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Tafeln versorgen derzeit zunehmend geflüchtete Ukrainer und stoßen an ihre Grenzen

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Von: Claudia Brandau, Christina Zapf, Sandra Rose, Fabian Becker

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Geben die Lebensmittel der Melsunger Tafel aus: Lidia Spenst, Reiner Lohe, Christa Weigel, Nurhan Efe (mit Blitzspiegelung auf der Brille), Ursula Röse, Martina Püschel, Waltraud Weber engagieren sich ehrenamtlich.
Geben die Lebensmittel der Melsunger Tafel aus: Lidia Spenst, Reiner Lohe, Christa Weigel, Nurhan Efe (mit Blitzspiegelung auf der Brille), Ursula Röse, Martina Püschel, Waltraud Weber engagieren sich ehrenamtlich. © Lena Pöppe

Lebensmittelknappheit, Coronaausfälle und deutlich mehr Kunden in ohnehin schwierigen Zeiten: Das sind die großen Probleme, vor denen die vier Tafeln im Landkreis stehen.

Schwalm-Eder – Die Tafeln im Landkreis haben aktuell einigige Probleme:

Tafel Melsungen

555 Menschen, davon 338 Erwachsene und 217 Kinder, werden derzeit von der Tafel in Melsungen versorgt. Vor vier Wochen waren das noch 456 Menschen, 277 Erwachsene und 179 Kinder. „Dazu gekommen sind fast nur ukrainische Geflüchtete“, sagt Koordinator Gerhard Peter. Diese würden meist von den Besitzern der Wohnungen unterstützt, in denen sie derzeit leben. „Wir sind mit Obst und Gemüse versorgt.“

Backwaren gebe es sogar im Überfluss. Probleme gebe es aber bei Mehl und Öl. „Gerade Öl wird von den Ukrainern viel nachgefragt.“ Wegen der hohen Lebensmittelpreise seien zudem hochpreisige Produkte wie Spargel und Trüffel bei der Tafel zu finden, da sie im Einzelhandel derzeit weniger verkauft würden.

Diese Woche werden alle Kundenkarten ausgegeben

Peter rechnet damit, dass die Tafel im Laufe der Woche alle Kundenkarten ausgegeben hat. Die Kommunen seien dann bei der Versorgung der Geflüchteten gefragt. „Die Tafel muss in diesem Fall mit Wartelisten arbeiten“, sagt er.

Das sei erst einmal der Fall gewesen: Als die syrischen Geflüchteten 2015 und 2016 nach Deutschland kamen. „Wir stoßen dann an unseren Grenzen.“ Die Ware, der Raum und auch die Zahl der Ehrenamtlichen reiche dann nicht mehr aus.

Der Beitrag, der von den Tafelnutzern gezahlt werde, solle dennoch nicht erhöht werden. „Die zwei Euro pro Erwachsenem sind ein symbolischer Wert, sagt der Koordinator. Er habe zwar in den vergangenen Jahren zur Deckung von Kosten wie Heizung, Miete und den Kühlraum gereicht, doch diese steigen derzeit. „Wenn nötig, werden wir auch aus Spenden finanzieren.“

Tafel Fritzlar

„Wir haben mit jedem Tag mehr ukrainische Flüchtlinge, die uns um Lebensmittel bitten“, sagt Lothar Krönert, Koordinator der Tafel in Fritzlar. Noch seien Plätze frei, aber die Aufnahmekapazität doch begrenzt. Die zur Verfügung stehenden Waren aber seien endlich und „irgendwann geht es auch vom Personal her nicht mehr“, so Krönert.

Aktuell kämen rund 640 Kunden zur Fritzlarer Tafel – „mit zunehmender Tendenz.“ Immer wieder erhalte er jetzt Anrufe für die Anmeldung von Ukrainern. „Ich fürchte, die Problematik geht gerade erst richtig los“, sagt Krönert. In Fritzlar kommt die Tafelmitarbeiter mit dem Angebot noch klar: „Aktuell ist die Lage in Ordnung, es darf aber nicht weniger werden“, sagt Lothar Krönert.

30 Geschäfte beliefern Fritzlarer Tafel

Die derzeit vielerorts vergriffenen Grundnahrungsmittel Mehl und Öl gebe es bei der Tafel in Fritzlar ohnehin nicht so häufig. „Die Geschäfte geben uns ja vor allem Lebensmittel, die schnell schlecht werden oder deren das Mindesthaltbarkeitsdatum abläuft“, sagt Krönert. Rund 30 Geschäfte beliefern die Fritzlarer Tafel.

