Ärzte in vier Generationen:

Praxis Sostmann vor 125 Jahren in Melsungen gegründet

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Arbeiten in historischen Räumen: Die Melsunger Hausarztpraxis Sostmann ist seit vier Generationen in Familienhand. Der Urgroßvater von Bernd Sostmann hatte sie gegründet. Mit im Bild seine Arzt-Kolleginnen Lotta Jacob (Mitte) und Simone Meinecke.

Die Treppenstufen vorm Eingang zur Hausarztpraxis Sostmann in Melsungen sind ausgetreten. Kein Wunder, denn die Praxis ist seit 100 Jahren am selben Standort in der Rotenburger Straße.

Gegründet wurde sie sogar vor 125 Jahren und zählt damit zu den drei ältesten familiengeführten in Deutschland, sagt Bernd Sostmann, seit 20 Jahren Chef der Praxis.

Seine Tante Elisabeth Dahnke geborene Sostmann ist 86 Jahre alt und die Älteste der Sostmann-Dynastie. Ihr Vater war Dr. Heinrich Sostmann, der Großvater des heutigen Praxis-Inhabers und Schwiegersohn des Praxisgründers Johannes Kahl. Elisabeth Dahnke war eins von fünf Kindern.

Praxis und Wohnung waren damals unter einem Dach, erinnert sie sich, „trotzdem haben wir unseren Vater wochenlang nicht gesehen.“ Wollte sie den Vater was fragen, musste sie sich ins Wartezimmer setzen und warten, bis sie an der Reihe war. Oder sie fuhr mit dem Vater zu Hausbesuchen, „dann hatte ich im Auto Zeit, ihm etwas zu sagen“.

Vier Generationen Ärzte: von links Uropa Johannes Kahl mit Vater Hans-Wilhelm, Sohn Bernd und Opa Heinrich Sostmann im Jahr 1957.

Eine Sprechstundenhilfe gab es damals nicht. Bei schwierigen Fällen musste ihre Mutter mit anpacken, eine gelernte Krankenschwester. Die Instrumente wurden auf dem Herd in der Küche der Familie sterilisiert. Zu Quartalsabrechnungen rief der Vater oft nach den Kindern, um die Rechnungen für die Patienten zu diktieren.

Im Erdgeschoss, wo heute Wartezimmer und Empfangstresen sind, war die Praxis, durch eine Tür ging’s in den Wohnbereich. Elisabeth Dahnke erinnert sich, dass im ersten Behandlungszimmer links zeitweise ihr Schlafzimmer war. Hinten befanden sich Küche, Vorratskammer mit dem Speisenaufzug, Lernzimmer und Wohnraum, oben waren die repräsentativen Räume mit Herrenzimmer, Biedermeierzimmer und Esszimmer. Hausgeburten gehörten damals zum Praxisalltag. Bernd Sostmann ist stolz, dass heute noch 20 Patienten in die Praxis kommen, die durch seinen Vater Hans-Wilhelm auf die Welt gekommen sind. 

Elisabeth DahnkegeboreneSostmann

Auch wenn Bernd Sostmann nicht mehr Geburten begleitet, gehören seit einigen Jahren wieder Babys zum Patientenstamm. Denn seine Kollegin Lotta Jacob ist Fachärztin für Allgemeinmedizin mit pädiatrischem Schwerpunkt und seit sechs Jahren in der Praxis. „Bei uns werden die Patienten von Null bis zum Tod medizinisch begleitet“, sagt sie. Und sie ist ein doppeltes Unikum in der Praxis: die erste Ärztin und das erste Nicht-Mitglied der Familie in der Praxis.

Bernd Sostmann, die vierte Ärzte-Generation der Familie, hat vier Kinder. Keines will Arzt werden. Aber mit Lotta Jacob wird die Praxis weitergehen. „Bei uns wird am Tag die Tür 400 Mal auf- und zugemacht“, berichtet Bernd Sostmann. Deshalb werden die Treppenstufen am Eingang weiter ausgetreten.

Mit der Kutsche zu den Patienten

Der Melsunger Praxisgründer Dr. Johannes Kahl (1869 bis 1960) fuhr noch mit der Pferdekutsche zu den Patienten auf die Dörfer. „Seine Pferde hießen alle Flora“, erinnert sich dessen Enkelin Elisabeth Dahnke. Mit Pferden konnte ihr Großvater gut umgehen, denn er stammte von einem großen Bauernhof in der Schwalm. Eigentlich sollte Johannes Kahl als ältester Sohn den Hof übernehmen, aber Elisabeth Dahnke erzählt die Familienlegende, in der es immer hieß: „Das Hänselchen muss studieren“. Zunächst stand jedoch das Gymnasium an. Jeden Tag ging es zu Fuß nach Ottrau zum Bahnhof und von dort nach Bad Hersfeld. 

Am Königlichen Gymnasium war sein Klassenlehrer übrigens Konrad Duden, der Verfasser des Duden, dessen Sohn war Kahls Klassenkamerad. Die Abschlussrede hielt der Oberprimaner übrigens auf Latein. Als Medizinstudent kam Johannes Kahl nach Melsungen, weil ihm ein Praktikum in einer Lungenheilstätte fehlte. Im März 1895 eröffnet er eine Praxis in der Burgstraße. 1903 wurde er Kreisarzt für Melsungen und Rotenburg sowie Reichsbahnarzt. Damit durfte er Züge anhalten, um einen Patienten in ein Krankenhaus nach Kassel bringen zu lassen. 1920 zog er mit seiner Praxis in die Rotenburger Straße um.

Ärzte-Generationen

Dr. Johannes Kahl (1869-1960)

Dr. Heinrich Sostmann (1892-1978) 

Dr. Hans-Wilhelm Sostmann (1928-2018) 

Bernd Sostmann (1957)

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