Spezialitätenfestival am Sonntag

Interview mit Regionalleiter von Slow Food Nordhessen: „Auch Klimaschutz ist unser Ziel“

Beim Spezialitätenfestival am Sonntag gibt es ausschließlich regionale Produkte zu kaufen: Das Foto entstand beim Fest im vergangenen Jahr und zeigt Alicja Gawlik (links) und Renate Ellrich aus Körle. Den Stand Ellrichs Fruchtaufstriche gibt es auch diesmal wieder. Foto: Archiv/Tina Hartung

Melsungen – Nordhessen geschmackvoll heißt es am Sonntag in Melsungen. An 60 Ständen gibt es zwischen 11 und 17 Uhr hochwertige und unverfälschte Produkte aus der Region.

Gerhard Schneider-Rose (62), Regionalleiter von Slow Food Nordhessen und Geschäftsführer des Vereins Nordhessen geschmackvoll, legt auch Zuhause viel Wert auf Regionalität. Lebensmittel mit undurchsichtiger Produktionskette kommen bei ihm nicht auf den Tisch – nicht erst seit dem Wilke-Skandal.

Herr Schneider-Rose, brauchen wir Skandale wie Wilke, damit wir endlich mal hinterfragen, was überhaupt auf unseren Tellern landet?

Dieser Skandal wird genau wie alle anderen Skandale vielleicht zwei Monate Wellen schlagen. Danach ist wieder alles vergessen und es geht weiter wie bisher. Dann ist eine Firma gestorben und in die Lücke springen nahtlos andere. Wenn wir Glück haben, wird die Lebensmittelkontrolle etwas verschärft. Aber dieser Skandal zeigt deutlich, wie dieses System funktioniert. Keiner weiß, dass er Wilke-Wurst isst oder kauft. Und keiner weiß, wo das Fleisch herkommt.

Aber interessiert es den Verbraucher denn nicht, wo das Fleisch herkommt?

Den normalen Verbraucher interessieren nur drei Sachen. Allen voran der Preis. Danach die Optik und dann der Geschmack. Und jeder, der sich dafür interessiert, wo die Lebensmittel herkommen, der weiß auch, dass zu den Preisen, für die unsere Nahrungsmittel häufig angeboten werden, keine Tierschutzaspekte umgesetzt werden können. Da ist auch nicht drin, dass mit den landwirtschaftlichen Flächen nachhaltig umgegangen wird und die Mitarbeiter fair entlohnt werden.

Wenn das Wetter am Sonntag stimmt, wird der Slow-Food-Markt in Melsungen sicherlich gut besucht sein. Ist das nicht ein Zeichen dafür, dass immer mehr Leute Wert auf gute Lebensmittel legen?

Begriffe wie bio und regional gewinnen an Wert, das stimmt. Aber viele geben sich damit zufrieden, wenn sie auf der Packung die entsprechenden Begriffe finden. Die Slow-Food-Märkte leben von den Besuchern, die genau wissen, was sie erwartet. Nämlich gute regionale Produkte ohne Zusatzstoffe. Wir haben gewisse Ansprüche an die Händler. Aber für diese Ansprüche sind nur etwa 15 Prozent der Bevölkerung überhaupt zugänglich. Den Rest interessiert das nicht. Die waren einmal da, stellen fest, dass alles viel zu teuer ist und kommen nie mehr.

Ist es nicht tatsächlich eine finanzielle Frage, ob man beim Bauern aus der Region einkauft oder beim Discounter?

Ja, gutes Essen ist teurer. Wir haben mittlerweile ein Wertesystem, in dem die Nahrung ganz hinten steht. Vor 100 Jahren haben wir 70 bis 80 Prozent unseres Einkommens für Essen ausgegeben, jetzt sind wir bei 10,5 Prozent in Deutschland. Wir brauchen alle zwei Jahre ein neues Auto, zwei Urlaube und dann wird gejammert, man könne sich kein teures Essen leisten. Dabei muss gutes Essen nicht immer teuer sein. Kartoffelpuffer aus heimischen Kartoffeln sind ein gutes und günstiges Gericht.

Wie ernähren Sie sich?

Wir haben einen eigenen Gemüsegarten und versuchen, so viel wie möglich regional einzukaufen. Fleisch kaufen wir nur aus der Direktvermarktung, also Fleischpakete beim Rinderbauern zum Beispiel. Meine Frau kocht nur vegetarisch und ich bin für Fleischgerichte und die nordhessischen Gerichte zuständig. Brot backen wir hauptsächlich selbst.

