Lager voller Wanzen und Flöhe: Eine Kriegsgefangene erinnert sich

Erinnerungen in Schwarz-Weiß: Das linke Foto zeigt Margarete Horn als Rot-Kreuz-Krankenschwester im Zweiten Weltkrieg. Foto: Féaux de Lacroix

Adelshausen. Vor 70 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Margarete Horn, die seit mehr als 60 Jahren in Adelshausen lebt, geriet damals in amerikanische Kriegsgefangenschaft.

Nach fünf Monaten kam sie wieder frei. Im Gespräch mit der HNA schildert die 94-Jährige ihre Erinnerungen an diese Zeit.

21 Jahre alt war Margarete Horn, als sie 1941 als Rot-Kreuz-Schwester eingezogen wurde. Sie arbeitete in einem Lazarett in Oberhof (Thüringen). „Es war eine schwere Zeit - aber auch die schönste Zeit meines Lebens, weil ich Menschen helfen konnte“, sagt sie. Diese Zeit endete am 2. Mai 1945: Das Lazarett wurde zwei Tage lang von den Amerikanern beschossen und brannte nieder.

„Am dritten Tag mussten wir hinter dem Haus antreten. Dann wurden wir in einen Lastwagen verladen“, schildert Horn. Niemand wusste, wohin die Fahrt gehen würde. Die Schwestern, Ärzte und Sanitäter aus dem Lazarett durften nichts mitnehmen außer dem, was sie am Leib trugen.

In einer am Wald gelegenen Villa wurde Horn mit den anderen Schwestern auf dem Dachboden eingesperrt. Am nächsten Tag ging die Fahrt im Lastwagen weiter - endete jedoch mit einem Motorschaden vor der Augenheilanstalt in Bad Liebenstein. Dort blieben Horn und die anderen Kriegsgefangenen vier Wochen lang. Dann wurden sie mit dem Lkw zum Erfurter Bahnhof gebracht. Mit tausenden Schwestern, Ärzten und Sanitätern fuhr Horn in einem Güterzug bis nach Aalen. Der Zug blieb unterwegs immer wieder stehen, tagelang blieben die Gefangenen in den Waggons, ohne etwas zu Essen zu bekommen. Nur Wasser aus verdreckten Kanistern gab es - „das konnte man kaum trinken“, erzählt die 94-Jährige. „Irgendwann konnte ich nichts mehr sehen, das lag an einer Vitaminstörung.“

In Aalen angekommen, wurden die Gefangenen auf einer umzäunten Wiese mit einigen Baracken abgeladen. „Alles war voll mit Wanzen, Flöhen und Fliegen“, erinnert sich Horn. „Wir haben unter freiem Himmel geschlafen.“ Vier Monate lang blieb sie dort. Zu Essen gab es nur wenig: 16 Schwestern teilten sich ein kleines Weißbrot, erzählt Horn. „Wir haben alle zusammengehalten“, sagt sie. „Das war nicht mehr menschlich, wie wir behandelt worden sind.“

Erinnerungen in Schwarz-Weiß: Das linke Foto zeigt Margarete Horn als Rot-Kreuz-Krankenschwester im Zweiten Weltkrieg. Foto: Féaux de Lacroix

Fast hätte Margarete Horns Odyssee als Kriegsgefangene noch länger gedauert. Denn als die Gefangenen das Lager in Aalen verlassen sollten, wurden einige in die Seuchenlazarette nach Frankreich geschickt - es traf jene, deren Heimatort in der französischen oder in der englischen Zone lag. Eigentlich hätte auch Margarete Horn nach Frankreich gemusst, denn ihr Heimatdorf Hann. Münden-Lippoldshausen lag in der englischen Zone. Doch sie behauptete, dass ihr Elternhaus ausgebombt worden sei und ihre Eltern nun in Blickershausen in der amerikanischen Zone lebten. Daraufhin ließ man sie nach Hause zurückkehren.

Am 1. Oktober 1945 kam Margarete Horn frei. Über mehrere Durchgangslager in Lollar, Gießen, Korbach und Kassel gelangte sie schließlich zurück nach Lippoldshausen und konnte ihre Familie in die Arme schließen. Doch die Kriegsgefangenschaft hatte Spuren hinterlassen: Sie hatte eine Herzmuskelentzündung und litt unter Rheuma, zu lange hatte sie in den Lagern auf kalten Böden geschlafen.

Mit den anderen Schwestern aus dem Lazarett hat Margarete Horn noch lange Kontakt gehalten. „Inzwischen lebt aber nur noch eine“, sagt sie. Die Erinnerung an die Zeit im Lazarett und an die Gefangenschaft aber lebt in Margarete Horn weiter. „Man muss im Leben das Gute und das Böse miterleben“, sagt sie.

Von Judith Féaux de Lacroix

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