Außerdem habe Bürgermeister Hartmut Spogat die Bürger dazu aufgerufen, Waren an die Tafel zu spenden, um diese bei der Versorgung der Ukrainer zu unterstützen.

Tafel Homberg

Das merkt auch der Homberger Koordinator Peter Laukner. In der vorigen Woche habe es einen Tag gegeben, an dem der Andrang einfach riesig, die Mitarbeiter gestresst, das Angebot weg gewesen sei. „Der Zustrom ist enorm: Wir werden gerade überrannt“, sagt Laukner.

„Vorige Woche standen viele Menschen vor der Tür, die gar nicht angemeldet waren. „Dabei sind wir doch schon im Normalfall voll ausgelastet.“ Eine große Hürde im Umgang mit den Flüchtlingen aus der Ukraine seien Sprachbarrieren: „Wir brauchen dringend Übersetzer und Dolmetscher, die die Abläufe erklären.“

Die durch Hamsterkäufe geleerten Supermarktregale hingegen schmälerten noch nicht das Warenangebot der Tafel. In Homberg steht Brot und Gemüse reichlich zur Verfügung, Molkereiprodukte und Wurst aber seien „immer knapp“, sagt Peter Laukner.

Tafel Schwalmstadt

Seit voriger Woche ist der Ansturm von ukrainischen Geflüchteten riesig. Wir haben zunächst eine Art Notversorgung eingerichtet“, erläutert Erika Unger von der Schwälmer Tafel. Zum regulären Betrieb komme die Anmeldung hinzu.

Hierfür reiche eine Meldebescheinigung und ein ukrainischer Pass, dann bekämen die Menschen eine Kundenkarte, die sie berechtige, alle 14 Tage im Laden Lebensmittel abzuholen. Hier könne man aktuell aber meist nur auf haltbare Lebensmittel zurückgreifen: „Das Spendenaufkommen ist insgesamt rückläufig, die Supermärkte bestellen gezielter. Vor allem Milchprodukte erhalten wir kaum“, erklärt Unger.

Sprache ist eine Hürde

Neben der Koordination stellt die Sprache eine weitere Hürde für die Helfer dar. „Es gab eine kurze Info mit wichtigen Begriffen vom Bundesverband, aber wir sind da doch weitgehend auf uns allein gestellt“, berichtet die Treysaerin. Man helfe sich mit Piktogrammen, also Symbolen, viele Geflüchtete hätten Übersetzungsprogramme auf ihren Smartphones, „ansonsten geht es auch mit Händen und Füßen“. Sehr entgegenkommend seien viele russisch sprechende Kunden, auch sie böten Übersetzung an.

Die Schwälmer Tafel ist mit weiteren 40 Menschen, die in den vergangenen Tagen aufgenommen wurden, nun an ihrer Kapazitätsgrenze, was die Versorgung angeht. 430 Menschen werden hier unterstützt. Aktuell ist eine Warteliste eingerichtet. In der Schwalm seien Geflüchtete in Frielendorf, Neukirchen, Oberaula und im Kreiskirchenamt Ziegenhain untergebracht, erklärt Erika Unger – viele größere Familien.

Geflüchtete haben nichts zu essen

Und teils kämen die Menschen wirklich mit den Worten: „Wir haben nichts zu essen.“ Deshalb werde man in der Schwälmer Tafel jetzt auch Kisten vorpacken, um den Ansturm weiter bewältigen zu können. „Darin finden sich haltbare Lebensmittel, die wir je nach Spenden mit frischen Lebensmitteln auffüllen“, erläutert Unger.

Ob die Geflüchteten diese Lebensmittel überhaupt dort, wo sie untergebracht seien, verarbeiten könnten, sei fraglich: „Hat eine Familie beispielsweise nur eine Kochplatte, wird es schwierig.“

Insgesamt ist der Kraftakt nur dank einer guten personellen Situation leistbar: „Da geht ein ganz großes Lob ans gesamte Team“, sagt die Koordinatorin. Insgesamt sei man bis jetzt auch gut durch die Pandemie gekommen, bis Ende April mache man aber weiterhin vom Hausrecht Gebrauch: „Kunden und Mitarbeiter müssen eine FFP2-Maske tragen.“ Auch vergebe man Zeitfenster, sodass möglichst nur ein Kunde im Laden sei. Erika Unger und ihr Team hoffen auf Unterstützung vom Diakonischen Werk, hier habe man sehr deutlich gemacht, dass sie dringend nötig sei. (Fabian Becker, Christina Zapf, Claudia Brandau, Sandra Rose)

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