Coronavirus

Telefonseelsorge Nordhessen: Mehr Hilfe-Anrufe seit  der Corona-Epidemie - Geschäftsführerin im Interview

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Die Telefonseelsorge Nordhessen sucht nach ehrenamtlichen Helfern: Gerade in der Coronakrise sei Bedarf da. Das Foto zeigt das Büro der Telefonseelsorge in München. 

Seit der Corona-Epidemie suchen deutlich mehr Menschen Hilfe bei der Telefonseelsorge. Das bestätigt Salome Möhrer-Nolte, Geschäftsführerin der Telefonseelsorge Nordhessen.

Viele Menschen würden derzeit Existenzängste umtreiben und viele Menschen fühlen sich gerade einsam, sagt die Geschäftsführerin. Die Telefonseelsorge Nordhessen verzeichnet einen Anstieg der Hilfe-Anrufe um 15 Prozent seit März. „Wir bemerken, dass das Virus für Verunsicherung sorgt“, sagt Möhrer-Nolte.

Dem gegenüber steht der Mangel an ehrenamtlichen Helfern, erklärt die Geschäftsführerin. „Wir haben ein großes Einzugsgebiet und die Nachfrage nach unserem Angebot ist groß“, sagt sie. Aus dem Schwalm-Eder-Kreis kämen gerade ein mal sechs von 70 ehrenamtlichen Helfern, sagt Salome Möhrer-Nolte. Dabei müsse die Telefonseelsorge alle Landkreise aus Nordhessen abdecken. Deshalb sucht die Telefonseelsorge in der jetzigen Lage akut nach Helfern. „Es wird zunehmend schwer, die Nächte zu besetzen“, sagt sie. Gerade jetzt würden vermehrt Menschen an den Wochenenden und in den Abendstunden anrufen.

Ein Durchschnittsalter der Anrufer, die Hilfe suchen, gebe es nicht. „Wir verzeichnen aber die Zunahme von Studierenden, die Hilfe suchen.“ Da sich die Ratsuchenden verjüngt haben, will die Telefonseelsorge ihr Angebot erweitern, sagt die Geschäftsführerin. „Wir bieten nicht nur Hilfe am Telefon, sondern auch per E-Mail an.“

Im kommenden Jahr soll es zudem eine Chat-Seelsorge geben. Seit der Coronakrise seien es auch zunehmen Familienväter und -mütter, die Rat suchen. Sie stünden unter einem enormen Druck.

2019 nahm die Telefonseelsorge 11 000 Anrufe entgegen. Über 8000 davon waren längere Seelsorgegespräche. Viele Anrufer seien in einer depressiven Stimmung, in einer suizidalen Krise oder hätten eine psychische Erkrankung. Zum Teil seien diese Personen bereits in psychiatrischer Begleitung, benötigten aber noch mehr Zuwendung.

Corona-Epidemie: Mehr Menschen suchen Hilfe am Telefon 

Schwalm-Eder – Wegen des Coronavirus müssen wir soziale Kontakte auf ein Minimum reduzieren. Viele Menschen treibt das in die Einsamkeit. Was das für die Telefonseelsorge bedeutet, erklärt Salome Möhrer-Nolte, Geschäftsführerin der Telefonseelsorge Nordhessen.

Frau Möhrer-Nolte, hat sich die Coronakrise bei der Telefonseelsorge bemerkbar gemacht?

Ja, sehr. Es gibt bundesweit eine Zunahme von Menschen, die Hilfe bei Telefonseelsorgen suchen. Auch bei uns ist das der Fall. Die Zahlen aus dem März sind noch nicht so aussagekräftig, da wir hauptsächlich eine Zunahme in den letzten beiden März-Wochen verzeichnet haben. Aber schon jetzt konnten wir einen Anstieg von bis zu 15 Prozent der Anrufe verzeichnen.

