Unternehmensjubiläum

Melsunger Firma Bernecker wurde vor 150 Jahren gegründet

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So sah die Belegschaft der Firma Bernecker in Melsungen zum 50-jährigen Jubiläum 1919 aus.

Seit 150 Jahren geht die Firma Bernecker dem Druckhandwerk nach. Zu diesem besonderen Jubiläum stellen wir das Melsunger Traditionsunternehmen vor.

Wenn Verleger August Bernecker wüsste, dass in seiner Firma auch nach 150 Jahren noch gedruckt wird, wäre er sicherlich froh, vermutet sein Ur-Ur-Enkel Conrad Fischer. Der 63-Jährige ist in fünfter Generation Geschäftsführer des mittelständischen Unternehmens in Melsungen, das jahrzehntelang einen sehr guten Namen als Druckerei und Verlag hatte. Dann begann Ende der 1990er-Jahre die Medienkrise, und der Druckerei Bernecker standen schwere Jahre bevor.

Etiketten statt Zeitung

Hatte Bernecker zu Spitzenzeiten bis zu 250 Mitarbeiter, sind es heute nach eigenen Angaben noch 100. Geschäftsführer Fischer musste personelle Entscheidungen für die Firma treffen, deren Bürde der Verantwortung ihn an Grenzen brachte, gesteht er. Auch die Ausrichtung des Unternehmens musste er umkrempeln, um der Firma eine neue Perspektive zu geben. Heute macht das Unternehmen nach eigenen Angaben mehr Umsatz mit dem Drucken von Etiketten für die Industrie als mit Medienprodukten. „Aber die Wiege des Unternehmens, der Verlag, ist noch existent“, betont Conrad Fischer, der mit dem Geruch von Druckerschwärze aufgewachsen ist.

Drucker statt Förster

Dabei wollte er eigentlich Förster werden. Wegen des Numerus clausus musste er auf einen Studienplatz warten und begann eine Ausbildung zum Buchdrucker im väterlichen Unternehmen („Als junger Mann konnte ich fast alle Maschinen selbst bedienen.“).

Dabei entdeckte er seine Leidenschaft zum Drucken und entschied sich, Kaufmann zu studieren. Mit 28 stieg er ins Unternehmen ein – und ist im Herzen ein Drucker geblieben. Deshalb schmerzt ihn sichtlich der Wandel der Medienlandschaft. Im Gespräch fallen Sätze wie „Wir haben das Monopol verloren, Buchstaben in einen Satz zu verwandeln“ und „Uns Druckern wurde sukzessive der Stolz genommen“.

Technik als Chance

Doch der Unternehmer blickte früh nach vorne, entdeckte die Chancen der modernen Technik: „Es war eine spannende Zeit, als die Computer aufkamen“, sagt er, weil er ahnte, „dass da etwas passierte, das die Branche komplett durcheinanderwirbeln wird.“

Mit Stolz berichtet Fischer, dass www.bernecker.de 1991 eine der ersten Internetseiten in Deutschland war. Er habe die Vorstände großer mittelständischer Unternehmen der Region wie Viessmann und B. Braun geschult, dass sie sich mit dem Internet beschäftigen müssen. Elf Jahre lang, bis 1999, war er Händler von Apple-Computern und fasziniert von seinen Begegnungen mit Steve Jobs (Apple) und Bill Gates (Microsoft). Beide erlebte er mehrfach bei Konferenzen in San Francisco, die er als Apple-Händler besuchte.

Zukunft ist digital

Als er sich entscheiden musste, ob Bernecker ein PC-Unternehmen wird oder ein grafisches Unternehmen bleibt, fiel die Wahl auf die Druckerei. Wer durch das Unternehmen in den Pfieffewiesen geht, sieht, dass sich bei Bernecker viel verändert: Wo früher Büros waren, ist heute die Kantine, wo früher Platz für große Setzmaschinen war, steht heute eine erste digitale Druckmaschine für kleine Druckaufträge.

Die fünf Offset-Druckmaschinen werden durch zwei hochmoderne Inkjet-Anlagen ersetzt. Die erste Große soll noch in diesem Jahr kommen, die Zweite ist für 2020 geplant. Damit druckt das Unternehmen dann unter anderem Beipackzettel und Etiketten. So wurde aus der werbeorientierten Druckerei ein Zulieferer für die Pharmaindustrie.

