponente. Die Orchestergrößen werden schrumpfen. Das höre ich von vielen Dirigenten. Die Hobbydirigenten sind mit den Nerven runter, sie können keine Ausbildung machen. Auch ich habe schlaflose Nächte.
Wann haben Sie das letzte Mal gemeinsam geprobt?
Das war Ende September vergangenen Jahres.
Das ist ein halbes Jahr her – was bedeutet das für die Orchester?
Selbst wenn die Musiker jeden Tag das Instrument in die Hand nehmen und zuhause üben: Würden wir morgen zusammenspielen, wäre das Zusammenspiel sehr schwierig.
Warum?
Wir müssten zwei, drei Meter Abstand zum Nebenmann haben. Da hören Sie den Nebenmann nicht gut, dann gibt es ein schlechtes Zusammenspiel und ein schlechtes Tempo. Dabei hat jedes Orchester seinen eigenen Klang, und das haben wir über Jahre aufgebaut. Deshalb müssen wir wieder in die Präsenz, um auftrittsfähig zu werden.
Karsten Heyner, Dirigent von vier Blasorchestern im Schwalm-Eder-Kreis. (Archivfoto)
Sie bräuchten jetzt also viel mehr Platz zum Proben.
Ich habe Orchester mit 40 Personen, wir haben kaum einen genügend großen Probensaal, um mit zwei, drei Meter Abstand zum nächsten Musiker zu proben. Normalerweise müssen die Musiker eng auf eng sitzen, um gut zusammenspielen zu können. Beispiel Blasorchester Schwalmstadt: Dort hatte ich bis zum vergangenen Herbst aus Platz- und Abstandsgründen nur ein Drittel der Musiker jeden Donnerstag in der Probe, und jede Woche hatte ich ein anderes Drittel Musiker vor mir. Da treten Sie musikalisch auf der Stelle.
Wie sieht der Probenalltag aktuell aus?
Einen Probenalltag gibt es nicht. Das Orchesterleben steht auf null. Ich sitze jeden Abend vorm Computer.Wir bieten Onlinetreffen an, dabei geht es nur um die soziale Komponente, wir schwätzen. Ich gebe per Video Übungsaufträge, verschicke den Musikern Notenmaterial. Ich habe auch Videos gedreht zur Theorie: Notensystem, Tonleitern, Rhythmus. Letztendlich hat das aber nichts mit Orchesterarbeit zu tun.
Wie läuft die musikalische Arbeit mit den Kindern?
Die Ausbildung unserer Kinder läuft gut, aber online. Das bedeutet, dass immer nur ein Kind spielen kann. Als Orchester geht das aber nicht: Wir haben das mal ausprobiert, aber aufgrund der unterschiedlichen Datenübertragung verzögert sich das Gespielte – da ist kein Zusammenspiel möglich.
Was macht der hessische Musikverband?
Seit 18. März 2020 führen wir vom Verband Gespräche mit der Landesregierung, wir hatten einige Online-Sitzungen mit dem Ministerium. Aber man lässt uns im Dunkeln stehen, wir bekommen keine Perspektive. Dabei haben wir keinen einzigen Verein im Verband, der schließend musste, weil es Coronafälle durch die Probensituation gab. Daher ist mir die Reaktion unverständlich.
Sie wollen also wieder auftreten?
Wir haben viele Auftrittsanfragen, wir könnten uns überschlagen. Aber wir können keine Anfragen annehmen, denn wir müssen doch zumindest einen Anschein von einem Orchester haben. Wir wollen proben, aber es muss jedem bewusst sein, dass es im Moment nur um die soziale Komponente gehen kann, als um normales Üben.
Was ist ihr Ziel?
Wir müssen erst mal wieder versuchen, ein Orchester zu werden. Aber es fehlt das Ziel, wir wollen ja was erreichen, aber wir haben keinen Auftritt, kein Konzert.

Zur Person

Karsten Heyner, 54, ist promovierter Landwirt (Studium an der Uni in Witzenhausen) und hat außerdem Orchesterleitung an der Hochschule für Kunst und Musik in Hamburg studiert. Der gebürtige Altenbrunslarer bewirtschaftet in Dorla einen Hof mit 400 Mutterschafen plus Nachzucht. Und er leitet vier Orchester im Kreis: die Harmonie-Musik aus Melsungen, das Blasorchester Schwalmstadt, das Akkordeonorchester aus Niedermöllrich und die Bilstein-Musikanten aus Besse. Er selbst spielt unter anderem Schlagzeug und Trompete. Heyner ist verheiratet und Vater von drei Kindern: 21, zehn und sieben Jahre alt. Auf dem Hof leben noch vier Hunde und mehrere Hühner. (ciß)

(Von Claudia Feser)

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