Bordsteine sind ein Hindernis

Fit für den Alltag: Senioren machen Rollator-Führerschein in Melsungen

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Slalom mit Rollator: Die Übung ist Teil des Rollator-Führerscheins. 

Melsungen. Für Menschen mit Rollator stellen Stufen, Bordsteinkanten und Zwischenräume zwischen Pflastersteinen Hürden dar. Um diese zu überwinden, gibt es den Rollator-Führerschein.

Käthe Brüne benutzt seit einem halben Jahr einen Rollator. Um Hindernisse künftig besser überwinden zu können, hat die 81-Jährige an einem besonderen Projekt teilgenommen: dem Rollatorführerschein. Das Angebot richtet sich an Senioren, die bei der Nutzung ihres Gehwagens Hilfe brauchen.

Schmale Bürgersteige, Treppen auf dem Gehsteig: Wer einen Rollator bekommt, steht plötzlich vor neuen Herausforderungen. „Vieles, was ich früher im Alltag nicht bemerkt habe, wird mir erst jetzt bewusst“, sagt Käthe Brüne. „Ich hätte zum Beispiel im Traum nicht gedacht, dass Pflastersteine in der Stadt zum Problem werden.“

Für die Melsungerin und 16 weitere Teilnehmer startet das einstündige Rollator-Training mit einem Parcours auf dem Gelände des Dienstleistungszentrums. Carmen Oetzel und Inga Fernandez von Asklepios schulen die Senioren und begleiten die Übungen. Die erste Hürde: Slalom um fünf Hütchen, dann eine Runde Rückwärts. Für Käthe Brüne ein Leichtes, mühelos umrundet sie die Plastikhütchen: „Das sind keine wirklichen Schwierigkeiten.“

Von links Trainerin Carmen Oetzel und Teilnehmerin Käthe Brüne. Foto: Lilli Elsebach

Weiter geht es mit Hindernis Nummer Zwei, eine Rampe herauf- und herunterfahren. Auch diese Hürde meistert die Seniorin ohne Probleme: „Fahren auf der schiefen Ebene ist Übungssache.“

Schwieriger wird es an der nächsten Station, einer Schotterfläche. „Es ist machbar, aber das Laufen ist schwieriger als auf einer glatten Fläche, weil der Rollator auf Schotter vibriert“, erklärt Brüne. An dem Projekt nimmt jeder mit seiner eigenen Gehhilfe teil. Neben dem Parcours nutzen die Senioren die Gelegenheit, sich über Rollatormodelle auszutauschen: Gewicht, Extras wie eine Rückenlehne, und Vorteile von Vollgummireifen.

Unfälle mit Rollatoren

Als Nächstes steht das Öffnen einer Tür auf dem Programm. Trainerin Carmen Oetzel gibt Tipps. Der Rollator sollte nicht vor die Tür geschoben werden, sondern daneben. „Dann mit einer Hand am Rollator festhalten und mit der anderen Hand die Tür aufhalten“, empfiehlt Oetzel. Käthe Brüne bekommt die Tür beim ersten Anlauf auf: „Das ist das Erste, was ich zuhause gelernt habe. Da macht mir auch keiner die Tür auf.“

Das letzte Hindernis ist eine Bordsteinkante nahe des Dienstleistungszentrums. Die Senioren üben, die Kante mit dem Gehwagen zu überqueren – für die meisten kein Problem. Auch Käthe Brüne gelingt die Übung. Ihr Fazit: Der Kurs war hilfreich, obwohl sie einige Funktionen des Rollators schon kannte. Das Projekt Rollator-Führerschein gibt es seit Anfang des Jahres. Die Idee stammt von Dr. Jens Zemke.

Der Arzt arbeitet unter anderem in der Notaufnahme und hat dabei regelmäßig mit Unfällen zu tun, bei denen Patienten ihren Rollator falsch benutzt haben. Zemke spricht von dramatischen Unfällen: „Ich habe im Notdienst schon Patienten mit schweren Kopfverletzungen, Verletzungen der Halswirbelsäule und Querschnittslähmung gesehen, die nicht geschult mit Rollator unterwegs waren.“ Grund dafür sei, dass Rollatoren nicht nur in Fachgeschäften mit Beratung verkauft würden, sondern häufig auch in Supermärkten.

Tipps für Sicherheit

Dr. Jens Zemke, Chefarzt der Klinik für Geriatrie in der Medizinischen Klinik Schwalmstadt-Melsungen, hatte die Idee zum Rollator-Führerschein. Für einen sicheren Umgang mit dem Rollator gibt er folgende Tipps: 

  • Sich vor dem Kauf des Rollators bezüglich Größe, Gewicht, Rädern und Zubehör beraten lassen. 
  • Wohnberatung für ein sicheres Zuhause mit Rollator. 
  • Die Gehhilfe technisch überprüfen lassen. 
  • Die richtige Körperhaltung ist entscheidend: Im Rollator gehen und nicht dahinter, also den Gehwagen nicht vor sich herschieben. 
  • Bei der Verordnung des Rollators sollte auch Bewegungs- und Rollatortraining verordnet werden.  
  • Wichtig ist das Trainieren von Alltagssituationen: Einkaufen, Straße überqueren.

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