Und bei Ihnen muss es immer bio sein?

Nein, muss es nicht. Gerade für kleine Direktvermarkter ist das mit der Zertifizierung sehr teuer. Da vertraue ich gern auf das, was ich vor Ort sehe. Wichtiger als ein Label ist mir dann beispielsweise, dass es ein Mischbetrieb ist, der genug Futter anbaut, um die Tiere ernähren zu können, und dass ich auch mal in den Stall gucken darf.

Transparenz ist ja auch bei Nordhessen geschmackvoll ein wichtiges Thema.

Ja. Bei diesem Markt kann ich dem, der es erzeugt in die Augen schauen, kann ihn fragen, wie produziert wird, kann ihm sagen, wie es mir beim letzten Mal geschmeckt hat. Und ich kann ihn auch entlarven, wenn er Märchen erzählt hat. Bei einem Produzenten wie Wilke habe ich als Verbraucher keine Chance, etwas zu erfahren.

Die Produkte auf dem Markt müssen aus der Region kommen. Was sind noch Voraussetzungen, um verkaufen zu dürfen?

Zusatzstoffe sind grundsätzlich verboten, außer sie sind unabdingbar für die Produktion. Bei der Ahlen Wurscht zum Beispiel ist Salpeter ein Zusatz, der seit 200 Jahren genutzt wird, und auch nötig ist, um die Wurst haltbar zu machen. Das ist als Zusatzstoff erlaubt. Aber alle Stoffe, die dazu dienen, den Geschmack zu schönen oder die Produktion maschinengängig zu machen, entsprechen nicht unserem Konzept. Für jede Ware, die auf dem Markt verkauft werden soll, müssen die Zusatzstoffe aufgelistet werden.

Sie verfolgen mit der Organisation der Slow-Food-Märkte das Ziel, Menschen für regionale Produkte zu begeistern. Aber wenn es schon Ihrer Meinung nach ein Wurst-Skandal nicht schafft, zum Umdenken anzuregen, wie kann man die Verbraucher ansonsten sensibilisieren?

Dadurch dass man ihnen immer wieder zeigt, dass die großen Themen wie der Klimawandel eng mit den kleinen Dingen des Alltags zusammenhängen. Weidehaltung beispielsweise ist gut fürs Klima, weil große Mengen Kohlendioxid gebunden werden. Das funktioniert aber nur, wenn es Menschen gibt, die das Fleisch der Weidetiere kaufen. Kühe können Klimakiller sein. Aber nur, wenn sie in Ställen gehalten werden und Soja aus Argentinien und Brasilien fressen, was sie eigentlich krank macht. Wenn sie aber Heu und Gras auf der Weide fressen, sorgen sie dafür, dass mehr Co2 eingebunden wird, als sie Methan ausscheiden.

Klimaschutz ist also auch ein Ziel von Slow-Food?

Ja, was wir machen, hat auch eine Menge mit Biodiversität und Klimaschutz zu tun. Die Olmühlen, die wir haben, beispielsweise die Chattengauer Ölmühle, produzieren regionales Speiseöl und haben Biobauern dazu animiert, bestimmte Früchte für sie anzubauen, wie Leinsamen und Leindotter zum Beispiel. Das sind Früchte, die in den vergangenen 50 Jahren hier keiner mehr angebaut hat. Und damit wird die Fruchtfolge bereichert und es kommen wieder Pflanzen auf den Acker, die verdrängt wurden. Das funktioniert aber nur, wenn die Leute auch die regionalen Speiseöle kaufen.

Zur Person

Gerhard Schneider-Rose (62) wohnt in Bebra-Breitenbach. Seit 1998 ist er Mitglied bei Slow Food Nordhessen, aktiv engagiert er sich dort seit 2005, mittlerweile als Regionalleiter. Er ist Mitgründer des Fördervereins Nordhessische Ahle Wurscht. Mit fünf anderen Mitgliedern des Vereins Nordhessen geschmackvoll organisiert Vereins-Geschäftsführer Schneider-Rose den Spezialitätenmarkt in Melsungen. Der 62-jährige studierte Pädagoge arbeitete unter anderem 27 Jahre beim Jugendamt in Bad Hersfeld. In Bebra engagiert er sich unter anderem als SPD-Fraktionsvorsitzender. Schneider-Rose ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne.

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