Melsunger Berufsschulleiter beklagt die Situation der Auszubildenden

Schwache Schüler leiden unter Corona

Markus Gille, Schulleiter der Radko-Stöckl-Schule in Melsungen, steht vor einer digitalen Tafel
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Markus Gille, Schulleiter der Radko-Stöckl-Schule in Melsungen, warnt vor einer verlorenen Auszubildenden-Generation.

Viele Betriebe leiden stark unter den Auswirkungen der Coronapandemie. Auch der Ausbildungsmarkt ist von der Krise betroffen. Etwa 500 Stellen sind im Schwalm-Eder-Kreis derzeit unbesetzt.

Melsungen – Homeoffice und Homeschooling sind Faktoren, die auch die Ausbildung für junge Menschen in der Coronapandemie besonders schwer machen.

Das weiß auch Markus Gille, der Schulleiter der Beruflichen Radko-Stöckl-Schule in Melsungen. Wir haben mit ihm über die Situation der Auszubildenden gesprochen.

Wie nehmen Sie die Situation der jungen Leute während der Coronapandemie wahr?

Wir haben jetzt schon ein Jahr, wo junge Menschen keine reguläre Ausbildung genossen oder keinen Ausbildungsplatz bekommen haben. Viele sind jetzt noch in Ausbildung und glücklicherweise gibt es sehr wenige, die ihren Ausbildungsplatz verloren haben.

Viele der Auszubildenden sind aktuell im Homeoffice. Das ist keine Ausbildung, so wie wir sie kennen. Einige können ihren Ausbildungsplatz gar nicht aufsuchen, weil sie nicht im Homeoffice arbeiten können, da einfach keine Arbeit da ist. Und wir haben Auszubildende, die Überstunden leisten müssen.

Gibt es Hinweise darauf, dass Schulabgänger schon jetzt ohne Ausbildung dastehen?

Ungefähr fünf bis zehn Prozent der Schüler, die im Sommer ihren Abschluss gemacht haben, sind nach den Zahlen der IHK Kassel-Marburg danach nirgends angekommen – weder in einer Ausbildung noch auf einer weiterführenden Schule. Seitens der IHK ist das noch nicht genau ausgewertet worden, was mit jungen Leuten passiert ist.

Es gibt aber Vermutungen, dass viele Jobs angenommen haben oder einfach zuhause geblieben sind. Das betrifft insbesondere lernschwächere Schüler, die aufgrund von Homeschooling nicht im Einflussbereich der Klassenleitung waren.

Gehen die lernschwachen Schüler in diesen Coronazeiten gerade unter?

Die Gefahr besteht. Das merken wir beim Thema Homeschooling. Leistungsstärkere Schüler kommen damit besser klar. Es reicht nicht, dass die Lernenden zuhause mit einem Tablet oder Ähnlichem ausgestattet sind. Wichtig ist, dass zuhause ein ruhiger Lernort und eine stabile Internetverbindung vorhanden sind.

Wie kann man diesen Schülern helfen?

Zunächst müssen sich die Schüler bei den Lehrern melden, wenn sie Probleme haben. An unserer Schule klappt das soweit gut. Aber die Handlungsmöglichkeiten der Kollegen sind beschränkt. Die können nicht in das häusliche Geschehen eingreifen. Wir versuchen, die Probleme der Schüler auch in Videokonferenzen zu besprechen. Aber es ist etwas anderes, ob man jemanden vor dem Bildschirm oder in Präsenz sieht. Die Frage ist auch, ob die Schüler ihre Probleme im Video wirklich offenbaren. Das ist einfach etwas anderes als das persönliche Gespräch.

Geht das Interesse an der dualen Ausbildung verloren?

Da viele Unterstützungsangebote in der Berufsorientierung momentan nicht angeboten werden können, werden die jungen Leute zunehmend unsicherer. Gerade Fachoberschüler tendieren deshalb eher dazu, zu studieren. Weil sie sich fragen, ob die Ausbildung noch eine Zukunft hat.

Außerdem haben vereinzelt mittelständische Unternehmen schon angekündigt, dass sie weniger Ausbildungsplätze anbieten werden. Das führt natürlich auch zu Verunsicherungen bei den jungen Menschen. Denn normalerweise ist das Bewerbungsverfahren schon längst abgeschlossen. Zudem gilt das duale Ausbildungssystem weltweit als Vorbild. Es ist wichtig, dass dieses Virus uns den Stellenwert der dualen Ausbildung nicht zerstört.

Wie wirkt sich das explizit auf die Psyche der Schüler und der Auszubildenden aus?

Wenn Auszubildende in Unternehmen arbeiten, die von Kurzarbeit betroffen sind und wo Arbeitsplätze bedroht sind, dann führt das auch bei den Azubis zu Ängsten und Sorgen.

Andersherum kann es sein, dass Azubis, die jetzt so viel Arbeit haben, dass sie nicht wissen, wie sie es schaffen sollen, irgendwann sagen, das will ich so nicht. Das ist zum Beispiel bei den Pflegeberufen der Fall, die ja momentan absolut am Limit sind.

Wie stehen derzeit die Chancen für die jungen Menschen, nach ihrer Ausbildung übernommen zu werden?

Bei denen, die jetzt fertig geworden sind, sieht es noch gut aus mit der Übernahme. Bei den Handwerksberufen, insbesondere den Bau- und Nebenberufen, ist die Auftragslage aktuell sehr gut. Spannender wird es im Sommer und im Frühjahr, wenn die Zwischenprüfungen anstehen.

Die Prüfungsergebnisse werden ein erster Indikator dafür sein, wie gut das Homeschooling funktioniert hat und inwieweit die Betriebe ihre Auszubildenden unterstützt haben.

Wie können Ihrer Meinung nach mehr junge Leute für eine Ausbildung gewonnen werden?

Es ist wichtig, dass für das Thema sensibilisiert wird – bei allen. Zuerst bei den Eltern. Sie sollten ihren Kindern aufzeigen, dass sie die Ausbildung für ihre Zukunft machen.

In einem weiteren Schritt bei vielen Ausbildungspartnern, die aus meiner Sicht nicht zu kurzfristig denken dürfen. Wir hatten vor der Krise das akute Thema des Fachkräftemangels, insbesondere in den ländlichen Regionen. Zuletzt kann auch die Politik durch sinnvolle Rahmenvorgaben natürlich immer helfen. Das Thema Ausbildung darf nicht aus dem Blick geraten, damit keine verlorene Generation entsteht.

Von Natascha Terjung

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