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Melsungerinnen lernten sich über HNA-Anzeige kennen

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Von: Fabian Becker

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Silke Schneider (links) und Kerstin Schwarze haben sich über die HNA kennengelernt
Silke Schneider (links) und Kerstin Schwarze haben sich über die HNA kennengelernt © Fabian Becker

Queere Menschen, das sind Menschen die in ihrer Sexualität oder ihrer Geschlechtsidentität nicht der Mehrheit entsprechen, demonstrieren für ihre Rechte. Wir beleuchten das Thema regional.

Melsungen – Silke Schneider (56) hat 2014 eine Sie-sucht-Sie-Anzeige in der HNA geschaltet. Zunächst erfolglos, denn aus ungeklärten Gründen erschien sie nicht in der nächsten Samstagsausgabe. Doch in der folgenden Woche klappte es. Am 17. Mai war ihre Anzeige in allen HNA-Ausgaben zu lesen. Eine der Leserinnen war Kerstin Schwarze (52) aus Osterode am Harz. Sie stieß auf die Anzeige im Harz Kurier, einer Partnerzeitung der HNA.

„Ich habe die Zeitung nicht regelmäßig gelesen“, sagt Schwarze. „Damals hatte ich sie zufällig bei der Arbeit auf dem Tisch liegen und habe sie durchgeblättert.“ Sie dachte: „Das hört sich interessant an, da muss ich mich mal melden. Doch sie zweifelte, denn ihr Urlaub in England stand bevor. „Wenn sich etwas ergibt, wollte ich den Kontakt nicht sofort abreißen lassen.“ Die 52-Jährige schickte dennoch einen Brief.

Schwarze war nicht die Erste, die sich auf Schneiders Anzeige meldete. „Ich hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben, als der Brief von Kerstin kam“, sagt Schneider. Sie hatte sich bereits mit ein paar Frauen getroffen. „Da hat es nicht gefunkt“. Doch mit Schwarze lief es anders. Die beiden schrieben SMS und telefonierten viel. „Ich habe mich sofort in ihre Stimme verliebt“, sagt Schneider.

Bei ihrer Hochzeit: Silke Schneider (links) und Kerstin Schwarze haben sich über eine Anzeige in der HNA kennengelernt.
Bei ihrer Hochzeit: Silke Schneider (links) und Kerstin Schwarze haben sich über eine Anzeige in der HNA kennengelernt. © Privat

„Ich fand es toll, dass wir viel gemeinsam haben“, berichtet Schwarze. Beide haben früher Handball gespielt. „In Heringen hatte ich mal ein Trainingslager, das war bei ihr nebenan.“ Schneider kommt aus Obersuhl. „Wir haben überlegt, ob wir uns da über den Weg gelaufen sind.“ Beide haben zudem kaufmännische Berufe gelernt: Schneider Einzelhandelskauffrau, Schwarze Industriekauffrau. Auch eine enge Beziehung zu ihren Müttern verbindet sie. „Wir telefonieren täglich mit ihnen.“

Und noch etwas haben beide gemeinsam: Sie stellten erst spät fest, dass sie auf Frauen stehen. Schwarze war Ende 30, Schneider etwa 40. „Ich bin lange allein durch das Leben gegangen, doch irgendwann dachte ich, es fehlt etwas“, berichtet die 52-Jährige. Sie hatte damals eine Kollegin, die mit einer Frau zusammenlebte. „Ich habe gemerkt, dass das normal ist.“ Zunächst schaute sie sich im Internet um, bevor sie auf Schneiders Anzeige stieß.

„Ich bin auch ein Spätzünder“, sagt Schneider. „Ich habe lange gedacht, dass ich den richtigen Partner noch nicht gefunden habe.“ Irgendwann wollte sie nicht mehr allein sein und merkte, dass sie Frauen attraktiver findet. „Ich hatte zwar auch Beziehungen mit Männern, aber die waren immer nur Kumpel für mich.“ Ihr Coming Out – sie bekannte sich zu ihrer Homosexualität – hatte Schneider bei einem Besuch ihrer Mutter.

Brachte das Ehepaar zusammen: Mit dieser Anzeige suchte Silke Schneider am 17. Mai 2014 in der HNA eine Partnerin. Die Chiffre haben wir unkenntlich gemacht. Repro: HNA
Brachte das Ehepaar zusammen: Mit dieser Anzeige suchte Silke Schneider am 17. Mai 2014 in der HNA eine Partnerin. Die Chiffre haben wir unkenntlich gemacht. © HNA

„Ich habe ihr gesagt, dass sie keinen Schwiegersohn bekommen wird, sondern eine Schwiegertochter.“ Ein Bekannter habe später zu ihr gesagt, wir haben uns das schon gedacht. „Die haben das früher gewusst als ich.“ Beide hätten bisher noch keine Probleme gehabt, weil sie lesbische Frauen sind.

Ihr erstes Treffen hatte das Paar auf Schloss Berlepsch, denn das war etwa in der Mitte zwischen Osterode und Melsungen, wo Schneider schon wohnte. „Dort konnten wir gemeinsam wandern, was wir beide gerne machen“, sagt sie. Kurz darauf fuhren sie zum Kennenlernen nach Dresden. Auf der Rückfahrt fragte Schneider: „Darf ich meinen Eltern jetzt sagen, dass ich eine Freundin habe?“ Schwarze sagte Ja. „Wir sind dann bei Obersuhl direkt von der Autobahn gefahren und zu meinen Eltern zum Kaffeetrinken.“

Zwei Monate nach der Kontaktaufnahme kam Schwarze das erste Mal nach Melsungen. Dort wohnen sie mittlerweile zusammen, denn Schneider konnte sich nicht vorstellen, noch weiter von ihren Eltern in Obersuhl wegzuziehen. Auch ihre Arbeit – sie ist seit 30 Jahren bei B. Braun – wollte sie nicht aufgeben. Schwarze hingegen, die damals seit 24 Jahren bei der Sparkasse arbeitete, wollte etwas anderes machen. Als ihre Arbeitskollegin kündigte, um mit ihrer Freundin nach Bayern zu ziehen, kündigte sie auch und zog nach Melsungen.

So viele gleichgeschlechtliche Eheschließungen gab es im Kreisteil Melsungen.
So viele gleichgeschlechtliche Eheschließungen gab es im Kreisteil Melsungen. © HNA

Am 2. Mai 2019 heirateten die beiden. Den Heiratsantrag machte Schwarze – auf einer Düne bei Warnemünde im Sonnenuntergang. „Ich habe nicht damit gerechnet, da war ich richtig baff.“ Die Ringe hatte Schwarze tagelang dabei, um auf den richtigen Moment vorbereitet zu sein. Dabei wollte sie eigentlich nie heiraten. Aber dann schlich sich der Gedanke daran ein und kam immer öfter. Sie begann, nach Ringen zu schauen. „Ich dachte, das bindet uns noch fester zusammen“, sagt sie.

Geheiratet hat das Ehepaar klein. „Wir haben mein Auto vollgepackt, unsere Mütter und den Hund mitgenommen und sind an die Mosel gefahren.“ Auf der Reichsburg Cochem gaben sie sich das Ja-Wort. (Fabian Becker)

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