40 Jahre in Melsungen 

Melsunger Spinnstube vor dem Aus: Inhaberin sucht Nachfolger

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Körbeweise Wolle: Renate Hallensleben-Weißmann möchte nach 40 Jahren ihr Fachgeschäft schließen und sucht händeringend einen Nachfolger.

Wenn man einen Laden in Melsungen eine Institution nennen kann, dann ist es wohl die „Spinnstube“, der Woll-Laden an der Brückenstraße. Aber damit ist es vielleicht schon bald vorbei.

Den Laden gibt es seit 40 Jahren. Inhaberin Renate Hallensleben-Weißmann, 66, möchte das Geschäft in jüngere Hände übergeben – und sucht immer noch einen Nachfolger. Der Mietvertrag ist zum Jahresende gekündigt.

Die Industriekauffrau hofft auf Frauen, „die mit Herzblut dabei sind“. Männer gebe es in dem Beruf ja eher selten, sagt sie. Wenn sich in den kommenden Wochen niemand findet, muss sie den Laden zum Jahresende schließen.

Die Geschichte der Melsunger Spinnstube fing in Hamburg an. Dort lernte Renate Hallensleben-Weißmann als kleines Mädchen von ihrer Mutter stricken. „Ich habe so meinen ersten Schal gestrickt.“ Die Mutter ist mittlerweile 97 und strickt immer noch. Und die Tochter, bei der die Hamburger Herkunft nicht zu überhören ist, erst recht. Unzählige Schals, Mützen, Socken, Sommertücher, Wintertücher Pullover und Pullunder sind seitdem entstanden. Die trägt sie selbst oder dekoriert sie im Laden – inklusive Wolle-Vorschlag und Strickanleitung.

Auf 22 Quadratmeter Verkaufsfläche stapeln sich in der Melsunger Brückenstraße hochwertige Wollknäuel in allen möglichen Farben und Stärken bis unter die Decke, wohl sortiert und griffbereit. Die Spinnstube ist auch ein Fachgeschäft für Stickgarne, es gibt sogar Vierfach-Garn für Schwälmer Stickerei sowie Taschentücher und passendes Garn zum Umhäkeln („Das machen heute meistens nur noch die älteren Kundinnen.“). In den ersten Jahren der Spinnstube, also Anfang der 1980er-Jahre, konnten die Kunden im Laden spinnen und weben lernen. Renate Hallensleben-Weißmann verkaufte auch Spinnräder.

Warum die Hamburgerin in Melsungen einen Woll-Laden eröffnet hat? Ihr Mann war über B. Braun nach Melsungen gekommen, und damals war Stricken absolut in: „In Bussen, Bahnen, Schulen und Unis – jeder hat gestrickt.“ Für die beiden Töchter, 36 und 37 Jahre alt, ist der Laden Teil ihres Lebens. Aber beide leben mit ihren Familien mittlerweile nicht mehr in Melsungen. Ein Grund mehr für die dreifache Oma Renate Hallensleben-Weißmann, den Lebensabschnitt Spinnstube ausklingen zu lassen. 

Denn sie möchte auch mehr Zeit für ihre Hobbys Wandern und Nordic Walking haben und für ihre Mutter, die ihr einst das Stricken beigebracht hat. Deshalb hängt nun ein Zettel an der Ladenkasse: Wer hat Lust, mein Geschäft zu übernehmen. Wenn sich niemand findet, ist die Institution Spinnstube in Melsungen zum Jahresende beendet.

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