Neue Glocken für Röhrenfurth: Der letzte lebende Zeitzeuge berichtet

Glockenklänge begleiten den Lauf des Lebens von der Taufe und Konfirmation über die Hochzeit bis hin zur Beerdigung, sagt Pfarrer Henning Meinecke, hier an einer der drei neuen Röhrenfurther Glocken. Fotos: Schaake

Röhrenfurth. Im Advent 1961 wurden für Röhrenfurth drei Glocken gegossen. Herbert Weber (85) ist der einzige noch lebende Zeitzeuge, der den Glockenguss miterlebt hat.

„Weil ich neugierig war und weil man so etwas nur einmal erlebt” hatte sich Weber für die Fahrt angemeldet. „Wir haben im Kleinbus gefroren”, erinnert er sich. An jenem Tag wurden in Sinn zur Sterbestunde Christi noch mehr Glocken gegossen.

Weber hatte sich für den Glockenguss einen Tag Urlaub genommen. „Nach dem Vaterunser floss die Lava, der Guss ging sehr schnell”, erinnert sich Weber an die 1100 Grad heiße Bronze. Mittlerweile sei ihm das Geläut in Fleisch und Blut übergegangen, sagt Weber zu die Harmonie der neuen Glocken in Harmonie mit der alten von 1815.

Webers Vater, der 1980 im Alter von 96 Jahren starb, sagte immer: „Hör mal, wie wunderschön das neue Fis-Glöckchen klingt.” Die Fis ist die kleinste Glocke im Geläut.

KRANKE GLOCKENGIESSER

Nach jahrelangen Vorbereitungen hatte die Kirchengemeinde das Ziel, drei neue Glocken zum ersten Advent 1961 zu weihen. Das klappte nicht. Die HNA Melsungen, die damals Heimat-Echo hieß, berichtete: „Die Glockengießerei Rincker in Sinn kann den vorgesehenen Liefertermin wegen schwerer Erkrankung von 30 Prozent ihrer Arbeiter leider nicht einhalten.” Die Glocken wurden am 30. November 1961 gegossen. Straßenbauermeister Wilhelm Fehr holte sie am 29. Dezember in der Gießerei in Sinn im Lahn-Dill-Kreis ab. Mit Girlanden geschmückt, fuhr der Lastwagen durch das Dorf mit damals schon über 1000 Einwohnern. Am 28. Januar wurden die Glocken feierlich geweiht.

VORGESCHICHTE

Röhrenfurth hatte nur zwei Glocken: 1628 von Kohler und 1815 von Henschel in Kassel gegossen. Die Henschel-Glocke ist Bestandteil des nun vierstimmigen Geläutes, die kleine Glocke hängt über der Friedhofskapelle. Die Henschel-Glocke musste für Kriegszwecke abgegeben werden, wurde aber nicht eingeschmolzen. Die Röhrenfurther fanden sie auf dem Glockenfriedhof in Hamburg wieder und holten sie nach dem Krieg, 1947, zurück ins Dorf.

DER WUNSCH

In einem HNA-Bericht von 1961 spricht Pfarrer Hermann Drüner - von 1957 bis 1969 Pfarrer in Röhrenfurth - von Sehnsucht nach einem schönen Geläut. Er beschreibt den „Schmerz der Röhrenfurther gegenüber anderen Orten, sämtlichen umliegenden Dörfern, darin benachteiligt zu sein, dass sie praktisch kein Geläut haben”. Zeitzeuge Herbert Weber sagt: „Es war ein Gebimmel.”

VIELE SPENDETEN

13.000 D-Mark kosteten die neuen Glocken samt elektrischer Läuteanlage. Mehr als 7000 Mark wurden gespendet. Eine Glocke spendete Bäckermeister Wilhelm Bernhard.

Am 28. Januar 1962 wurden die Glocken geweiht. Pfarrer Drüner wünschte, dass die Glocken einen friedlichen Zeitabschnitt einläuten mögen.

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