Kein Sonntag ohne Orgeldienst:

 Helmut Ganz ist seit 60 Jahren als Kirchenmusiker im Melsunger Land unterwegs

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Seit 60 Jahren an der Orgel: Helmut Ganz ist Organist in Röhrenfurth und Schwarzenberg. 

Es gibt Sonntage, an denen Helmut Ganz merkt, wie sehr ihm das Orgeln fehlt. Denn der Röhrenfurther ist seit 60 Jahren Organist. Nun ist er 78 Jahre alt und kürzer getreten.

Und doch ist ein Leben ohne Orgelmusik am Sonntag kaum vorstellbar. Am Sonntag, 9. Februar, wird ihm daher die Walter-Blankenburg-Medaille verliehen.

Wie er zur Musik kam

Alles fing mit dem Klavier einer ausgebombten Familie aus Kassel an. Sie wurde in Körle einquartiert und stellte ihr Klavier bei Ganz Eltern im Wohnzimmer unter. Sein zehn Jahre älterer Bruder Walter spielte ein bisschen drauf und später dann auch Helmut Ganz. Denn als die ausgebombte Kasseler Familie in die Schweiz auswanderte, ließ sie das Klavier im Wohnzimmer in Körle zurück.

Als Jugendlicher nahm Helmut Ganz bei Frau Sandrock aus Melsungen Klavierunterricht. Sie war Organistin in Röhrenfurth. Später bekam er über die Kirche in Körle und danach in Kassel Orgelunterricht.

Prüfung zum Organisten

Es folgten ab Sommer 1959 die ersten Vertretungssonntage an den Orgeln in Kehrenbach und Kirchhof und ab 1962 die Organistenstelle in Lobenhausen. 1965 machte er seine C-Prüfung an der Schule für Kirchenmusik in Schlüchtern zum nebenberuflichen Organisten.

6000 Gottesdienste begleitet

Helmut Ganz, der jahrzehntelang als Bilanzbuchhalter gearbeitet hat, hat ausgerechnet, dass er mittlerweile mehr als 6000 Gottesdienste an der Orgel begleitet hat, plus zig Beerdigungen und Hochzeiten, Passions- und Adventsandachten. Und weil er oft in Kirchen im Melsunger Land ausgeholfen hat, kennt er auch viele Instrumente, „und jede Orgel ist anders“.

Verschiedene Orgeln

Die interessantesten Orgeln sind für ihn die in Melsungen und Altmorschen, weil sie zwei Manuale haben. Die Vertrautesten sind natürlich die in Röhrenfurth und Schwarzenberg, wo er, seit 46 Jahren Organist ist. Aber jeder Orgel-Sonntag braucht Vorbereitung, egal an welcher Orgel. Donnerstags bekommt er die Liednummern, „dann brauche ich etwa eine Stunde Zeit zur Vorbereitung.“ Denn die passenden Vorspiele müssen ausgewählt werden.

Manchmal kommt es vor, dass er selbst als erfahrener Organist Lieder im Gesangbuch entdeckt, die er noch nie gespielt hat. 

Skurrile Erlebnisse

Einmal musste er sogar die Titelmelodie von Pipi Langstrumpf spielen, erinnert er sich – das war bei einer Taufe. Auch sonst gab es immer mal wieder skurrile Erlebnisse. Zum Beispiel als er es vor vielen Jahren wegen Hochwassers der Fulda nicht rechtzeitig vom Gottesdienst in Neumorschen zum Gottesdienst nach Altmorschen schaffte, „und dann war auch noch die Schranke zu“. Aber der Pfarrer kam ebenfalls zu spät, denn die beiden saßen in einem Auto.

Und es gab Zeiten, da musste Ganz sonntags um 7.30 Uhr mit dem Zug nach Körle fahren und anschließend weiter durch die Wiesen zur Kirche nach Lobenhausen laufen. „Und wenn dann die Predigt mal länger war, habe ich den Zug zurück verpasst – und der nächste fuhr erst um 14.35 Uhr.“

Diese stressigen Zeiten sind vorbei. Weil seine Augen ihm das Notenlesen schwerer werden lassen, hat Ganz die Organistenstelle reduziert. Seit einem Jahr orgelt er nur noch an zwei Sonntagen im Monat. „Aber es fehlt was.“ An diesen orgelfreien Sonntag sieht er sich dann einen Gottesdienst im Fernsehen an.

Termin:Festgottesdienst am Sonntag, 9. Februar, 14 Uhr, Kirche Röhrenfurth mit Verleihung der Walter-Blankenburg-Medaille.

Zur Person

Helmut Ganz (78) stammt aus Körle. Mit zwölf Jahren bekam er Unterricht am Klavier, später auch an der Orgel. Er übernahm im Alter von 17 Jahren erste Vertretungsgottesdienste in Kehrenbach und Kirchof, bevor er 1962 regelmäßig in Lobenhausen Orgel spielte. 1965 machte er eine Organisten-Prüfung an der Kirchenmusikschule in Schlüchtern und übernahm 1966 das Kirchspiel Morschen. 1969 baute er mit seiner Ehefrau Margret ein Haus in Röhrenfurth. Seit 1973 ist er Organist in Röhrenfurth und Schwarzenberg. Von 1975 bis 2015 hat er die Chorvereinigung Röhrenfurth musikalisch geleitet. Der Bilanzbuchhalter ist seit 2005 im Ruhestand. Er ist Vater von vier Kindern, hat sechs Enkel und drei Urenkel.

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