Das besondere Prickeln

Melsungerin stellt eigenen Champagner her

König der Rotweine: Die Trauben wie die Pinot Noir (Spätburgunder) werden per Hand gelesen.
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König der Rotweine: Die Trauben wie die Pinot Noir (Spätburgunder) werden per Hand gelesen.

Champagner gilt als Luxus-Getränk. Die Melsungerin Linda Barbosa Fortes tritt den Beweis an, dass das nicht so sein muss. Sie hat es geschafft, ihre eigene Champagnermarke zu gründen. Uns sagt sie, wie sie das geschafft hat.

Melsungen/Köln – So ein bisschen ist es vielleicht von Vorteil gewesen, dass Linda Barbosa Fortes weiß, was die Reichen und Schönen trinken. Die 30-jährige Melsungerin lebt seit etwa zehn Jahren in Köln. Dort hat sie viele Jahre als Managerin von Moderatoren und Künstlern gearbeitet – so standen zum Beispiel Lilly Becker und Oliver Pocher auf der Liste ihrer Klienten. Doch für die studierte Eventmanagerin kam dann alles anders und irgendwie auch prickelnder.

Die Idee

Während einer Weinmesse kam sie erstmals näher in Kontakt mit Champagner und Winzern. „Bis dahin hatte ich immer geglaubt, Champagner sei überteuerter Sekt“, sagt die Kölschtrinkerin. Wie viel Akribie und wie viele Besonderheiten in ihm stecken, habe sie damals – 2016 – erfahren. Vom Produkt eines nachhaltig produzierenden Winzers angetan, habe sie versucht, beim Verkauf zu helfen. Trotz ihrer Marketingkenntnisse verlief das nicht zufriedenstellend. „Ich habe den Markt analysiert und wollte es selbst probieren.“

Die Anfänge

Es gebe bekannte Marken wie Dom Pérignon und Moët & Chandon, allerdings sei bei vielen Herstellern das Marketing verbesserungswürdig, so ihr Fazit nach einer Marktanalyse. Sie stellt ihre Idee, einen ökologisch produzierten, nachhaltigen und veganen Champagner, der auch noch bezahlbar sein soll, ihrem Winzer vor. Der sagt ihr ein kleines Kontingent seiner Produktion zu. „Das ist schon ein totaler Glücksfall und etwas Besonderes. Ich habe so Zugriff auf eine Premier-Cru-Lage in der Champagne und ökologisch produzierte Trauben. Ein Hektar Anbaugebiet wird dort sonst mit bis zu einer Million Euro gehandelt.

Der Start

Linda Barbosa Fortes arbeitet zwar nebenbei noch als Managerin, aber sie bildet sich auch weiter – zur Assistance Sommelier und zur Weinkulturexpertin für Champagner. Das war 2017 und ihre guten Französischkenntnisse helfen ihr sehr. Gemeinsam mit ihrem Winzer feilt sie parallel an ihrem Champagner.

Klar ist, dass er zu je etwa einem Drittel aus den typischen Reben des Champagners bestehen wird: das sind Chardonnay, Pinot Noir und Pinot Meunier – bis auf den Chardonnay sind das dunkle Trauben. Eine solche Mischung verschiedener Weintraubensorten nennt man Cuvée (Cuve frz. für Bottich).

Die Produktion

Die Champagne ist eine geschützte Ursprungsbezeichnung und Region, sie liegt rund um das nordöstlich gelegne Reims. Nur Schaumweine, die dort produziert werden, dürfen Champagner heißen – im Gegensatz zu Crémant oder Sekt.

.  Die Trauben müssen mit der Hand gelesen werden.

.  Anschließend kommen sie in die Presse, in der sie schonend entsaftet werden.

.  Von dort geht es in Stahlfässer. Dort gären sie zu Wein.

.  Vegan ist der Wein von Linda Barbosa Fortes, da zum Binden der Trübstoffe nicht Eiweiß, Gelatine oder Fischblase zum Einsatz kommen, sondern Mineralerde und Zellulose. Der große Vorteil veganen Champagners ist, dass ihn sowohl Allergiker als auch Veganer trinken können. Viele Menschen wüssten nicht, dass Wein, Sekt und Champagner tierische Bestandteile enthielten. Manche Menschen reagierten daher auf Schaumwein.

.  Dann wird der Wein mit Zucker und Hefe für 36 Monate in Flaschen abgefüllt, mit einem Kronkorken verschlossen und gelagert. 15 Monate sind bei Champagner Pflicht.

.  Sobald der Zucker die Hefe gefressen hat, beginnt das Rüttelverfahren. Über Wochen werden die Flaschen kopfüber ganz langsam gedreht und die Hefe wandert in den Flaschenhals.

.  Dann folgt das Dégorgieren. Dabei wird der Flaschenhals in ein Eisbad getaucht, bis die Flüssigkeit gefriert. Dann wird die Flasche gedreht, der Korken entfernt und durch den Überdruck schießt der Pfropfen heraus.

.  Die verlorene Flüssigkeit wird mit der Dosage oder Versanddosage aufgefüllt. „Das ist bei jedem Winzer eine andere Zauberformel, die kennen in unserem Fall auch nur der Winzer und ich“, sagt Linda Barbosa Fortes. Die Dosage besteht aus Champagnerwein und einem Anteil Zucker.

.  Im letzten Schritt kommt der Korken, der bei Champagner aus echtem Kork bestehen muss, das Agraffe (Gitternetz) und der Coiffe (Aluhut) zum Verschließen der Flasche hinzu.

.  Das Finale: Ein ganz besonderer Moment in ihrem Leben sei das gewesen, als sie Ende 2018 ihren ersten „En vie d´éphémère“ in den Händen gehalten habe, sagt die 30-Jährige. Der Name bedeute etwa „Lebendigkeit der Vergänglichkeit“. Sie möge es, wenn ein Markenname auch eine Geschichte erzählen könne. Seit einem Jahr baut sich Linda Barbosa ein Vertriebsnetz auf und sucht Kooperationspartner. „Ich möchte den Champagner aus seiner dekadenten Ecke herausholen.“ Zu kaufen gibt es ihn in einem Concept Store in Köln und über ihre Webseite für 49,90 Euro.

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