Fragen und Antworten

„So etwas noch nie erlebt“: Tausende Kraniche über Melsungen

Ungezählte Kraniche zogen Sonntag über Melsungen: Das Spektakel ging weit über eine Stunde.
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Ungezählte Kraniche zogen Sonntag über Melsungen: Das Spektakel ging weit über eine Stunde.

Es war ein regelrechtes Spektakel, das sich am Sonntag am Himmel über dem Kreisteil abgespielt hat. Ungezählte Kraniche zogen mit lautem Trompeten in Richtung Süden.

Altkreis Melsungen – Und der Zug wollte gar nicht mehr enden, auch nach eineinhalb Stunden kamen immer wieder Schwärme hinterher.

„So etwas habe ich noch nie erlebt“, sagt zum Beispiel die Melsungerin Inge Harning, die das Flugspektakel in ihrem Garten beobachtet hat – und sie wohnt schon seit fast 60 Jahren in Melsungen.

Einer, der das Ereignis auch beobachtet hat, ist Joachim Reinhardt aus Elbersdorf. Der Vogelexperte arbeitet als Ranger im Nationalpark Kellerwald-Edersee. Er hat uns einige Fragen zum Vogelzug beantwortet.

Wie kommt es, dass am Sonntag so viele Kraniche unterwegs waren?

Am Sonntag hat alles gestimmt. Die Wetterbedingungen waren optimal. Durch den Sonnenschein hatten die Vögel genug Thermik, um möglichst kraftsparend zu fliegen, und es gab keinen Gegenwind.

Die Tage davor war es den Kranichen wegen des starken Windes nicht möglich, zu fliegen, deshalb war am Sonntag ein Schwerpunktzugtag. Der Spangenberger und Melsunger Raum sind ohnehin ein Durchzugsraum.

Das Flugwetter soll diese Woche gut bleiben, deshalb werden noch einige Kraniche folgen.

Wo kommen die Kraniche her?

Die, die hier drüber fliegen, kommen meist aus den großen Feuchtgebietsbereichen in der Goldenen Aue. Das Gebiet befindet sich zwischen Sangerhausen und Nordhausen an der Grenze zwischen Thüringen und Sachsen-Anhalt.

Einige kommen aber auch aus dem Bereich Brandenburg.

Wie sprechen sich die Tiere ab, um gemeinsam loszuziehen?

Das funktioniert wie eine Kettenreaktion. Die einen starten, die anderen hören das und schließen sich an. Die Vögel haben auch ein Gespür für das richtige Zugwetter. Sie befinden sich ab einer bestimmten Zeit in einer Art Alarmbereitschaft.

Wie bereiten sich die Zugvögel auf die Reise vor?

Auf Feldern fressen sie gerne Mais- oder Kartoffelreste. Manche Landwirte lassen das für die Kraniche extra auf den Feldern. Damit können sich die Tiere Fettdepots anlegen. Die kleinen Polster befinden sich vorne auf dem Brustkamm.

Aber zu viel dürfen die Vögel auch nicht fressen, schließlich müssen schwerere Vögel auch mehr Kraft zum Fliegen aufwenden.

Wie machen die Vögel untereinander aus, wer vorne fliegt?

Das klären die Tiere durch ihr lautes Rufen. Sie wechseln sich ab. Denn der Kranich, der vorne fliegt, hat die schlechtesten Flugebedinungen, da er nicht im Windschatten der anderen fliegt.

Ist der Vorflügler mit seinen Kräften am Ende, wird er von einem anderen Vogel abgelöst, der für ihn die Spitzenposition übernimmt. Die Aufgabe des Vogelführers übernehmen stets Altvögel, die Jungvögel lernen so, wie das Prozedere funktioniert.

Über Melsungen sind die Vögel am Sonntag auffällig lange gekreist, was bedeutet das?

Wenn die Vögel an Höhe verlieren, dann kreisen sie, um durch die Thermik wieder an Höhe zu gewinnen. Wenn sie sich in einem guten Thermikschlauch befinden, fliegen sie weiter.

Bis wohin fliegen die Kraniche?

Die werden erst einmal bis zum Marburger Becken fliegen und dort rasten. Zur Überwinterung fliegen sie bis nach Südfrankreich oder Spanien. Besonders beliebt ist die Extremadura in Spanien wegen der Korkeichenwälder.

Die Eicheln sind nämlich fetthaltig und deshalb besonders nahrhaft.    Wann sie dort ankommen, ob in zehn oder 14 Tagen oder ob es länger dauert, hängt mit den Flugbedingungen zusammen, die sie auf dem Zug erwarten.

Wie viele Kilometer legen die Kraniche am Tag zurück?

Etwa 100 bis 150 Kilometer. (Carolin Hartung)

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