Symbole der Würdigung: Zehn Gedenktafeln für ehemals verfolgte Melsunger verlegt

In Gedenken an zehn verfolgte Melsunger während der NS-Zeit wurden in der Melsunger Innenstadt am Freitagvormittag Stolpersteine verlegt.
Melsungen – Die vier Gedenkfeiern in der Melsunger Innenstadt zur Verlegung von zehn Stolpersteinen waren am Freitag eine Mahnung für Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit, für Toleranz und Menschenwürde.
Von Schülern der Melsunger Schulen begleitet
Begleitet wurde die Verlegung der Messingsteine von Schülerinnen und Schülern der Melsunger Schulen, Renate und Roland Häusler und durch Initiator Gunter Demnig aus dem Vogelsbergkreis.
Seitdem der Künstler das Projekt 1992 ins Leben gerufen hat, hat Demnig in 31 Ländern bisher 105 000 Stolpersteine verlegt. „Die Nachfrage nach Stolpersteinen ist weiterhin groß,“, sagte Demnig beim Empfang im Rathaus. „Ich habe nie Werbung gemacht – es kommt vom Herzen“.
Gäste reisten extra aus den USA an
Dankbar für die Würdigung waren auch viele Gäste, die extra aus den USA nach Melsungen anreisten: „Herzlichen Dank für diese Aktion“ sagte Michael Freedberg, der mit seiner Familie aus den USA nach Melsungen gekommen war.
Er kam wegen seiner Großmutter Grete Levy, die damals Melsungen verlassen musste, weil sie von den Nationalsozialisten verfolgt wurde.
Am Ende der Gedenkveranstaltung sagte er: „Es ist für mich und meine Familie von großer Bedeutung, gemeinsam mit der Bevölkerung von Melsungen die ehemaligen jüdischen Einwohner ehren zu dürfen.
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Durch diesen Zusammenhalt geschieht viel Heilung für meine Familie, die gesamte jüdische Gemeinschaft und die ganze Welt.“

Demnig hat die Stolpersteine erschaffen
Melsungens Erste Stadträtin Ulrike Hund und Stadtverordnetenvorsteher Timo Riedemann würdigten die Arbeit Demnigs und der Melsunger Initiative um Hans-Peter Klein.
Demnig habe die Stolpersteine erschaffen und ins Leben gerufen, sagte Hund. Und: „Auch die Stadt Melsungen hat ihre schwarzen und schweren Zeiten durchlebt.“
Ebenfalls gewürdigt wurden die laut Hund „unermüdlichen Recherchen“ von Hans-Peter Klein.
„Nie war ehrenamtliches Engagement und persönlicher Einsatz für dieses Gedenken so wertvoll wie heute“, sagte sie, „leider ein Satz, der in der näheren Vergangenheit besondere Bedeutung hat“.
Auch Kritik an den Steinen wurde geäußert
Gedacht werde der Personen, „über deren Schicksal wir stolpern und uns erinnern“. Es gebe auch verschiedene Arten von Kritik an der Verlegung der Stolpersteine, erklärte Hund.
So werde beispielsweise argumentiert, die Privatsphäre der Opfer werde verletzt, oder es werde befürchtet, dass dieses Gedenken die historische Tragweite des Verbrechens verharmlost.

Hund: „Ich meine, dass es unerlässlich ist, der Opfer zu gedenken, die keine andere Gedenkstätte, keinen Grabstein haben können, als den Stolperstein in ihrer Heimat.“
Stolpersteine sind mehr als nur Gedenksteine
Stolpersteine seien mehr als nur kleine Gedenksteine: „Sie sind Symbole der Erinnerung, der Würdigung und des Gedenkens an die Menschen, an ihre Angehörige und unsere Mitbürger, die während der Zeit des dunkelsten Kapitels unserer Geschichte unsägliches Leid erfahren haben.“

Steine geben Opfern ihre Würde zurück
Jeder Stolperstein gebe den Opfern des Nationalsozialismus ihre Namen und ihre Würde zurück. Die erste weiße Rose bei der Verlegung der Stolpersteine Am Markt 4 legte Elfriede Plümpe nieder – „um die Verstorbenen zu ehren“, wie sie sagte. Auch auf den weiteren Stolpersteinen lagen weiße Rosen.
An der Rotenburger Straße/Tränkelücke stellten Schüler der Geschwister-Scholl-Schule mit Pfarrer Jörg Ackermann die Geschichte des jüdischen Lehrers Dagobert Löwenstein und seiner Frau vor.

Vor dem Haus Vorderes Eisfeld 6 präsentierten die Schüler der Fuldatalschule mit Lehrerin Inka Laessing Laken, auf die die Geschichte der Familie Speier in Form einer Thorarolle gezeichnet wurde.
Hans-Peter Klein stellte in Zukunft auch weitere Stolpersteinverlegungen in Melsungen in Aussicht. (Manfred Schaake)
Familie Rothschild
Bei der gestrigen Stolpersteinverlegung wurde auch der Familie Rothschild gedacht. Hans-Peter Klein von der Stolperstein-Initiative hat Interessantes über die Rothschilds zusammengetragen: Hanns-Joseph Rothschild wurde nach der Pogromnacht am 08. November 1938 verhaftet und mit drei anderen Männern jüdischen Glaubens - Emil Goldschmied, Arthur Katz und Leopold Abt - aus Melsungen in dem Lager Breitenau bei Guxhagen inhaftiert. Von dort wurde er in das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar überstellt. In Belgien wurden Hugo und Bertha Rothschild in dem Lager Mechelen inhaftiert und von dort im Oktober 1942 nach Auschwitz deportiert. Hanns-Joseph und Myrtle Rothschild haben zwei Kinder: Hilary Rothschild und Renee Richmond, die beide in England leben, wie Klein erläutert.