Sechste Generation

Conrad Fischer ist die fünfte Generation der Druckerei-Familie. Das operative Geschäft hat er im vergangenen Jahr an Sebastian Härtig übergeben. Conrad Fischer sagt als Ur-Ur-Enkel des Firmengründers August Bernecker: „Ob die Firma familiengeführt bleibt, ist offen – ob sie in Familienhand bleibt, ist wahrscheinlich.“ Die sechste Generation ist bereits im Unternehmen: Fischers Sohn Felix Otto, 26, ist Mitglied des Aufsichtsrats.

Von der Zeitung zum Beipackzettel

Am 13. Januar 1869 erschien das erste regelmäßige Melsunger Nachrichtenblatt, das Melsunger Wochenblatt, herausgegeben von August Bernecker. Auf vier Seiten stand gedruckt, was Melsungen und das Land bewegte. Die Erscheinungsweise: ein Mal pro Woche. Die Auflage: 200 Stück. 48 Jahre später wurde aus der Wochenzeitung eine Tageszeitung, das war 1916. Zu der Zeit verdiente das Unternehmen sein Geld unter anderem mit Bestellzetteln für Handwerksbetriebe und „Publikationen aus der Region für die Region“, berichtet Geschäftsführer Conrad Fischer. Dann kam der Zweite Weltkrieg, der für die Melsunger Druckerei sehr schwierig war. 

1942 fiel der Firmenerbe Helmut in Stalingrad. Dessen Schwester Hildegard heiratete einen Mann, der aufgrund von Differenzen mit dem Schwiegervater eine eigene Druckerei gründete und damit zu dessen Konkurrenten wurde. Aus dieser Ehe ging Tochter Angela hervor, und mit ihr nahm die Druckerei weiter Fahrt auf. Sie machte eine Buchhändler-Lehre und heiratete den Kaufmann Otto Fischer. 1971 wird dann das Melsunger Tageblatt an den Verlag Dierichs nach Kassel verkauft, das dann in der HNA Melsunger Allgemeine aufging. 

Jahrzehntelang wurden bei Bernecker verschiedene Publikationen hergestellt: von der Tageszeitung über Lernhilfen wie Schülerplaner und Schiebetafeln bis hin zu Zeitschriften wie dem Hessischen Gebirgsboten und dem Nordhessenmagazin Jerome. Und immer wurde auf neue Technik gesetzt. Ab 1970 wurde ausschließlich im Offsetdruck produziert; ab 1988 verkaufte das Unternehmen zusätzlich Apple-Computer. Ende der 1990er-Jahre kam die Medienkrise. Deshalb entschied Conrad Fischer nach schwierigen Jahren, das Unternehmen nahezu umzukrempeln: Es sollte weiter gedruckt werden, aber hauptsächlich für die Pharmaindustrie. Seit 2015 produziert das Unternehmen Beipackzettel, Faltschachteln und Etiketten. Zu Umsatzzahlen möchte sich Fischer nicht äußern.

An der Digital-Druckmaschine: Lucas Ebert aus Guxhagen, Auszubildender zum Industriekaufmann im 3. Lehrjahr bei der Firma Bernecker. 

Erstes Schaufenster in der Stadt

  • 2 Jahre nach dem 100-jährigen Jubiläum, also 1971, wird das Melsunger Tageblatt nach Kassel verkauft.
  • 5 Generationen Bernecker: August Bernecker, Konrad Bernecker, Helmut Bernecker, Dr. Otto Fischer, Conrad Fischer. Mit Felix Otto Fischer ist die sechste Generation am Start: Der 26-Jährige ist im Aufsichtsrat.
  • 7 Sattelzüge voll Papier war der größte je bei Bernecker gedruckte Auftrag. 
  • 18 Angestellte hatte das Unternehmen beim 50-jährigen Firmenjubiläum 1919. Zwischenzeitlich waren es 250 Mitarbeiter, aktuell sollen es noch 100 sein.
  • 26 war die Hausnummer des Firmensitzes in der Kasseler Straße, der 1890 das erste Schaufenster in Melsungen bekam. Darin wurde das Melsunger Wochenblatt ausgehängt.
  • 80 Jahre Bernecker wurde 1949 gefeiert – das 75-jährige Jubiläum musste 1944 kriegsbedingt ausfallen. Außerdem war Firmenerbe Helmut Bernecker 1942 in Stalingrad gefallen.
  • 200 Millionen Beipackzettel wurden 2018 bei Bernecker produziert.
  • 2100 Exemplare umfasste die letzte Auflage des Melsunger Tageblatts, das seit 1916 täglich erschienen war. Dessen Vorgänger war seit 1869 das Melsunger Wochenblatt.

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