Ich gehe davon aus, dass sich das in den kommenden nochmals erhöht. Dazu kommt, dass wir einen deutlichen Anstieg bei den Neu-Anrufern haben, also Menschen, die bislang noch nie bei uns angerufen haben.

Sind es meistens ältere Menschen, die bei Ihnen Hilfe suchen?

Nein, das kann ich nicht bestätigen. Wir haben generell auch sehr viele junge Anrufer. Studenten beispielsweise, die unter Leistungsdruck stehen und zum Teil auch suizidale Gedanken äußern.

Was bereitet den Anrufen derzeit Sorge?

Die Gespräche, die wir führen, drehen sich in den meisten Fällen um Ängste. Wir führen diesbezüglich Statistiken: Im März haben 19 Prozent aller Anrufer geschildert, dass sie Ängsten haben und von diesen ‘erdrückt werden’. Existenzangst hat seit der Coronakrise deutlich zugenommen. Viele Menschen machen sich Sorgen, wie es finanziell weitergehen soll. Dazu kommt, dass sie gerade jetzt niemanden haben, mit dem sie diese Sorgen teilen können, wenn Verwandte oder die Familie weit entfernt sind. Außerdem äußern viele Menschen auch die Angst, um die Gesundheit ihrer Angehörigen und sich selbst. Und: Generell drehen sich gerade 30 bis 40 Prozent aller Telefongespräche um das Coronavirus und seine Auswirkungen auf die Gesellschaft.

Was raten Sie den Menschen, die Hilfe suchen?

Das kann man so pauschal nicht beantworten. Unsere Mitarbeiter sind gut geschult. Bevor die Ehrenamtlichen bei der Telefonseelsorge anfangen, werden sie ein Jahr lang ausgebildet.

Unsere Mitarbeiter hören zunächst einmal sehr aufmerksam zu und versuchen am Ende eines Gesprächs, mit dem Anrufer gemeinsam eine Lösung zu finden und zu sehen, welche Ressourcen es dafür gibt. Ob es beispielsweise im familiären Umfeld oder dem Freundeskreis Unterstützung geben kann. Wenn das nicht hilft, schaut man, ob es sinnvoll sein kann, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, also einen Arzt oder Therapeuten aufzusuchen. Gemeinsam kann man so einen Plan erstellen, wie man mit schwierigen Situation umgeht.

Was Ihre ehrenamtlichen Helfer angeht, so sind diese ja auch von der Krise betroffen.

Ja, zum Teil. Viele unserer Ehrenamtlichen gehen ja einem Vollzeitjob nach, einige sind freigestellt oder befinden gerade in Kurzarbeit. Andere sind Rentner und können ihren sonstigen Aktivitäten ebenfalls nicht nachgehen und haben mehr Zeit, Telefondienste zu übernehmen. Deshalb können wir gerade in der Coronakrise auch sehr gut unser Angebot abdecken. Das ist aber nur eine Phase. Es gibt immer Fluktuation und wir suchen immer Ehrenamtliche.

Wir bekommen derzeit viele Anfragen von Menschen, die uns unterstützen wollen, aber das geht nun mal nicht so schnell. Keiner kann ans Telefon, bevor er nicht die einjährige Ausbildung durchlaufen hat.

Das heißt Sie können den steigenden Bedarf der Anrufer stillen?

Ja und Nein. Seit der Coronakrise klingelt zunehmend abends und in den Nachtstunden das Telefon. Momentan können wir diese Schichten gut besetzen. Während der ganzen 24 Stunden gibt es deutlich mehr Anrufversuche, als wir sofort annehmen können. Menschen, die uns erreichen wollen, brauchen also manchmal etwas Geduld und müssen es mehrmals versuchen. Wir haben immer etwa 70 Mitarbeiter. An den Wochenenden und abends könnten wir noch eine zweite Leitung besetzen. In Corona-Zeiten aber nicht, wegen des Sicherheitsabstandes und der einzuhaltenden Hygienemaßnahmen. Aber perspektivisch würden uns dafür noch Helfer fehlen.

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