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Terrorprozess gegen Spangenberger Marvin E. führt in seelische Abgründe

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Von: Stefan Behr

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Der Angeklagte Marvin E. aus Spangenberg beim Prozessauftakt.
Der Angeklagte Marvin E. aus Spangenberg beim Prozessauftakt. © DPA/Arne dedert

Im Terrorprozess gegen Marvin E. beschäftigt sich das Frankfurter Oberlandesgericht mit dem Leben des Angeklagten. Unter anderem Gedankenspiele zu Amokläufen sind Thema.

Spangenberg – Dem 20-jährigen Marvin E. aus Spangenberg (Schwalm-Eder-Kreis) wird die Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat und die versuchte Gründung einer terroristischen Vereinigung, die „Atomwaffen Division Hessen“, vorgeworfen. Nun wurde der Prozess fortgesetzt.

Wer die Banalität des Bösen sucht, kann sie in diesem Prozess finden: Marvin E.s Weltbild mag furchtbar und grausam sein, aber die vor dem Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts in Frankfurt besprochenen Details sind eher grotesk. „Sprich Deutsch mit mir!“, forderte E. etwa auf einem an seinem Wehrmachtshelm befestigten Sticker. Er selbst aber spricht in dem Prozess die deutsche Naziband „Landser“ in englischer Zunge als „Ländsor“ aus. Und sein selbst verfasstes Flugblatt zur „Operation RanzKacke“ liest sich inhaltlich wirr, ist aber ein flammendes Manifest gegen deutsche Rechtschreibung und Grammatik.

Terrorprozess gegen Marvin E.: Naziposter von Amazon bestellt

Dass er bei Amazon gleich drei Reichsflaggen auf einmal bestellt hatte, erklärt er damit, „Porto gespart zu haben“. Die aus dem Internet heruntergeladenen Hakenkreuze und SS-Kragenspiegel habe er als „Strickvorlagen“ gebraucht – der 20-Jährige hatte einst ein Praktikum in einer Schneiderei gemacht und ist des Nähens, Strickens und Häkelns kundig.

Den Unterschied zwischen der CDU, für die E. 2021 bei der Kommunalwahl in Spangenberg kandidiert hatte, und der mit AWD abgekürzten „Atomwaffen Division“ hatte er in einem der vorherigen Prozesstage so definiert: „Die AWD ist familiärer“. Sie hat aber auch zweifellos die seltsameren Plakate. Diese hatte E. nach eigenen Angaben mit vier im Internet rekrutierten Mitstreitern eigentlich kurz nach seiner Verhaftung im September 2021 in Kassel kleben wollen. Die Plakate waren nach Internetvorlagen gedruckt. Was allerdings die Kasseler mit Nazipostern hätten anfangen sollen, auf denen „Welcome to Florida“ steht, der Gründungsstaat der offiziell mittlerweile aufgelösten US-Terrortruppe, ist fraglich.

Das Einzige, das im Falle Marvin E. nicht dilettantisch und wirr ist, sollen laut Anklägern und Ermittlerinnen die von ihm gebastelten Bomben sein, die eine verheerende Wirkung entfaltet hätten. Diese aber sollen in dem Prozess erst in der Verhandlung am heutigen Freitag Thema sein.

Terrorprozess gegen Marvin E.: Interessierte sich für Situation von Amokschützen

Was dann aber tatsächlich für Entsetzen sorgt, ist ein Punkt, der gar nicht Gegenstand der Anklage ist: E. hatte in den Wochen vor seiner Festnahme im September 2021 zahlreiche Videos von Amokläufen an Schulen heruntergeladen und intensiv angeschaut. Mitgefühl mit den Opfern habe er dabei nicht empfunden, die seien ihm bestenfalls „egal“ gewesen, „manchmal habe ich auch darüber gelacht“.

Ihn habe eher die Situation der Amokschützen interessiert, dieses berauschende Gefühl, „dass man die Macht hat, das zu machen“ und über Leben und Tod anderer Menschen zu entscheiden. Er habe überlegt, das „vielleicht auch mal zu machen“.

Noch gruseliger ist, dass E. zeitgleich Schulen in und um Kassel gegoogelt hat. Das seien bloß „Gedankenspiele“ gewesen – wie man „in die Schule reinkommt“, wie man „wieder rauskommt, vielleicht sogar, ohne erwischt zu werden“. „Ich mache mir sehr viele Gedanken“, sagt der junge Mann, der auf der Anklagebank bislang allerdings einen eher gegenteiligen Eindruck macht.

Terrorprozess gegen Marvin E.: Gedankenspiele über Amoklauf

Selbst einmal Amok zu laufen, hätte ihn schon gereizt, zum einen aus Spaß an der Freude, zum anderen „um ein politisches Zeichen zu setzen“. Wahlloser Mord als politisches Zeichen? Nicht wahllos: „Es kommt darauf an, was und wen man umbringt“, präzisiert er. Sprüche wie „Rennt der Neger frei herum, schalt‘ auf Automatik um“, die E. als witzig erachtet und im Internet verbreitet hat, werden mit diesem Hintergrund noch entsetzlicher, als sie ohnehin schon sind.

Marvin E.s Weltbild mag konfus und unausgegoren sein. Die Existenz seiner „Atomwaffen Division Hessen“ wird mittlerweile selbst von den anklagenden Bundesanwälten angezweifelt, die es für möglich halten, dass E. sich seine virtuellen Mitstreiter nur „ausgedacht“ hat. Seine Bomben aber waren eine tödliche Bedrohung. Und ihr Bastler wohl ebenso, zumindest in Gedanken. (Stefan Behr)

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