Spezialitätenmarkt steht an

Interview mit Lebensmittelspezialisten: Lebensmittel sind nicht wurscht

Organisieren das Melsunger Spezialitätenfestival mit: Gerhard Schneider-Rose (links) und Dr. Hanns Kniepkamp setzen auf hohe handwerkliche Qualität beim Essen. Foto:  Brandau

Melsungen. Um die 50 Lebensmittelhandwerker aus der Region sind dabei, wenn am Sonntag, 12. Oktober, zum 10. Mal das Spezialitätenfestival „Nordhessen geschmackvoll“ in der Melsunger Innenstadt stattfindet.

Wir sprachen mit Dr. Hanns Kniepkamp aus Schnellrode und Gerhard Schneider-Rose aus Bebra vom Verein Slowfood darüber, warum wir uns mehr mit unserem Essen auseinandersetzen sollten.

Zehn Jahre Spezialitätenfestival. Ist es nicht schwierig, jedes Jahr Standbetreiber zu finden? Sie sieben ja stark aus... 

Dr. Hanns Kniepkamp: Wir sieben aus, indem wir auf Qualität achten. Gott sei Dank gibt es noch viele Lebensmittelhandwerker, die ihr Handwerk verstehen und auch ohne Zusatzstoffe gute Produkte herstellen können.

Heutzutage kommt ja auch kaum ein Lebensmittel ohne Zusatzstoffe aus.

Kniepkamp: Das stimmt nicht. Aber kaum ein Hersteller verzichtet auf sie. Muss er auch gar nicht: Bei Backwaren sind 200 Zusatz- und Hilfsstoffe erlaubt, die meisten sind nicht mal deklarationspflichtig. Die einen verstärken den Geschmack, die anderen verlängern die Haltbarkeit. Alles völlig legal.

In Deutschland hat alles seine Ordnung, die eingesetzten Stoffe sind fast alle auf den Etiketten vermerkt. 

Kniepkamp: Ja, aber deshalb lesen sich viele Etiketten ja auch wie Beipackzettel von Medikamenten. Natürlich sind sie alle zugelassen. Die Frage aber lautet doch: Braucht man denn so viel Chemie im Essen?

Und, braucht man sie? 

Gerhard Schneider-Rose:  Wer will, dass der Ketchup gleichmäßig aus der Flasche fließt, wer immer den selben Geschmack bieten will, kann auf Chemie nicht verzichten.

Kniepkamp: Und sie ist notwendig, um aus billigen Rohstoffen ein geschmacklich akzeptables Produkt herstellen zu können. Beispiel: Eine dicke Ahle Wurst muss sechs Monate reifen. Welcher Industriebetrieb aber hat heute so viel Platz und Zeit, um sie so lange hängen zu lassen? Also muss man die Reifezeit abkürzen.

Ja, aber... 

Kniepkamp:  Oder schauen Sie große Industriebackbetriebe an: Die hantieren mit Backmischungen, tiefgefrorenen Teiglingen, Enzymen - und preisen das Ergebnis dann als frisch gebackene Leckerei an.

Ach, Sie machen einem echt schlechte Laune. 

Kniepkamp: Gehen Sie einfach zu einem guten Metzger oder Bäcker und sofort haben Sie wieder gute Laune. So einfach ist das.

Also müsste man Etiketten kritischer lesen und Verantwortung übernehmen. 

Kniepkamp: Ja natürlich muss man das! Wenn Sie sich einen Fernseher kaufen wollen, recherchieren Sie doch stundenlang im Internet und schauen, welcher der Beste für Sie ist. Aber bei Lebensmitteln ist oft alles wurscht.

Sie verlangen viel. 

Kniepkamp: Nein, tue ich nicht. Die meisten Menschen wissen genau, was das beste Motorenöl für ihr Auto ist. Aber fragen Sie mal jemanden nach einem guten Salatöl. Da ernten Sie oft Schulterzucken.

Aber die Menschen interessieren sich doch fürs Thema Ernährung: Nie zuvor gab es so viele Kochshows, nie wurden so viele Kochbücher verkauft. 

Kniepkamp:  Na und? Deshalb stellt sich doch noch lange niemand selbst an den Herd.

Glaube ich nicht.

Schneider-Rose: Ist aber so. Da gibt es eine ganz seltsame Schere im Kopf. Viele gucken zwar gerne Kochshows, kommen aber trotzdem nicht auf die Idee, selbst eine Mahlzeit zu kochen. Sie schmieren sich offenbar lieber ein Schnittchen. Man bezieht viele Dinge nicht auf sich selbst - selbst wenn sie direkt vor einem sind.

Die Zahl der Slowfood-Mitglieder steigt aber beständig - ist das kein Widerspruch? 

Kniepkamp:  Anfangs galten wir als elitärer Genussverein. Dabei machen wir nichts anderes als die Menschen zwei Generationen zuvor: Wir schauen darauf, dass Lebensmittel gut hergestellt werden. Klar hatten wir noch nie so viele Mitglieder, zurzeit sind es 13.000. Aber vom ADAC sind wir Welten entfernt.

Na ja, der ADAC steht auch für Politik. Damit wollen Sie sich ja kaum vergleichen. 

Schneider-Rose: Moment! Essen ist ein politischer Akt. Der Verbraucher bestimmt durch sein Kaufverhalten, welche Produkte angebaut und produziert werden. Kniepkamp: Das ist wahr: Wir bestimmen die Lebensmittelpolitik bei jedem Bissen mit. Das Problem ist nur: Das ist uns meist gar nicht bewusst. Denn wir nehmen uns zu wenig Zeit für unsere Ernährung. Und wir nehmen sie nicht wichtig genug.

Von Claudia Brandau

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