Melsungen: Interview mit Trauerbegleiterin

Trauerbegleiterin Heike Sitz aus Melsungen über ihre Erfahrungen in der Pandemie

Sterben in Zeiten der Pandemie: Vor allem Nähe und Berührung fehlten in der Sterbebegleitung.
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Sterben in Zeiten der Pandemie: Vor allem Nähe und Berührung fehlten in der Sterbebegleitung.

Wegen Corona sind viele Menschen allein gestorben. Wir haben zum zehnten Geburtstag des Trauer- und Hospiznetzwerks des Schwalm-Eder-Kreises mit einer Sterbebegleiterin gesprochen.

Melsungen –Die Sterbebegleiterin Heike Sitz aus Melsungen hat uns von ihren Erfahrungen erzählt.

Haben Sie Angst vor dem Sterben?
Nein, ich habe keine Angst vor dem Sterben. Ich hatte selbst eine Nahtoderfahrung. Ich hatte einen Anfall mit Atemstillstand. Mein Vater hat mich gerettet. Im ersten Moment war ich sogar böse auf meinen Vater. In der Todeserfahrung war ich mit allem im Reinen. Ich erfand an einem Punkt eine warme Umschlossenheit. Es hatte etwas Beruhigendes. Ich konnte mich fallen lassen und habe mich gefreut, meinen verstorbenen Bruder wieder zu sehen.
Was sagen Sie Menschen, die diese Angst haben?
Ich erzähle ihnen von meinen Erlebnissen und das, woran ich glaube. Ich beantworte auch Fragen. Ich glaube zum Beispiel, dass man verstorbene Menschen wiedersieht. Viele haben einen Menschen, auf den sie sich freuen.
Spielt die Vorstellung vom Leben nach dem Tod eine Rolle?
Das ist ein großes Thema. Was wartet da auf mich? Wartet da überhaupt etwas? Bin ich dann allein? Das ist oft die größte Angst. Ich glaube aber fest daran, dass dort jemand wartet.
Kann man sich auf das Sterben vorbereiten?
Wir reden über das Körperliche über die Chemie. Wir geben Nähe und Berührung. In den Tagen und Wochen davor, kann man darüber sprechen, dass die Schmerzen enden, es Zeit ist, loszulassen. Aber in den letzten Momenten wünschen sich einige, nicht gehen zu müssen.
Welche Rolle spielen Religiosität und Spiritualität?
Bei den älteren Menschen spielt die Religion eine Rolle. Wir sprechen über Gott. Sie haben eine klare Vorstellung davon, wo sie hinkommen. Bei jüngeren Menschen habe ich erlebt, dass sie sich im Sterben dem Glauben oder einer Spiritualität zuwenden. Die Menschen wollen eine Idee davon haben, wohin sie reisen. Ob das ein Paralleluniversum ist oder der Himmel. Die Lebenden im Blick zu haben ist ein Wunsch vieler.
Das ist der Wunsch nach einer Seele.
Die Vorstellung einer Seele – ob unsterblich oder reinkarnierend – ist wichtig. Es gibt Halt zu wissen, dass man aufsteigt oder in einem anderen Körper zurückkommt.
Erleben Sie auch Menschen, für die es mit dem Tod endet?
Ja, die gibt es auch. Für die ist – extrem gesagt – alles Larifari. Sie sind mit dieser Vorstellung nicht unglücklich. Wir schauen dann gemeinsam zurück. Erinnern uns an die schönen Momente. Viele sind auch einfach müde, für einige ist es genug. Sie wollen gar nicht, dass irgendetwas weitergeht.
Macht Sie Ihre ehrenamtliche Arbeit traurig?
Nein, vielmehr ist es eine Erfüllung. Durch den Tod meines Bruders bin ich auf die Hospizarbeit aufmerksam geworden. Kein Mensch sollte allein sterben. Das ist mir ein Anliegen. Es ist natürlich traurig, die Angehörigen in ihrer Trauer zu erleben. Das dürfen wir nicht so an uns heranlassen.
Wie hat die Coronapandemie die Sterbebegleitung verändert?
Wir durften nicht in die Altenheime, wir durften nicht zu den Menschen. Es hat uns allen das Herz gebrochen, zu hören, dass Menschen allein sterben.
Was sagen Sie den Krankenschwestern und Pflegern, die mehr als sonst Sterbende begleitet haben?
Ihnen gebührt so viel Respekt. Das alles mit nach Hause zu nehmen, ist wirklich bedrückend. Dass diese Menschen unseren Job auch noch mitgemacht haben, davor habe ich die allergrößte Achtung.
Wie haben Sie denn weiter gearbeitet?
Wir haben versucht, über Briefe, Handys und Verwandte den Kontakt zu halten. Wenn es möglich war, haben wir mit den Patienten telefoniert, um zu zeigen, da ist jemand, der an dich denkt und dich nicht allein lässt.Wir haben versucht, über Briefe, Handys und Verwandte den Kontakt zu halten. Wenn es möglich war, haben wir mit den Patienten telefoniert, um zu zeigen, da ist jemand, der an dich denkt und dich nicht allein lässt.
Vieles ging also nicht?
Ja, es ist so furchtbar, dass die Berührungen, das Streicheln das Händchenhalten weggefallen sind. Die Entscheidung, Menschen im Sterben sich selbst zu überlassen, kann ich nicht begreifen.
Was würden Sie jemandem sagen, der sich für ein solches Ehrenamt interessiert?
Trotz der schlimmen Situationen zuletzt, würde ich jederzeit für dieses Ehrenamt ermuntern. Ich bekomme auch viel zurück – die Zeit ist sinnvoll genutzt. Es ist ein so wichtiger Dienst für Menschen, die von uns gehen.Trotz der schlimmen Situationen zuletzt, würde ich jederzeit für dieses Ehrenamt ermuntern. Ich bekomme auch viel zurück – die Zeit ist sinnvoll genutzt. Es ist ein so wichtiger Dienst für Menschen, die von uns gehen.
Was sollte man mitbringen?
Ich bin in einer Phase der Trauer ins Ehrenamt eingestiegen. Für mich war es heilsam. Aber das kann sehr unterschiedlich sein. Man sollte stabil sein und sich abgrenzen können. Geduld und innere Ruhe sind auch wichtig.

Zur Person

Heike Sitz ist 55 Jahre alt. Die Frührentnerin betreut seit drei Jahren Sterbende im Schwalm-Eder-Kreis. Sie lebt mit Mann und Sohn sowie zwei Hunden in Melsungen. 

(Von Damai D. Dewert)

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